Zwei Personen laufen in Schutzkleidung durch Krankenhausflur

Die Krankenhäuser und die Menschen, die im Gesundheitssystem arbeiten brauchen mehr als nur Applaus und Annerkennung. Das hat sich in der Corona-Krise deutlich gezeigt. Neben besseren Arbeitsbedingungen und mehr Geld braucht es auch Fortschritte in Sachen Digitalisierung.

Es gibt sie schon, die neuen Ideen für ein Leben mit Corona. Da, wo alltäglich mit dem Virus umgegangen werden muss. In den HELIOS Dr. Horst Schmidt Kliniken (HSK) in Wiesbaden ist das Leben mit der Pandemie schon das neue Normal. Das merkt jeder, der in die Klinik geht. Der Haupteingang ist kleiner geworden. Es ist nicht mehr die große Drehtür, sonder die schmale Glastür daneben. Dahinter ist das große, langgestreckte Foyer, jetzt der Raum für eine Warteschlange mit großen Lücken für den obligatorischen Abstand. Alle, die in die Klinik wollen, müssen an einem Counter vorbei, der hier zu Beginn der Corona-Krise aufgebaute wurde. Geplant hat das ein Krisenstab unter der Leitung des ärztlichen Direktors Professor Ralf Kiesslich:

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Zum Artikel Normal war gestern – Ideen für ein Leben mit Corona: Die Kliniken

Eine Ärztin in Schutzkleidung vor einem Patientenzimmer
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"Das ist Teil der neuen Normalität. Wir testen bei jedem Menschen, der zu uns kommt, ob er sich gesund fühlt. Und der wird genau befragt. Denn wir wollen ausschließen, dass von außen Corona reingebracht wird. Die Patienten, die dann länger bei uns bleiben, also stationär aufgenommen werden, die werden in eine Farbenlehre eingeordnet. Grün heißt, es besteht keine Gefahr für eine Infektion: Entweder weil alle standartisierten Fragen negativ waren oder weil ein Testergebnis vorliegt, was aber nicht älter als 48 Stunden sein sollte. Und bei dem kleinsten Verdacht würden wir auf eine Corona-Infektion testen. Diese Patienten kommen dann in den sogenannten gelben Bereich. Dort haben sie ein Einzelzimmer. Wir können die Tests sehr schnell machen, sodass man da nur kurz sein muss. Dann geht es wieder in den grünen Bereich. Oder aber es liegt eine Infektion mit Corona vor. Dann wird man im roten Bereich behandelt."

Eine Farbenlehre und strikte Trennung, die auch für die behandelnden Teams der Pfleger und Ärzte gilt - bislang funktioniert das ganz gut, in der HSK haben sich nur wenig Mitarbeiter mit dem Corona-Virus angesteckt.

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Serie: Normal war gestern - Ideen für ein Leben mit Corona

In der Corona-Krise ist die Politik bisher größtenteils auf Sicht gefahren. Einen großen, allübergreifenden Plan gab es nicht. Doch da mittlerweile klar ist, dass wir es noch eine ganze Weile mit dem Virus zu tun haben werden, schauen wir in unserer Serie auf verschiedene Bereiche unserer Gesellschaft und fragen: Haben Politik und Wissenschaft Pläne für die nächsten Monate? Welche Konzepte, Ideen und Strategien gibt es, bis ein Impfstoff da ist?
Jede Woche donnerstags hier als Artikel und Podcast!

Teil 1) Corona und Senioren: Schutz vor dem Virus versus Schutz vor Einsamkeit
Teil 2) Corona und die Wirtschaft: "Man kann die Krise nicht ungeschehen machen"
Teil 3) Corona und Familien: "Wir sind am Anschlag"

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Die HSK in Wiesbaden ist das koordinierende Krankenhaus für Westhessen. Deswegen gibt es in dem Haus auch ein zentrales Lager für Schutzmasken und Desinfektionsmittel, die von dort an die 17 Kliniken der Region verteilt werden. Alles wird zentral eingekauft. Für Professor Kiesslich ist das auch eine gute Idee für ein Leben mit Corona, die er beibehalten möchte. Genau wie die verbesserte Kommunikation zwischen den Kliniken auf digitalen Plattformen:

"Bislang war es so, dass wir uns einmal wöchentlich mit allen getroffen haben in einer Videokonferenz, um über die aktuellen Probleme zu reden. Und dieses virtuelle Treffen hat sehr gut geholfen, sich zu vernetzen und die aktuellen Probleme zu besprechen. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass wir das weiter aufrechterhalten. Das andere sind Datenbanken: Wir haben jetzt über die Corona-Patienten Datenbanken eingerichtet. Daraus lernen wir ganz viel, weil wir mehr Fälle sehen und dann auch gemeinsam entscheiden können: Was ist die beste Therapie für diese Patienten? Auch das wird sicherlich etwas sein, was andauern sollte."

Mehr Kommunikation und Zusammenarbeit, Transparenz statt nur Konkurrenz , eine neue Farbenlehre in der Krankenhaus-Organisation. Das sind Ideen, die schon gut zu funktionieren scheinen. Allerdings sind das auch zusätzliche Belastungen für die Häuser, die ohnehin über fehlende Einnahmen durch verschobene Operationen und Leerstand klagen.

Was sagen die Experten?

Steffen Gramminger ist der geschäftsführende Direktor der Hessischen Krankenhausgesellschaft. Er vertritt alle Träger, also die Öffentlichen, die Privaten und die Freien oder Gemeinnützingen, zu denen auch die Kirchen gehören.

Derzeit sieht er keine hessische Klinik in akuter Not. Die Leerstandsprämie, die die Häuser für nicht belegte Betten in der Corona-Krise bekommen, helfe. Allerdings werde sich erst später im Jahr zeigen, ob die Erlöse der einzelnen Häuer tatsächlich ausreichen – die Prämie ist zunächst nur bis September garantiert. Gramminger begrüßt, dass das Land Hessen Investitionsmittel vorgezogen hat, die für später gedacht waren.

Finanzierung grundlegend überdenken

Aber Steffen Gramminger wünscht sich, dass die derzeitige Krise zum Anlass genommen wird, die Finanzierung der Krankhäuser grundsätzlich zu überdenken. Er nimmt die Fallpauschale in den Blick, den wichtigsten Bestandteil der Krankenhausfinanzierung. Gramminger hält sie grundsätzlich nicht für falsch, wünscht sich aber trotzdem eine Neuausrichtung der Finanzen, mehr Planungssicherheit. Wenn Corona etwas Positives beitragen kann, sagt er, dann sei es die Einsicht, dass Krankenhäuser besser ausgestattet werden müssen. Dazu gehören aus seiner Sicht auch Mittel für Vorhaltung und Daseinsfürsorge.

Der Gesundheitsökonom Thomas Busse von der Frankfurt University of Applied Sciences sieht das System der Fallpauschalen deutlich kritischer: Auch wenn sie Struktur in die Finanzen der Krankenhäuser gebracht habe, habe sie sich inzwischen "zu einem Wahnsinns-Moloch entwickelt. Ein bisschen wie ein Geschwür." Die Fallpauschale sei ausgeufert, viel zu bürokratisch geworden und reiche auch nicht aus.

Grundversorgung sichern

"Was sicher auch sehr offensichtlich geworden ist – das finde ich positiv – dass wir Krankenhäuser nicht mehr so finanzieren können, wie wir das bislang getan haben. Und das liegt unter anderem daran, dass mit den Fallpauschalen eigentlich nur erbrachte Leistungen bezahlt werden, aber keine Vorhaltungskosten: Wenn sie eine Geburtshilfe haben, dann wissen sie nicht ob am Freitag fünf Frauen kommen oder nur eine. Sie müssen aber die Vorhaltung haben. Das ist so ähnlich, als würden wird die Feuerwehr nur bezahlen, wenn’s brennt. Wir müssen vielmehr dazu kommen, die Vorhaltekosten für Ambulanzen, Geburtshilfen oder die Unfallchirurgie zu vergüten. Das wird, so glaube ich, dem ein oder anderen Politiker jetzt klar. Und zwar an der Tatsache, dass wir viel zu wenig Vorhaltung an Schutzkleidung oder Medikamenten hatten", so Busse.

Er sieht die Gefahr, dass in den nächsten zwei oder drei Jahren von Städten oder Landkreisen betriebene Krankenhäuser verkauft werden, weil in Folge der Corona-Krise das Geld fehlt. Von der Politik fordert er einen Masterplan, der vorgibt wie die großen Häuser, die Maximalversorger, in Hessen verteilt sind um sicher zu stellen, dass die Grundversorgung von Kassel bis nach Bensheim geleistet werden kann.

Nicht das Steuer aus der Hand geben

"Ich warne davor, zu viele Krankenhäuser zu privatisieren. Wenn die vom Markt gehen, muss die öffentliche Hand sie dann wieder übernehmen. Es gibt ja einen Versorungsauftrag! Das wäre dann noch teurer, als wenn man die kommunalen Krankenhäuser gleich in kommunaler Hand behält", erklärt der Gesundheitsökonome.

Grundsätzlich hält Thomas Busse viel davon, dass die Krankenhauslandschaft aufgeteilt bleibt und auch private Träger eine große Rolle spielen. Aber die Politik sollte nicht das Steuer aus der Hand geben und in der Lage sein, die medizinische Grundversorgung überall zu garantieren.

Was sagt die Politik?

Etwa alle zehn Jahre entwickelt die Landesregierung einen Krankenhausplan. Der letzte ist von 2009. Der nächste wird jetzt im Sommer veröffentlicht und Hessens Gesundheitsminister Kai Klose verspricht, dass es im Plan ein Kapitel geben wird, das die Corona-Pandemie berücksichtigt. Wie weitreichend und hilfreich das sein wird, bleibt abzuwarten. Denn eigentlich war der Plan schon Ende 2019 fertig und ging seither in die Abstimmung verschiedener Gremien. Da war von Corona noch keine Rede.

Die Krankenhausfinanzierung bleibt umstritten. Während einige Parteien bei der Fallpauschale bleiben wollen, lehnen andere sie ab. Die CDU hält daran fest, spricht von einem lernenden System, dass sich ständig weiterentwickelt habe. Bei unvorhergesehenen Ereignissen wie jetzt, könne man den Kliniken zusätzlich unter die Arme greifen, so wie es jetzt passiert.

Bei den Grünen klingt es ähnlich: Fallpauschale ja, aber denkbar ist ein Extrabudget für die Krankenhäuser. Und auch die FDP ist grundsätzlich einverstanden mit dem bisherigen System und mit den aktuellen Hilfsmaßnahmen. Die SPD sieht die Fallpauschalen grundsätzlich kritisch, fordert eine Reform des Systems und konkret einen finanziellen Schutzschirm für den Rest des Jahres. Die Linke sagt schlicht: "Weg mit den Fallpauschalen hin zu einem System, dass die Patienten in den Mittelpunkt stellt, nicht die Leistung." Die AfD will auch keine Fallpauschalen mehr und fordert stattdessen ein individuelles Budget für jedes Krankenhaus.

Welche konkreten Ideen und Konzepte haben die Parteien für die Zukunft der Kliniken in Hessen?

Da sind die Antworten nur zum Teil ergiebiger. FDP und CDU sprechen von besserer Vernetzung und Digitalisierung. Die AfD fordert mehr Schutzkleidung und Desinfektionsmittel. Die Linke fordert, dass die strikte Trennung von ambulanter und stationärer Versorgung aufgehoben wird, und sie fordert mehr Einzelzimmer, um Patienten besser vor Infektionen zu schützen. SPD und Grüne sind noch mit Hilfe von Expertenrunden auf der Suche.

Was sagen die Beschäftigen der Krankenhäuser?

Christiane Schories ist in der Verdi-Betriebsgruppe an der Uniklinik Frankfurt. Aktuell ist sie frustriert und das hat etwas mit Anerkennung zu tun: "Der Applaus ist in Schall und Rauch verhallt, habe ich so den Eindruck." Es gab viel Anerkennung am Anfang der Pandemie, nachdem allen klar geworden ist, welche Bedeutung die Arbeit der Pflegerinnen und Ärzte tatsächlich hat. Den Alltag in den Krankenhäusern hat das allerdings nicht verändert. "Wenigstens ist jetzt in mir so ein bisschen das Kämpferische hoch gekommen, weil wir einfach in dieser Zeit von Corona über unsere Grenzen hinaus gegangen sind, obwohl wir das vorher schon gemacht haben. Es ist halt dieser Berufsethos von den Krankenschwestern und Pflegern. Und ich denke, jetzt kommt so ein bisschen das Gefühl: Wir haben so viel geleistet, haben alles gemacht, noch mal zusätzlich zu alledem. Und jetzt ist es schon wieder so, als würde es nicht bedacht werden", beklagt Schories.

"Die Personaluntergrenzen müssten neu bemessen werden"

Christiane Schories glaubt, dass die Corona-Krise nochmal sehr deutlich gemacht hat, das alte Forderungen Ihrer Gewerkschaft jetzt endlich umgesetzt werden müssen. Zum Beispiel wenn es darum geht, um wie viele Patienten sich eine Pflegkraft kümmern muss. Das wird mit der sogenannten Personaluntergrenze festgesetzt. Nicht nur, dass die jetzt in der Corona-Krise pauschal ausgesetzt wurde. Schon vor der Krise musste sich wenig Pflegepersonal um viele Patienten kümmern. Mal ein Beispiel: In der Nachtschicht der Unfall-Chirurgie muss sich eine Pflegerin um bis zu 20 Patienten kümmern. So sieht es die Verordnung des Bundesministeriums für Gesundheit vor. Das muss sich ändern, sagt Krankenschwester Schories und das ist eine ihrer drei Ideen für ein besseres Leben mit und nach Corona:

"Ich denke, die Personaluntergrenzen müssten neu bemessen werden, und zwar mit dem Pflegepersonal, das vor Ort in den verschiedenen Fachkliniken arbeitet. Dann muss mehr Geld her für die Arbeit, die getan wird, für den Spät- und den Nachtdienst, um einfach den Beruf attraktiver zu gestalten. Und ich denke, wir müssten in der Pflege eine verkürzte Arbeitszeit haben."

Und was nun?

Wenn die Beschäftigten im Gesundheitswesen nicht die Anerkennung bekommen, die sie verdient haben, schadet das auch den Patienten, also allen in der Gesellschaft. Ökonomisierung kontra Patientenwohl ? Diesen Zusammenhang sieht Christiane Woopen gesprochen. Sie ist Medizinethikerin und Vorsitzende des Europäischen Ethikrates. Sie sagt, dass die Ökonomisierung des Gesundheitswesens das Patientenwohl beeinträchtigt – nicht erst in der Krise:

"Auch vor der Krise ist über die Ökonomisierung des Gesundheitswesens geklagt worden, quasi über diese strangulierende Ökonomisierung der gesundheitlichen Versorgung. Vor dem Hintergrund habe ich dafür plädiert, das Patientenwohl, also die Ausrichtung der gesamten Gesundheitsversorgung am Wohl des Patienten, als ein leitendes Prinzip in das Sozialgesetzbuch hineinzuschreiben, gleich an den Anfang neben Solidarität und Eigenverantwortung. Denn das sind die regulativen Ideen und Prinzipien, die Leitprinzipien für unsere Gesundheitsversorgung sind. Und da gehört das Patientenwohl und nicht die Ökonomie an die erste Stelle."

Patientenwohl vor Ökonomisierung

Die Idee der Medizinethikerin: Das Wohl der Patienten als eines der leitenden Prinzipien festschreiben und deutlich stärker zu gewichten als die Ökonomie. An einem Beispiel verdeutlicht sie, was sie meint: "Vor der Corona-Krise wurde beispielsweise sehr intensiv über die Kindermedizin in den Krankenhäusern diskutiert. Dort ist die Ausstattung so, das manchmal Kinder in Notfallsituationen gar nicht auf die Intensivstation eines nahegelegenen Krankenhauses aufgenommen werden können, sondern weitergeschickt werden müssen, was mit gesundheitlichen Risiken verbunden ist. Das ist ökonomisch bedingt. Außerdem gibt es über das Fallpauschalensystem Anreize bestimmte Gruppen von Patienten besser zu versorgen als andere, so dass aber dann eben diese anderen, beispielsweise chronisch kranke Kinder, schlechter versorgt werden, als sie es eigentlich müssten. Und solche ökonomische Anreize, die müssen gründlich geprüft und dann natürlich auch beseitigt werden."

Mehr Daten

Woopen will weniger ökonomische Zwänge, die zu Lasten der Patienten gehen. Im Gegenzug dazu dann aber mehr digitale Infrastruktur. Christiane Woopen sagt, es sei auch ethisch bedenklich, die Möglichkeiten der Digitalisierung nicht zum Wohle der Patienten zu nutzen: "Wenn wir jetzt viel mehr Daten gehabt hätten zu den Kapazitäten, dann hätten wir besser steuern können und hätten vielleicht das Gesundheitswesen auch nicht so erheblich runterfahren müssen für andere Erkrankte, die ja von der medizinischen Versorgung doch für eine Weile relativ ausgeschlossen waren. Entweder weil Operationen verschoben wurden oder weil die Erkrankten vielleicht selbst Bedenken hatten, ins Krankenhaus zu gehen. Wir hätten Apps gebrauchen können, die eine Versorgung der Covid 19-Patienten zu Hause ermöglicht hätten."

Die Möglichkeiten der Digitalisierung besser nutzen – da sind sich die Medizinethikerin und der ärztliche Direktor Ralf Kiesslich einig. Beide haben die Hoffnung, dass die Erfahrungen aus der aktuellen Krise dieser Entwicklung Schub verleihen.

Die Autoren: Stefan Bücheler und Riccardo Mastrocola (hr-iNFO Politikredaktion)

Sendung: hr-iNFO Politik, 11.6.2020

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