Symbolbild Corona-Impfstoff

Für die Entwicklung des ersten COVID-19-Impfstoffes erhielt Russland vor allem Kritik. Doch wenn das Land seine Forschungen jetzt transparent veröffentlicht, sollte der Westen diese Arbeit würdigen, meint unsere Kommentatorin.

Der weltweit erste zugelassene Impfstoff gegen das Coronavirus ist in Russland erfunden worden. Damit müssen sich die ehrgeizigen Forscher auf der ganzen Welt nun wohl abfinden. Diese glorreiche Nachricht wird man Wladimir Putin nicht mehr nehmen können. Auch wenn es danach sofort Kritik hagelte: aus den USA, aus Deutschland. Unverantwortlich sei die schnelle Zulassung, überstürzt. Die Sicherheit des Impfstoffs sei womöglich wenig geprüft, so die Stimmen aus den Kreisen der Wissenschaft. Wenige hatten sich positiv zum russischen Impfstoff geäußert. Und auch die WHO hatte Russland nicht wirklich den Rücken gestärkt.

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Zum Artikel COVID-19-Impfstoff: Russland wird nichts gegönnt

In einem Labor in Stuttgart werden Tests zum Coronavirus durchgeführt.
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In Russland gab man sich von der Kritik nicht sonderlich überrascht, eher etwas gekränkt. Wie ein Musterschüler, der in Klausuren immer nur Sechser schreibt, obwohl doch alle Fragen beantwortet wurden! Als „Putins Versuchskaninchen“ habe man die Russen bezeichnet, das gehe gar nicht. Der Westen, der gönne es Russland einfach nicht. Wie immer.

Die Empörung über die Kritik ist natürlich geübt. Denn Russland ist die Verteidigungshaltung gewohnt. Aber in diesem Fall könnte es das einfach lassen. Sich nicht rechtfertigen. Keine weltweite Verschwörung gegen die bahnbrechende Forschung anmahnen. Sondern einfach die Studie vollständig und transparent den Forschern weltweit zur Verfügung stellen – und zwar in aller Ausführlichkeit, nach allen wissenschaftlichen Standards, auf die man so gerne in den letzten Tagen verwiesen hat. Und die Wissenschaft dann diskutieren lassen.

Großzügig sein und Lorbeeren gönnen

Wie auch immer, die aktuelle, hitzige Diskussion ist recht typisch für die gesamte Pandemie-Zeit. Wenn sich die Wissenschaftler streiten, Studien in Zweifel gezogen werden, irgendwann Politik und Medien mitmischen, dann schauen wir Laien zu und hoffen, dass am Ende doch eine fundierte Erkenntnis siegt und Konsens erreicht wird. Das könnten ja alle Beteiligten auch jetzt einfach abwarten – eine ausgeruhte wissenschaftliche Analyse. Sollte sich der russische Impfstoff am Ende wirklich als eine Errungenschaft der Wissenschaft erweisen – dann müsste man auch so großzügig sein und Russland seine Lorbeeren gönnen.

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Der Kommentar spiegelt die Meinung des Autors und nicht die der Redaktion wider.

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Sendung: hr-iNFO Aktuell, 13.08.2020, 06.30 Uhr

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