Mutter und zwei Kinder am Esstisch

Die Stundenpläne hessischer Schüler*innen sehen zurzeit aus wie ein Flickenteppich: Hier mal ein paar Stunden in der Schule, da eine Videokonferenz und natürlich noch Aufgaben, die per E-Mail oder Online-Plattformen kommen. Wie kann Schule, wie kann Lernen funktionieren in Zeiten, in denen Unterricht in der Schule nur bedingt möglich ist?

Das Problem

Kinder zuhause zu unterrichten ist per Gesetz in Deutschland verboten. Eigentlich! Doch durch die Corona-Pandemie hat sich vieles verändert. Mitte März wurden in ganz Deutschland die Schulen geschlossen. Seither sind Eltern in die Rolle von Ersatz-Lehrer*innen geschlüpft, etwas, was vor Corona undenkbar gewesen wäre. Schüler*innen, Eltern und auch Lehrer*innen haben gestöhnt, experimentiert und eine riesige Debatte über digitales Lernen angestoßen.

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Zum Artikel Normal war gestern – Ideen für ein Leben mit Corona: Die Schulen

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Teile des Unterrichts können aktuell nur über digitale Wege umgesetzt werden, sei es über Lernplattformen, Video-Konferenzen oder anderes. Zwar sind die Schulen für die insgesamt 515.000 Schüler in Hessen wieder geöffnet und die Grundschulen sollen sogar noch vor den Ferien wieder zum Normalbetrieb zurückkehren können. Aber von Alltag kann an den meisten Schulen keine Rede sein: Die meisten Schüler*innen gehen tageweise in die Schulen, die Klassen sind geteilt, um das Infektionsrisiko zu senken, es werden maximal 15 Schüler*innen zusammen unterrichtet. Jede Schule entscheidet individuell, wer wie oft und wie lange Unterricht hat. Und auf welchen meist digitalen Wegen ansonsten gelernt und gelehrt wird.

Für das Homeschooling gibt es in Hessen die von der Landesregierung betriebene Lernplattform Moodle. Dort können Aufgaben oder Dokumente ausgetauscht und auch Arbeitsgruppen gebildet werden, Videokonferenzen sind allerdings nicht möglich. Experten vermissen eine Strategie der Landesregierung für digitales Lernen, für eine schulische Infrastruktur und Lernplattformen, die dem Datenschutz entsprechen. Die Corona Krise hat nicht nur in Hessen gezeigt, wie groß die Defizite im digitalen Lernen und Unterrichten sind. Es fehlt an Infrastruktur, technischem Knowhow, an Konferenzportalen, die dem Datenschutz gerecht werden und Weiterbildungsmöglichkeiten für die Pädagog*innen.

Weitere Informationen

Serie: Normal war gestern - Ideen für ein Leben mit Corona

In der Corona-Krise ist die Politik bisher größtenteils auf Sicht gefahren. Einen großen, allübergreifenden Plan gab es nicht. Doch da mittlerweile klar ist, dass wir es noch eine ganze Weile mit dem Virus zu tun haben werden, schauen wir in unserer Serie auf verschiedene Bereiche unserer Gesellschaft und fragen: Haben Politik und Wissenschaft Pläne für die nächsten Monate? Welche Konzepte, Ideen und Strategien gibt es, bis ein Impfstoff da ist?
Hier alle Folgen als Artikel und Podcast:

Teil 1) Corona und Senioren: Schutz vor dem Virus versus Schutz vor Einsamkeit
Teil 2) Corona und die Wirtschaft: "Man kann die Krise nicht ungeschehen machen"
Teil 3) Corona und Familien: "Wir sind am Anschlag"
Teil 4) Corona und Politik: Politik am Rande der Kapazitätsgrenze
Teil 5) Corona und Kliniken: "Das ist Teil der neuen Normalität"

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Das sagt die Politik

Schulen und Kindertagesstätten sollen nach der Sommerferien-Pause wieder im Regelbetrieb arbeiten, sofern es das Infektionsgeschehen zu lässt. Darauf haben sie die Ministerpräsidenten der Länder mit der Bundeskanzlerin geeinigt. Kultusminister Lorz hat angekündigt, noch vor den Sommerferien zu sagen, wie genau man sich die komplette Rückkehr der Schüler*innen an die weiterführenden Schulen nach den Sommerferien vorstellt. Damit die Schulen 6 Wochen Zeit haben sich vorzubereiten

Die Grundschulen in Hessen bieten bereits ab Montag (22.6.) wieder regulären Unterricht an, wie vor Beginn der Corona-Pandemie an. Statt Abstandsgebot gibt es konstante Lerngruppen. Allerdings können die Eltern entscheiden, ob ihr Kind zur Schule geht oder den Unterrichtsstoff zuhause lernt.

In die Infrastruktur soll investiert werden: Mehr Tablets und Laptops für die Schüler*innen, WLAN an allen Schulen und digitale Tafeln und Beamer fürs Klassenzimmer: insgesamt sollen bis 2024 vom Bund über 370 Millionen Euro an die hessischen Schulen gehen. Das Land Hessen und die Schulträger erhöhen den Beitrag durch zusätzliches Geld auf insgesamt knapp 500 Millionen Euro. Das sind die Gelder aus dem Digitalpakt. Und es kommt jetzt noch mehr Geld vom Bund, um vor allem Kinder aus bedürftigen Familien mit digitalen Endgeräten auszustatten, 37 Mio. Euro bekommt Hessen, das Land stockt um 5 Mio. auf, auf insgesamt 42 Mio. Euro. Die Landesregierung schätzt, dass 80.000-100.000 solcher digitaler Endgeräte gebraucht werden in Hessen. Der Markt ist aber leergefegt. Es ist also unsicher, ob das mit den Leih-Geräten klappt, selbst wenn das Geld da sein sollte.

Das sagt die Wissenschaft

Prof. Stephan Becker, Leiter der Virologie an der Uni Marburg sagt, es sei notwendig, dass Kinder wieder in die Schule dürfen. Man müsse aber das Risiko minimieren, dass Infektionsketten entstehen, die man nicht mehr einfangen könne. Kinder und Lehrer mit Symptomen sollten deshalb früh getestet, Kontakte nachverfolgt und bei Erkrankung in Quarantäne geschickt werden. Viel Lüften ist wichtig sagt Becker, da sich Aerosole schnell in der Luft verbreiten. Insgesamt brauche es kreative Lösungen, vor allem auch, was den Schutz der Lehrkräfte angehe. Aber - das sagt der Virologe Stephan Becker auch: Es gibt kein Nullrisiko. Man kann es nur minimieren. Und wenn die Infektionen wieder ansteigen, müsse man sofort reagieren und den Schulbetrieb wieder zurückfahren.

Birgit Eickelmann, Professorin für Schulpädagogik an der Universität Paderborn fordert, dass so schnell wie möglich über Konzepte nachgedacht werden muss, wie Präsens- und Fernunterricht in einem Hybridmodell didaktisch sinnvoll gestaltet werden kann. Aktuell sei in den Schulen mit Blick auf das Infektionsrisiko nur Frontalunterricht mit Hausaufgaben möglich. Für Eickelmann eine De-professionalisierung des Unterrichts. Ganz im Gegensatz zum digital-erweiterten oder angereicherten Lernen. Das sei die einzige Chance alle Schülerinnen und Schüler mitzunehmen. Digitaler Unterricht funktioniert über technische Tools auf Abstand, ermöglicht aber dennoch individuelleres Lernen. Die Schulentwicklungsforschung zeigt, dass Krisen gute Anlässe für Innovationen sind, sagt Eickelmann. Aber die Rahmenbedingungen müssen stimmen. Vor allem bei der Ausstattung. In Dänemark beispielsweise habe fast jede Lehrkraft ein dienstliches digitales Endgerät. In Deutschland nicht mal jede Lehrkraft eine dienstliche Emailadresse. Die Bildungsadministration müsse bessere Rahmenbedingungen schaffen, denn Corona habe gezeigt, dass ein digitales Gerät ebenso ein Lerngerät sei, wie ein Buch. Es sei gesellschaftliche und staatliche Verantwortung jedem Schüler ein solches zur Verfügung zu stellen.

Hardware alleine reicht nicht

LehrerInnen und SchülerInnen in ganz Deutschland mit digitalen Geräten auszustatten kostet nach Berechnungen des deutschen Lehrerverbandes rund 3,5 Milliarden. Doch nur die Hardware anschaffen reicht nicht. Entscheidend sei eine bundesweite Strategie für die Infrastruktur in den Schulen, eine Lernplattform, die dem Datenschutz entspreche sowie ein Konzept für digitalen Fernunterricht. Die Pädagogikprofessorin fordert auf der Ebene der Bundesländer noch vor den Sommerferien einen runden Tisch. Mit Eltern, Schulleitung, Lehrkräften und Schüler*Innen: „Wenn jede Schule sich ein eigenes Medienkonzept überlegen muss und fängt bei Null an, dann ist das einfach etwas, was keinen Sinn macht, denn es gibt Forschungsergebnisse, es gibt Vereinheitlichung in Ausstattung oder in Supports. Und was wir in Deutschland feststellen: wir bleiben dann, wenn wir so verfahren, dass wir quasi alles offen lassen und keine Regelung von außen vorgeben, an den technischen Fragen hängen." In der Krise seien viele gute Beispiele entstanden, die müssten jetzt gebündelt werden.

Lehrkräfte müssten außerdem verpflichtet werden, sich neue, digitale Kompetenzen anzueignen, um Lernwege und Methoden kennen zu lernen. Bei jedem Arzt und jedem anderen Berufsbild würde das erwartet. Nichts sei so wichtig, wie die Bildung und Erziehung der nächsten Generation, nur so könne unsere digitalisierte Gesellschaft auch stabil werden.

Die Paderborner Pädagogikprofessorin steht nicht alleine da mit ihren Forderungen. Bob Blume, Gymnasiallehrer in Baden Württemberg, auf Twitter bekannt unter dem Namen "Netzlehrer", fordert ebenso, dass Lehrer*innen sich in Sachen digitaler Kompetenzen weiterentwickeln. Denn digitales Lernen funktioniere völlig anders als normaler Unterricht. Digitaler Unterricht sei mehr als nur ein Paket mit Arbeitsblättern zu verschicken oder die Kopie einer Buchseite per Mail. Es ist eine ganz andere Arbeitsweise, sagt Blume, denn Lehrkräfte orientierten sich stärker an den Bedürfnissen des einzelnen Schülers: "Lehrkräfte haben durchaus die Möglichkeit, Hilfestellung beim Lernen zu geben, aber eben nicht als derjenige, der vordefiniert, was richtig und was falsch ist. Auch wenn das natürlich trotzdem noch Teil des Jobs ist, sondern als derjenige, der den Prozess des Lernens, des Erfahrens und des Herausarbeitens eben begleitet. Das würde aber bedeuten, dass viele Lehrer*innen ihre bisherige Art zu unterrichten über den Haufen werfen müssten." Viele Ideen zum digitalen Unterricht finde man auf Twitter. Schon vor der Krise haben sich unter dem #Twitterlehrerzimmer Lehrkräfte aus ganz Deutschland vernetzt. #Twitterlehrerzimmer sei ein Sammelsurium neuer Lehrmethoden. Er selber nutze es, um seine didaktischen Ideen rund um digitales Lernen mit anderen zu teilen und zu erweitern.

Wie sieht die Praxis aus?

Doch auch an den hessischen Schulen wird bereits einiges ausprobiert, in Eigenregie auch ohne Masterplan der hessischen Landesregierung für digitales Lernen. Zum Beispiel an der IGS Kalbach-Riedberg, eine reformpädagogische Schule im Frankfurter Norden, die gerade im Aufbau ist. Die Schule habe nach dem Lockdown im März schnell aufs Digitale umgestellt, sagt die stellvertretende Schulleiterin Mareike Klauenflügel: „Man ist was anderes gewohnt und plötzlich muss man das in völlig neue Lernformen übersetzen. Das bedeutet auch für uns einen sehr intensiven Lernprozess."

Durch Corona haben Schulleiterin Susanne Gölitzer und ihr Team sich nicht nur mit Methoden des digitalen Unterrichtens beschäftigt, sondern intensiv über geeignete Orte fürs Lernen nachgedacht: „Es gibt tatsächlich jetzt im Moment Kinder, die zu Hause viel bessere Ergebnisse bringen, als in der Schule. Das heißt nicht, dass die Schule überflüssig ist, aber für diesen Arbeitszusammenhang ist das besser, für diese Kinder." Diesen Ansatz wollen die beiden Schulleiterinnen auch ohne Pandemie weiter ausbauen. Was sie kritisieren ist, dass es auch an ihrer Schule bislang kein WLAN gibt, alle Schüler*innen arbeiten mit ihren eigenen Geräten, sofern sie eins haben. Da herrsche Verbesserungsbedarf, vor allem für den Fall, dass es auch nach den Sommerferien nicht mit 100 Prozent Präsenzunterricht weitergehen könne. Beide Schulleiterinnen schauen etwas neidisch auf die andere Rhein-Seite. Denn in Rheinland-Pfalz sei man in manchen Dingen bereits weiter sagt Mareike Klauenflügel: „Da weiß ich, dass dort für alle Lehrkräfte digitale Klassenzimmer zur Verfügung gestellt werden. Die Kinder können sich da einwählen, können in Kleingruppen arbeiten und das wird alles von der Landesregierung zur Verfügung gestellt. Das fände ich auch eine ganz begrüßenswerte Maßnahme."

Was muss jetzt passieren?

Die Corona Krise hat nicht nur in Hessen gezeigt, wie groß die Defizite im digitalen Lernen und Unterrichten sind. Es fehlt an Infrastruktur, technischem Knowhow, an Konferenzportalen, die dem Datenschutz gerecht werden und Weiterbildungsmöglichkeiten für die Pädagogen. Die Krise als Chance sehen und durchstarten, dass wünscht sich nun Christiane Woopen, die Vorsitzende des europäischen Ethikrates. Sie sei verwundert, dass es bis heute keine flächendeckendere, also bundesweite strategische Planung gebe. Also was Software und Hardware angeht aber auch didaktische Konzepte für Unterricht in Zeiten der Krise. Es gebe doch so viele Ideen, den digitalen mit dem analogen, also den Präsenzunterricht zu kombinieren.

Was sie wirklich besorgt ist, dass Bildung ihrer Meinung nach zu sehr von oben nach unten verstanden wird statt auf Augenhöhe zwischen Lehrer*innen und Schüler*innen: „Dass Bildung aber ein dialogischer Prozess ist, dass er etwas mit Begegnung zu tun hat, dass es ein Hin und Her ist, ein Für und Wider sowieso auch, aber auch eine Begegnung mit dem Lehrer, mit den Schülern, dass sich das Zuhause fortsetzt, unter Freunden fortsetzt, dem wird zu wenig Rechnung getragen".

Lehrkräfte und Politiker sollten jetzt die Chance nutzten, um über den Bildungsbegriff in Deutschland und die Rollen im Bildungssystem nachzudenken. Bildung müsse mehr als Begegnung verstanden werden, als Entdeckungsreise und nicht nur als Informationsvermittlung. Denn Bildung und das Bemühen um die eigene Bildung habe immer auch etwas damit zu tun, das man sich selbst auf den Weg macht. Und nicht nur anderen folgt, sagt die Ethikerin Woopen. Das sei für eine freiheitliche Ordnung, eine freie Gesellschaft von ganz zentraler Bedeutung. Diese Krise zeige, dass die Verantwortung der Bürgerinnen und Bürger enorm gefordert sei. Und das hänge immer auch mit Bildung zusammen.

Es braucht also Bildung und zwar ganz individuelle Bildung, und dafür ist Lernen und Unterricht, der die digitalen Möglichkeiten mit einbezieht, besonders gut geeignet. Und zwar in Zeiten mit und ohne Corona.

Die Autorinnen: Petra Boberg und Juliane Orth (hr-iNFO-Politikredaktion)

Sendung: hr-iNFO Politik, 18.6.2020

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