Österreich, Ischgl: Die Reklame einer Apres-Ski-Bar hängt an einem Balkon.

Touristen, die sich im Skiort Ischgl mit dem Coronavirus infiziert haben, klagen gegen Österreich und das Land Tirol. Auch die Frankfurterin Martina B.

"Ich bin 52 Jahre alt und habe mich im März in Ischgl mit dem Coronavirus infiziert." Wie jeden Winter fährt die Frankfurter Beamtin Martina B. mit ihren beiden erwachsenen Töchtern und ihrem Mann zum Snowboard-Fahren ins Tiroler Paznauntal. Am 8. März reisen sie an, hatten sich vorher noch im Hotel erkundigt, ob es sicher sei zu kommen.

"Nachdem wir das Gefühl hatten und auch nachgefragt hatten, dass so weit das Gebiet soweit okay ist, und der Hotelier uns unsere Sorgen nahm, haben wir am Montag dann unseren Snowboard-Urlaub im Skigebiet begonnen. Das bedeutete, dass nichts, rein gar nichts darauf hinwies, welche Problematik schon dort herrschte", sagt B.

Mittelschwerer Verlauf mit gravierenden Folgen 

Am 13. Marz, jenem berüchtigten Freitag, den 13., mussten sie, zusammen mit rund 8.000 bis 10.000 Gästen, überstürzt und vollkommen unkoordiniert das Tal verlassen, nachdem am frühen Nachmittag die Quarantäne über Ischgl und die umliegenden Skigebiete verhängt worden war. Sie kehrten um sechs Uhr am Samstagmorgen nach zwölfstündiger Autofahrt nach Frankfurt zurück. Kurz darauf zeigten sich bei Martina B. deutliche Symptome.

"Meinen Verlauf bezeichnet man als mittelschwer. Das bedeutet, dass ich im Krankenhaus war, aber nicht intensivmedizinisch beamtet wurde", erzählt B. Sie war fünf Wochen in Einzelisolation. Die Folgen von Corona spürt sie auch heute noch. "Ich habe seit fast sechs Monaten meinen Geruchs- und meinen Geschmackssinn komplett verloren. Ich habe einen Lungenschaden erlitten, der irreparabel ist und meine Lebensbedingungen stark einschränkt und eventuell auch meine Lebenserwartung. Und ich habe einen leichten Herzschaden erlitten und habe auch noch derzeit Nervenprobleme im Hirnbereich, die sich auf meine Motorik und auch auf meine Hirnleistungen auswirken", berichtet sie.

Mehr als 1.000 Kläger  

Martina B. ist eine von über 6.000 Ischgl-Urlaubern, die seit Ende März dem Aufruf des österreichischen Verbraucherschutzvereins gefolgt sind, sich zu melden, wenn durch den Skiurlaub in Ischgl Schäden davongetragen wurden. Aus 45 Ländern meldeten sich Geschädigte, darunter 4.000 Menschen aus Deutschland, 500 aus den Niederlanden, 500 aus Großbritannien und weitere aus den skandinavischen Ländern. Davon erklärten sich über 1.000 Menschen bereit, gegen die Republik Österreich und das Bundesland Tirol zu klagen. Auch Martina B. aus Frankfurt.

"Unser Pfand sind 6.000 Leute, die vor Ort waren und die ganz genau beschreiben, was war vor Ort, und dann natürlich auch ihren weiteren Leidensweg mit Infektion", sagt Peter Kolba, der Vorsitzende des Verbraucherschutzvereins in Wien. Für diese 6.000 Leute (und auch für 32 Verstorbene) müssten einige Fragen geklärt werden: Wer ist dafür verantwortlich? Wo liegen gegebenenfalls die Versäumnisse? Und bei wem? War es Fahrlässigkeit oder Vorsatz, Überforderung oder Unvermögen?

Von der Warnung bis zur Quarantäne

In der Nacht vom 4. auf den 5. März schicken die isländischen Behörden ihre Warnung über das Europäische Frühwarnsystem an das Gesundheitsministerium nach Wien: Acht Rückkehrer aus Ischgl seien positiv getestet. Zu diesem Zeitpunkt halten sich rund 11.000 ausländische Touristen im Paznauntal auf. Am 7. März wird der Barmann des "Kitzloch" positiv getestet. Am 10. März werden alle Après-Ski-Lokale geschlossen, die Skilifte laufen weiter.

Am Vormittag des 13. März greift Tirols Landeshauptmann Günther Platter zum Telefon und informiert die Fraktionschefs im Tiroler Landtag. Der Fraktionschef der liberalen NEOS in Innsbruck, Dominik Oberhofer, erinnert sich an den Anruf. Und er erinnert sich, dass das Radio später vermeldete, dass Tausende Touristinnen und Touristen aus Ischgl abreisen: "Und das Erste, was mir in den Sinn gekommen ist, war: Es ist ja unvorstellbar, dass wir hier Menschen ausreisen lassen, die nicht getestet worden sind. Und ich habe ich mir gedacht: Wie naiv muss man sein? Die tragen ja den Virus nach ganz Europa."

 Drei Vorwürfe der Anklageschrift

Die "Amtshaftungs-Anklageschrift" gegen die österreichische Bundesregierung und die Tiroler Landesregierung, die der Verbraucherschutz-Chef Kolba nun beim Wiener Landesgericht einreicht, basiert auf drei Vorwürfen. Erstens: In der Woche vom 7. bis 13. März seien die notwendige Schließung des Paznauntals sowie zumindest die Warnung der Touristen unterlassen worden, nachdem das Corona-Virus in Ischgl nachgewiesen war.

Zweitens: Im Gegensatz zur vorbildlich durchgeführten Quarantäne eines 5-Sterne-Hotels in Innsbruck am 25. Februar hätten Tiroler Landesregierung und Sanitätsbehörden aus vermutlich wirtschaftlichen Gründen den Skibetrieb in Ischgl bis zum 13. März aufrechterhalten. Und schließlich drittens: Die Bundesregierung, insbesondere Bundeskanzler Sebastian Kurz, habe durch die abrupte Verhängung der Quarantäne am frühen Nachmittag des 13. März das chaotische Abreise-Desaster der ausländischen Gäste ausgelöst und somit fährlässig zur Verbreitung des Virus beigetragen.

 Verzögert oder schnell reagiert?

"Man ist jetzt nicht sozusagen vom 25. Februar bis zum 7. März dümmer geworden. Das ist es nicht. Sondern der Druck der Tourismusindustrie hat eben dazu geführt, dass man verzögert reagiert hat", so Kolbas Einschätzung.

Werner Kurz, seit 2010 Bürgermeister von Ischgl, spricht von schweren Wochen und Monaten, die hinter den Dorfbewohnern lägen. Medial sei ein falsches Bild von Ischgl transportiert worden, das nicht mit seiner Wahrnehmung übereinstimme. "Unser erster offiziell nachgewiesener Fall war am 7. März. Wir haben sehr schnell reagiert und alle Auflagen, die wir von der Behörde bekommen haben, umgehend umgesetzt", sagt der Bürgermeister. Dass sich Gäste in Ischgl infiziert haben, bedauere er sehr.

"Ich möchte einfach Gerechtigkeit"

Martina B., die unter den Folgen ihrer schweren Virus-Erkrankung zu leiden hat, setzt große Hoffnungen in die Klageeinreichung gegen die Bundesrepublik Österreich und das Bundesland Tirol. "Ich hoffe, dass diese Klage Recht spricht am Ende, also dass es zu einem Urteil kommt, wo Gerechtigkeit gesprochen wird. Viele Menschen sind betroffen. Einige sind so schwer betroffen, dass sie ihre Lieben verloren haben. Ich möchte einfach Gerechtigkeit."

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 23.09.2020, 6-9 Uhr

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