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Zum Artikel Corona und die Psyche

Vater und Sohn an einem See. Der Junior berührt den Vater am Kinn.

Auch wenn es grade viel um Lockerungen geht: Wir müssen wohl noch eine ganze Weile mit dem neuen Coronavirus leben. Welche psychischen Auswirkungen haben diese Einschränkungen?

Eineinhalb, besser noch zwei Meter Abstand halten und auch die Umarmung fällt weg beim Besuch von Freunden oder Familie. Das gilt in Corona-Zeiten. Dabei brauchen wir Menschen Berührung zur sozialen Kommunikation und für ein Gefühl von Nähe, sagt die Neurowissenschaftlerin Rebecca Böhme. Und für unseren Hormonhaushalt: "Bei der Berührung wird Oxytocin ausgeschüttet. Das verstärkt das Bindungsgefühl. Das können wir nicht einfach durch ein freundliches Emoji ersetzen."

 Persönlicher Kontakt ist wichtig

Besonders für Menschen, die alleine leben und auch kein Haustier haben, könne das belastend sein, sagt Böhme, die Assistenzprofessorin für Neurowissenschaften an der Uni im schwedischen Linköpping ist. Den persönlichen, engen Kontakt können auch ein Videochat oder ein Telefonat nicht ersetzen. Vor allem, wenn es in einem Gespräch mit einem vertrauten Menschen auch mal um etwas Ernsteres geht. "In so einem Gespräch gibt es auch ganz viele Mini-Berührungen, wo man dem anderen mal kurz die Hand auf die Schulter oder den Arm legt und sich mal anstößt. Wenn das alles wegfällt, fühlt sich auch ein echtes Treffen komisch an", erklärt Böhme, die zum Thema Berührungen forscht.

Je länger die Einschränkungen gehen, desto stärker auch die Folgen für die Psyche. Besonders für demente Menschen sei dieser Kontakt wichtig, der nicht über den Verstand läuft.

Verständnisprobleme bei Demenzkranken

Das kann Ramona Thiessen bestätigen. Sie leitet im Seniorenpflegeheim St. Bilhildis in Mainz drei Wohnbereiche, zwei davon sind speziell für Demenzkranke. Besonders alte Menschen haben ein erhöhtes Risiko, an einer Infektion mit dem neuen Coronavirus zu sterben. Deshalb gilt eigentlich ein Besuchsverbot. Im Ausnahmefall sind Treffen nur mit Fenster dazwischen oder auf der Terrasse möglich, das aber müsse so gestaltet werden, dass die Begegnung für die Bewohner nicht zu einem Trauma führe. "Wenn ich Besuch bekomme, möchte ich meinen Angehörigen natürlich anfassen, umarmen. Gerade bei Demenz geht ganz viel über Gefühl und Emotionen. Da ist das Verständnis nicht ganz da, warum man da jetzt nicht hingehen darf", sagt Thiessen.

Doch nicht nur dementen Menschen könnten die neuen, ungewohnten Regeln Angst machen, sondern auch Kindern, sagt Neurowissenschaftlerin Böhme: "Wenn die Eltern mit Sorge in der Stimme sagen: "Oh Gott! Halt Abstand!', dann sehen die Kinder Berührungen als etwas Gefährliches an." Das Verhalten der Eltern könne einen negativen oder auch positiven Einfluss haben, sagt auch Martin Pinquart, Professor für Entwicklungspsychologie an der Universität Marburg. "Die Auswirkungen werden verstärkt davon abhängen, inwieweit die Menschen, denen die Kinder vertrauen, diese Ängste auffangen und relativieren. Vollkommen aus der Welt räumen kann man sie ja nicht", so Pinquart.

Online-Studie soll Aufklärung für Jugendliche bringen 

Ein Faktor sei auch, ob die Eltern zum Beispiel durch die Corona-Pandemie ihre Arbeit verloren haben und deshalb wirtschaftliche Belastungen schultern müssten. Oder ob es gar zu Corona-Fällen in der Familie gekommen sei. Kinder hätten aber auch kreative Lösungen, wie sie die Situation verarbeiten: "Ich habe selbst eine sechsjährige Tochter, die in den vergangenen Wochen besonders gern Intensivstation spielt und ihre Plüschtiere behandelt. Aber das Ganze ist nicht besonders angstbesetzt", erzählt der Entwicklungspsychologe.

Er führt derzeit eine Studie durch, um herauszufinden, wie sich die Corona-Pandemie auf die psychische Entwicklung von Jugendlichen auswirkt. In Corona-Zeiten allerdings nur mit einer Befragung im Internet. Ohne Ansteckungsrisiko.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 14.05.2020, 6-9 Uhr

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