Mutter und zwei Kinder am Esstisch

Corona hat den Alltag vieler Familien massiv verändert: Seit über zwei Monaten sind die Kitas für viele Kinder geschlossen, der Unterricht in den Schulen läuft nur zum Teil wieder, die sozialen Kontakte sind nach wie vor eingeschränkt. Das belastet Eltern und Kinder zunehmend. Welche Antworten hat die Politik, um Familien zu unterstützen?

"Wir sind am Anschlag, wir arbeiten beide, nicht voll, aber in der Summe 150 Prozent, wir wechseln uns ab in der Kinderbetreuung, Haushalt läuft fast nicht, wir sind fix und fertig." Dominik, 39 Jahre, Vater von 2 Kleinkindern

"Alle sind jetzt so ein bisschen genervt, weil wir Kinder sind ja jetzt zu Hause und dann gibts natürlich mehr Streit und mit dem Home-Scholing kann man die Lehrer auch nichts fragen." Flora, 11 Jahre

"Was kann ich denn überhaupt noch planen, was ist überhaupt im neuen Schuljahr, also es sind so viele offene Fragen und die nagen schon sehr am Gemüt und führen auch zu Spannungen in der Familie.“ Kristina, 41 Jahre, Mutter von zwei Schulkindern

Das Problem

Corona und alle Maßnahmen, um das Virus einzudämmen, stellen Familien vor neue Herausforderungen. Manche können die Zeit ohne viele Termine genießen, die meisten haben aber mehr zu schultern als vorher und kommen auch langsam an ihre Grenzen. Viele Eltern sind am Ende, vor allem wenn sie kleinere Kinder haben. Laut einer Studie belastet die Eltern derzeit am meisten die Ungewissheit, wie es mit der Öffnung von Kitas und Schulen weiter gehen soll.

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Zum Artikel Normal war gestern – Ideen für ein Leben mit Corona: Die Familien

Mutter und zwei Kinder am Esstisch
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Viele Väter und Mütter sprechen von enormen Belastungen und wünschen sich eine verlässliche Infrastruktur zurück. Manche erleben die neugewonnene Zeit mit der Familie auch als Chance. Demnach arbeitet der Großteil der Eltern mit Kindern unter 15 Jahren zu Hause. Nur für 20 Prozent hat sich an ihrem Arbeitsmodell nichts geändert und jeder Zehnte ist freigestellt oder arbeitet in Kurzarbeit. Bei den Kindern kommt laut einer Studie des Deutschen Jugendinstituts wohl die Mehrheit gut mit der Situation zurecht – ein Drittel jedoch nur schlecht.

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Serie: Normal war gestern - Ideen für ein Leben mit Corona

In der Corona-Krise ist die Politik bisher größtenteils auf Sicht gefahren. Einen großen, allübergreifenden Plan gab es nicht. Doch da mittlerweile klar ist, dass wir es noch eine ganze Weile mit dem Virus zu tun haben werden, schauen wir in unserer Serie auf verschiedene Bereiche unserer Gesellschaft und fragen: Haben Politik und Wissenschaft Pläne für die nächsten Monate? Welche Konzepte, Ideen und Strategien gibt es, bis ein Impfstoff da ist?
Jede Woche donnerstags hier als Artikel und Podcast!

Teil 1) Corona und Senioren: Schutz vor dem Virus versus Schutz vor Einsamkeit
Teil 2) Corona und die Wirtschaft: "Man kann die Krise nicht ungeschehen machen"

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Das sagt die Politik

Kita-Öffnung

Seit Mitte März sind die 4.300 hessischen Kitas im Notbetrieb, der nach und nach ausgeweitet worden ist. Nur 20 Prozent aller 278.000 Kindergartenkinder werden laut Sozialministerium zur Zeit in einer Einrichtung betreut. Der hessische Sozial- und Gesundheitsminister Kai Klose (Grüne) hat angekündigt, dass es ab Juni weitere Lockerungen geben wird und die Kitas zu einem eingeschränkten Regelbetrieb übergehen. Vorgesehen ist, dass mehr Kinder betreut werden können, zum Beispiel auch Kinder, bei denen eine Gefährdung des Kindswohls befürchtet wird. Welches Kind einen Betreuungsplatz erhält, entscheiden Kommunen und Jugendämter zusammen mit den Trägern der Einrichtungen.

Damit kommt er dem Wunsch der Kommunen entgegen, die Öffnung selber und flexibler gestalten zu können. Viele Kinder werden aber weiterhin zu Hause betreut werden müssen. Von der Opposition gibt es dazu viel Kritik – das Sozialministerium stehle sich damit aus der Verantwortung. Auch Eltern haben bereits mehrfach protestiert. "Ich fühle mich von der Politik im Stich gelassen", sagt eine Sprecherin auf einer Demonstration der Initiative “Familien in der Krise” in Wiesbaden.

Schule

Ebenfalls ab kommender Woche dürfen auch alle Grundschüler wieder am Präsenzunterricht teilnehmen – allerdings eingeschränkt. Die Mischung aus Unterricht und Home-Schooling wird mindestens noch dieses Schuljahr so weiter gehen. Wie viel das jeweils ist und wie es organisiert wird, regelt jede Schule für sich. Da gibt es sowohl im Umfang als auch in der Gestaltung des Unterrichts große Unterschiede.

Auf Bundesebene

Redaktioneller Hinweis: Für unsere Recherche haben wir alle Fraktionen im Bundestag angeschrieben. Alle Fraktionen haben uns geantwortet. Ihre Antworten sind hier im Wortlaut nachzulesen [PDF - 471kb].

Kurzarbeitergeld
Familienpolitik ist natürlich auch ein großes Thema in Berlin. Erst vor kurzem wurde beschlossen, dass Eltern weiterhin Kurzarbeit-Geld bekommen. Das sind 67 Prozent ihres Gehalts, wenn sie ihre Kinder zu Hause betreuen müssen und nicht arbeiten können - das wurde jetzt auf insgesamt 20 Wochen verlängert. 

Familienbonus
Was auch gerade diskutiert wird, um die Folgen der Corona-Maßnahmen abzufedern, ist eine Einmalzahlung an alle Familien. Der sogenannte Familienbonus - 300 Euro pro Familie soll es geben. Der Vorschlag kommt vor allem von der SPD. Dieser Bonus würde den Staat wohl fünf bis sechs Milliarden Euro kosten - ob es ihn tatsächlich geben wird, ist nicht so sicher, denn der Koalitionspartner CDU/CSU hält nicht so viel davon, das Geld im Gießkannenprinzip zu verteilen.

Das sagt die Wissenschaft 

Mehr Flexibilität

Arbeitslosengeld II und das Kurzarbeitergeld sind im Moment die wichtigsten Instrumente, um Familien in der aktuellen Situation zu unterstützen. Hätten wir das nicht, sagt der Soziologe Prof. Markus Promberger vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, dann läge unsere Arbeitslosenquote jetzt etwa so hoch wie in den USA.  Allerdings sollte es aus seiner Sicht Sockelbeträge beim Kurzarbeitergeld geben: "Wir müssen gucken, dass die Menschen mit den geringen Einkommen, die jetzt die harte Arbeit machen, Krankenpfleger*innen, Lebensmittelverkäufer*innen, dass die einen Mindestbetrag haben aus den Transfersystemen."

Es braucht also eine passgenauere Unterstützung. Gleichzeitig müsse man auch auf Arbeitgeberseite toleranter werden: "Ein Arbeitgeber wird mehr flexible Arbeitszeiten zulassen müssen, die von den Beschäftigten gesteuert werden und nicht vom Betrieb." Und die Arbeitgeber müssten die Produktivitätserwartungen zurückschrauben bei Familien, die ihre Kinder zu Hause betreuen müssen. Demgegenüber stehen die Vorstellungen des Arbeitgeberverbandes BDA. Sie fordern Maßnahmen "bis hin zu Anreizen, aus Familienzeiten frühzeitig in den Beruf zurückzukehren." Auch die Frage der Gleichberechtigung stellt sich gerade erneut, denn nach wie vor tragen Frauen die Hauptbelastung in der Corona-Krise.

Ansteckung bei Kindern

Für Familien ist es entscheidend, dass Kitas und Schulen wieder verlässlich geöffnet sind. Aber wie kann das in Zeiten einer Pandemie funktionieren? Kinder infizieren sich nicht so häufig wie Erwachsene und scheinen das Virus nicht so häufig auf andere übertragen, so fasst Professor Stephan Becker, Direktor des Instituts für Virologie an der Uni Marburg die bisher vorliegenden Forschungsergebnisse zusammen. Gleichzeitig warnt er: "Man muss damit vorsichtig umgehen. Aber es gibt für mich im Moment keinen Grund zu glauben, dass die Kita und die Schule die Orte sind, an denen die Infektion am weitesten verbreitet werden." Derzeit werden hessenweit in Kitas und Schulen verschiedene Modelle ausprobiert. Einfach nur öffnen, das geht dem Virologen Stephan Becker zu weit und er hofft auf engmaschige Tests: "Ich würde das gerne sehen, dass man die Öffnung begleitet durch Tests, durch genaue Beobachtung, was passiert nach der Öffnung von Schulen und Kitas.

Kinder als Störfaktor

In der öffentlichen Debatte werden Kinder, die zu Hause sind, im Wesentlichen als Störfaktor beim Homeoffice gesehen, das beobachtet Christiane Woopen. Sie ist Professorin für Medizinethik an der Uni Köln und Vorsitzende des Europäischen Ethikrates. Sie fordert, dass es bei den Debatten wieder mehr "um die Kinder um ihrer selbst willen geht." Dazu zählt natürlich auch das Recht auf Bildung. Und auch die Jugendlichen dürfe man dabei nicht vergessen: "In einer solchen Krise ist es so wichtig, dass alle Gruppen, alle Menschen sich wahrgenommen fühlen, auch in ihrer besonderen Herausforderung", so Woopen.

Die Autorinnen: Juliane Orth und Anne Baier (hr-iNFO-Politikredaktion)

Sendung: hr-iNFO Politik, 29.5.2020

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