Sujetbild: Ein Jugendlicher sitzt Zuhause am Schreibtisch und "besucht" die Schule per Laptop.

Viele Eltern fordern, dass ihre Kinder das Corona-Schuljahr wiederholen. Sie befürchten, dass die Schülerinnen und Schüler beim Homeschooling abgehängt wurden. Was Politik, Bildungsforscher und der Nachwuchs selbst von dieser Idee halten: ein Überblick.

Zwei Drittel des Schuljahres sind vorbei. Ein Ende des Wechsels von Distanz- und Präsenzunterricht ist noch nicht in Sicht. Über 200.000 Jugendliche haben seit Weihnachten keine Schule mehr von innen gesehen.

Die Stimmen werden lauter, die fragen: Wäre es nicht sinnvoll, dass Schülerinnen und Schüler dieses Schuljahr wiederholen? Weil sie durch die Lockdowns so viel verpasst haben, dass sie die Lernrückstände nicht mehr aufholen können.

400 bis 600 Unterichtsstunden weggefallen

Am häufigsten fordern das die Eltern. Sie haben Sorge, dass ihre Kinder zu wenig gelernt haben oder auch komplett abgehängt sind. Eine aktuelle Studie des Ifo-Instituts zeigt: Pro Tag haben Schülerinnen und Schüler in Deutschland tatsächlich mehr als drei Stunden weniger gelernt als vor Corona. Fakt ist auch: Seit Beginn der Pandemie sind 400 bis 600 Unterrichtsstunden weggefallen.

Der deutsche Lehrerverband geht davon aus, dass jeder fünfte Schüler abgehängt ist. Französischlehrerin Julie Mathieu aus Darmstadt findet es sehr frustrierend, "auf dem Weg Schüler zu verlieren, weil sie die Konzentration nicht haben vor dem Bildschirm, weil sie sich einsam fühlen und dann komplett den Kontakt verlieren zur Schule."

Vorbereitung aufs Berufsleben?

Doch die Schülerinnen und Schüler selbst haben zum Großteil keine Lust darauf, das Schuljahr zu wiederholen, "da alle unsere Anstrengungen umsonst gewesen wären. Jeder hat doch versucht, sein Bestes zu geben", sagt Julika, eine 17-jährige Schülerin aus Wiesbaden.

Manche sind auch gut zurechtgekommen und haben daheim sogar besser gelernt als in der Schule, haben auf jeden Fall etwas mitgenommen, so wie Annika aus Darmstadt es formuliert: "Ich kann mir auch gut vorstellen, dass das später fürs Berufsleben echt wichtig sein kann. Einfach dieses, dass du alleine etwas schaffst, dass du deinen Tagesablauf komplett alleine planen musst und vor allem auch die technischen Geräte, die haben wir uns jetzt quasi selber beigebracht."

Entscheidung fällt erst im Mai

Für das vergangene Schuljahr, das ja auch schon zur Hälfte im Wechsel von Distanz- und Präsenzunterricht stattgefunden hat, hatte das Kultusministerium beschlossen: Keiner muss sitzenbleiben – aber die Jugendlichen und ihre Eltern konnten von sich aus entscheiden, dass sie wiederholen. Ohne Nachteile, ohne dass es als Sitzenbleiben gezählt wurde. Wie die Regelung in diesem Jahr aussehen soll, wird allerdings erst im Mai entschieden.  

Was also ist der richtige Weg? Darüber kann laut dem Frankfurter Bildungsforscher Kai Maaz nur spekuliert werden. Dass eine ganze Klasse geschlossen wiederholt, davon hält er nichts. "Das würde ja bedeuten, dass alle Schülerinnen über alle Jahrgangs- und Klassenstufen hinweg einen so großen Nachholbedarf haben. Das sehe ich nicht", so Maaz. Auch das freiwillige Wiederholen Einzelner sieht er skeptisch, dazu fehle es an faktischen Grundlagen. "Mich würde vor allem interessieren, wie groß die Gruppe der Kinder und Jugendlichen wirklich ist, die substanzielle Probleme hat." Erst eine differenzierte Diagnose in allen Klassenstufen mache eine sinnvolle Förderung möglich.

Einen Milliarde Euro für Nachhilfe

Doch diese Grundlagen, die sogenannten Vergleichstests, fehlen sowohl in Hessen als auch in ganz Deutschland. Ohne individuelle Förderung wäre das Schuljahr für einzelne Schüler und Schülerinnen sicher ein verlorenes. Die Bundes-Bildungsministerin Anja Karliczek (CDU) hat deswegen bereits eine Milliarde Euro für Nachhilfe und individuelle Förderung zur Verfügung gestellt. Bildungsexpertinnen und -experten fordern das doppelte.

Ein generelles Wiederholen ist für die politisch Verantwortlichen kein Thema. In diesem Punkt ist die Politik auf einer Linie mit Schülerinnen wie Annika, die sagt: "Ein generelles Wiederholen würde uns auch den Spaß und die Motivation nehmen."

Sendung: hr-iNFO Politik, 29.4.2021, 20:35 Uhr

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