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Zum Artikel "Normal war gestern - Ideen für ein Leben mit Corona" - die Senioren

Symbolbild: Pflegeheim

Den Schutz vor dem Virus mit dem Schutz der Menschenwürde und der Demokratie zu vereinbaren, ist eine Herausforderung für alle. Besonders betrifft sie aber Risikogruppen wie etwa Senioren in Alten- und Pflegeheimen. Welche Strategien gibt es hier, um beidem gerecht zu werden?

"Die alten in Quarantäne stecken. Das ist ja kein Leben mehr. So möchte ich nicht leben!" Irmgard Wohlfeld, 86 Jahre 

"Und jetzt ist man als älterer Mensch absolut abgeschnitten. Man schützt nicht meine Generation, indem man sie vereinsamen lässt!"
Christa Roßmann, 84 Jahre 

Das Problem

Ältere Menschen zählen zur Risikogruppe. Laut Robert Koch-Institut steigt ab 50 bis 60 Jahren die Gefahr, schwer an dem Coronavirus zu erkranken. In Deutschland waren Ende 2018 rund 23,4 Millionen Menschen über 60 Jahre alt. Das Durchschnittsalter aller Todesfälle in Deutschland liegt derzeit bei 81 Jahren, etwa 87 Prozent der Verstorbenen sind 70 Jahre oder älter. Nach Aussagen der Weltgesundheitsorganisation ist die Hälfte der Todesfälle in Europa in Pflegeeinrichtungen zu verzeichnen.

In der Corona-Krise ist die Politik bisher größtenteils auf Sicht gefahren. Einen großen, allübergreifenden Plan gab es nicht. Doch da mittlerweile klar ist, dass wir es noch eine ganze Weile mit dem Virus zu tun haben werden, schauen wir in unserer Serie „Normal war gestern – Ideen für ein Leben mit Corona“ auf verschiedene Bereiche unserer Gesellschaft und fragen: Haben Politik und Wissenschaft Pläne für die nächsten Monate? Welche Konzepte, Ideen und Strategien gibt es, bis ein Impfstoff da ist?

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Serie: Normal war gestern - Ideen für ein Leben mit Corona

In der Corona-Krise ist die Politik bisher größtenteils auf Sicht gefahren. Einen großen, allübergreifenden Plan gab es nicht. Doch da mittlerweile klar ist, dass wir es noch eine ganze Weile mit dem Virus zu tun haben werden, schauen wir in unserer Serie auf verschiedene Bereiche unserer Gesellschaft und fragen: Haben Politik und Wissenschaft Pläne für die nächsten Monate? Welche Konzepte, Ideen und Strategien gibt es, bis ein Impfstoff da ist?
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Teil 2) Corona und die Wirtschaft

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Um die Senioren vor dem Virus zu schützen, haben die meisten Bundesländer Mitte März weitreichende Besuchsverbote in Alten- und Pflegeheimen erlassen. Auch innerhalb der Einrichtungen gelten teilweise strenge Kontaktbeschränkungen: gemeinsame Musikstunden oder Mahlzeiten fallen weg. Für den Frankfurter Gerontologen Professor Johannes Pantel wirken sich die getroffenen Schutzmaßnahmen aber negativ auf die Betroffenen aus. "Soziale Isolation kann bei älteren Menschen erhebliche negative Auswirkungen haben, sowohl in körperlicher als auch in seelischer Hinsicht", sagt er. So könne sich der Verlauf von chronischen Erkrankungen verschlechtern, außerdem würden Depressionen oder sogar Suizide begünstigt.

Am 6. Mai haben Bund und Länder Lockerungen in Aussicht gestellt. Demnach soll jedem Patienten oder Bewohner wiederkehrender Besuch durch eine bestimmte Person ermöglicht werden - allerdings nur, wenn die Einrichtung ein entsprechendes Schutzkonzept hat und Abstandsregeln eingehalten werden. 

Für den Gerontologen Pantel sei die Schließung der Heime in der Akutphase zwar gerechtfertigt gewesen, jetzt müssten aber tragfähige Konzepte her. "Im Grunde genommen darf man überhaupt keine Zeit verlieren, weil die meisten Heime sind im Moment tatsächlich wie Gefängnisse - das ist Fort Knox", sagt er. "Ich hoffe sehr, dass bereits an vielen Orten fieberhaft und intensiv an solchen Konzepten gearbeitet wird."

Das sagt die Politik

Zuletzt hat Kanzlerin Angela Merkel die Verantwortung explizit an die Länder zurückgegeben. Beim hessischen Sozialministerium, das für die Senioren zuständig ist, ist an mittel- und langfristige Konzepte derzeit nicht zu denken. Hier steht die Bewältigung der akuten Krise im Fokus. Allerdings verweist das Ministerium auf zwei Online-Portale der Landesregierung: Auf hessenhelfen.de können Hilfsbedürftige und freiwillige Helfer inserieren und so zueinander finden; auf offeneohren-hessen.de gibt es Telefonseelsorge, Krisen- und Gesprächsangebote, auch für Senioren. An weiteren Ideen sei man dran, wolle diese aber unbedingt nachhaltig anlegen.

Die Oppositionsfraktionen im hessischen Landtag haben bisher auch keine langfristigen Konzepte. In einem Punkt sind sich SPD, Linke, FDP und AfD aber einig: Die Kontaktbeschränkungen in den Heimen wären nicht nötig, wenn es genug Schutzausrüstung gäbe. Da müsse die Landesregierung jetzt dringend nachlegen. SPD und Linke fordern darüber hinaus mehr Corona-Tests, mehr Schutzausrüstung, auch für die ambulanten Dienste und sozialen Einrichtungen, und eine bessere Bezahlung für Pflegekräfte. Die AfD-Fraktion will, dass die Hygienevorschriften in den Heimen verbessert werden, und die FDP fordert, man solle Hessens Pflegeheime mit Wlan und Tablets ausstatten, damit die Senioren mit ihren Angehörigenkommunizieren können.

Auf bundespolitischer Ebene schlagen die Grünen in einem 7-Punkte-Papier vor, dass es bestimmte Zeitkorridore für Senioren geben soll, in denen sie in den Park oder zum Einkaufen gehen können. Auch die AfD setzt auf Zeitkorridore in Einkaufszentren, setzt aber bei Maßnahmen wie dem Tragen eines Mundschutzes auf die Freiwilligkeit der Bürger. Die Linke will sogar spezielle Einkaufszentren für Senioren, die auch für den sozialen Austausch genutzt werden könnten. Außerdem könne man – ähnlich wie in der Schweiz oder den Niederlanden – Besucherhäuschen in den Pflegeeinrichtungen aufstellen. Die CDU schlägt für Besuche in den Heimen Trennwände vor – die FDP setzt auf die Digitalisierung der Kontakte zwischen Bewohnern und Angehörigen. Für die Pflege-Expertin der SPD, Heike Baehrens,  ist es an der Zeit, die Verantwortung an die jeweiligen Einrichtungen abzugeben, um die Besuchsregelungen an die regionalen Besonderheiten anpassen zu können.

Das sagt die Wissenschaft

Für den Heidelberger Gerontologen Professor Andreas Kruse ist es essenziell, den Schutz der Senioren vor dem Virus mit dem Schutz vor Vereinsamung zu vereinbaren. Zu seinem Konzept gehört neben ausreichend Schutzausrüstung auch, die Testkapazitäten in den Pflegeheimen deutlich zu erhöhen und schnellere Ergebnisse zu erreichen. Dabei sei es wichtig, vor allem jene zu testen, die das Virus in die Einrichtungen tragen könnten. Demnach würde Kruse bei den Mitarbeitern anfangen und dann die Besucher testen, um „den Angehörigen eine Sicherheit zu geben, genauso wie den Bewohnern auch“, so Kruse. Für die Bewohner sei außerdem eine psychologische Betreuung während einer möglichen Isolation wichtig. Dafür könne man Pflegepersonal, Psychotherapeuten, Sozialarbeiter oder Ärzte, die nicht mehr im Dienst sind, reaktivieren und dafür auch finanzielle Anreize schaffen.

Für die Deckung der Kosten dieses Konzepts müsste es laut Kruse Absprachen zwischen dem Staat sowie der Kranken- und Pflegeversicherung geben. Damit die Maßnahmen erfolgreich sein können, setzt Professor Kruse aber auch auf die Eigenverantwortung der Bürger: „Für mich ist das nicht nur eine Frage der Bereitstellung von Logistik, sondern auch eine Frage des Verhaltens“. Es gehe demnach darum, inwiefern Menschen dazu bereit wären, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen, und gleichzeitig sicherzustellen, andere nicht zu infizieren.

Und was jetzt?

In der Politik herrscht Einigkeit darüber, dass die Besuchsverbote gelockert werden müssen - vorausgesetzt es gibt genügend Tests und Schutzausrüstungen. Die Altersforscher Prof. Johannes Pantel und Prof. Andreas Kruse betonen neben dem Schutz vor dem Virus die psychologische Gesundheit der Senioren.

Doch welche Vorschläge und Konzepte ergeben aus epidemiologischer und ethischer Sicht Sinn?Professor Stephan Becker, Virologe an der Uni Marburg, hält Vorschläge wie Trennwände oder Besucherhäuschen für gute Ansätze, das Risiko einer Virus-Übertragung zu minimieren. Außerdem sei die Einhaltung von Hygieneregeln essenziell: Hände waschen und desinfizieren sowie das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes. Ein “Nullrisiko” könne es aber kaum geben, so Becker. Darüber hinaus dämpft der Virologe die zu großen Erwartungen an Corona-Schnelltests, die Ergebnisse ohne Labor-Einbindung liefern könnten. “Aus unserer Erfahrung mit anderen Schnelltests, die man bei der Influenza zum Beispiel durchführt, und die dann wie ein Schwangerschaftstest ablaufen, sind diese Tests selbst nach langen Jahren der Entwicklung noch nicht so gut, dass man denen wirklich in jeder Situation trauen kann”, so Becker. Er wolle es nicht ausschließen, da derzeit mit Hochdruck an solchen Tests gearbeitet werde. “Aber ich weiß nicht, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass wir in den nächsten Wochen oder Monaten diese Tests haben, die dann auch so weit verfügbar sind, dass sie in allen Pflegeeinrichtungen auch zur Verfügung stehen.”

Christiane Woopen, Vorsitzende des Europäischen Ethikrates, sagte dazu in einem Interview, dass sie nicht wieder in den Alltag vor Corona zurück wolle. Im Gegenteil: Sie hoffe, durch die Pandemie würde jeder das eigene Verhalten der letzten Jahre hinterfragen. Insbesondere der Umgang mit älteren Menschen müsse sich ändern, denn in einer Studie mit über 80-Jährigen habe sie herausgefunden, dass viele sich von der Gesellschaft ausgeschlossen fühlten. „Wenn die Pandemie uns jetzt die Augen öffnet und dazu bringt, Strukturen und Prozesse und Möglichkeiten zu eröffnen, die älteren Menschen wieder mitten in unserer Gesellschaft hinein zu holen und auch die Verhältnisse gut zu gestalten, sie zu pflegen, dann haben wir dort einen Vorteil”, so Woopen.

Die Bevormundung älterer Menschen sei deshalb in der aktuellen Krise nicht der richtige Weg. „Wir können ihnen zumuten, eine gewisse Risikoabwägung durchzuführen“, sagt die Medizinethikerin. „Ich habe schon einige ältere Menschen gesprochen, die gesagt haben, dass sie lieber ein bisschen kürzer leben, aber dafür den Rest des Lebens noch so verbringen, wie es ihnen wichtig ist.“

Die Frage der Eigenverantwortung, wie sie der Heidelberger Gerontologe Kruse betont, sieht Prof. Woopen kritisch. Zum Beispiel sei es relativ einfach, jemandem die Notwendigkeit eines Mundschutzes zu erklären. Auf Dauer körperlichen Abstand zu halten, widerspreche aber der menschlichen Natur. Hinzu komme, dass es für vielenicht nachvollziehbar sei, wenn die Politik den Start der Bundesliga erlaube, aber im Privaten auf Sicherheitsabstand setze. „Das ist ein anstrengender, rationaler Akt der Selbstdisziplinierung, der den Menschen schon eine ganze Menge abverlangt“, so Woopen. Man sei viel eher bereit etwas zu übernehmen, das man in seiner Umgebung vorgelebt bekomme.

Die Autorinnen Sandra Müller und Selina Rust

Sendung: hr-iNFO Politik, 14.5.2020, 21:35 Uhr

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