Ein Plakat auf einem Bahnhof in Yokohama, auf dem erklärt wird, dass "chikan", Grabschen ein Verbrechen ist.

Technisch ist Japan hoch entwickelt. Gesellschaftlich gibt es zumindest bei der Gleichberechtigung noch viel zu tun. Oder genauer gesagt dabei, dass Männer Frauen nicht mehr begrabschen. Eine App soll jetzt Abhilfe schaffen.

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Tokio zu Rush-Hour, es ist so eng, dass kaum Luft zum Atmen bleibt. Jeden Morgen, jeden Abend. Und ein tägliches Fest für die Chikan – die Grabscher. 1.750 Grabscher haben Frauen nach Angaben der Hauptstadtpolizei 2017 angezeigt. Die Dunkelziffer dürfte um ein Vielfaches höher liegen, denn egal wen man fragt: Fast jede hat was zu berichten.

Comics machen's vor

"Im Zug hat mir ein Mann unter den Rock gefasst. Aber ich hab' mich nicht getraut, was zu sagen, sondern geschwiegen und dieses unangenehme Gefühl einfach ertragen", erzählt etwa die 19-jährige Akari Ueda. Dass sie mit dieser Erfahrung nicht alleine dasteht, bekräftigt China Noda: "Mich haben sie schon oft an der Brust angefasst. Die meisten, die ich kenne, haben so etwas schon erlebt", sagt die 22-Jährige.

Dass Männer so hemmungslos zugreifen und Frauen es geschehen lassen, liegt auch an der in Japan beliebten Comickultur. Filme und Hefte zeigen Mädchen in sehr knappen Röckchen, Männer schieben darin öffentlich die Finger ins Höschen, manchmal grabschen sie auch noch von hinten an die Brust.

Ds Grabscher-Frühwarnsystem

Die meisten Opfer bleiben stumm, aus Scham. Remon Katayama wollte das nicht länger hinnehmen. Sie entwickelte vor zwei Monaten eine App fürs Handy – sozusagen ein Grabscher-Frühwarnsystem.

"Mit dieser App kann man ganz leicht erkennen, wo sich die Grabscher gerade aufhalten, wo gerade besonders viele unterwegs sind – und das alles in Echtzeit", so Katayama. Wer einen "Chikan" entdeckt, kann ihn also melden und so die Nutzerinnen der App warnen. 40.000 Frauen haben sich bereits registriert.

Die App soll Mut machen

"Das bisherige Gefühl der Machtlosigkeit kommt daher, dass Grabscher als völlig normal wahrgenommen werden. Es geht so weit, dass die Opfer befürchten, dass durch ihren Hilferuf der Zug angehalten wird und die Mitreisenden zu spät zur Arbeit kommen. Aus Rücksicht sagen sie deshalb lieber nichts", erklärt die App-Entwicklerin.

Das Programm beseitigt das Chikan-Problem zwar nicht, aber es soll deutlich machen: Du bist nicht allein und musst dich nicht schämen. Es will den Frauen Mut machen, sich zu wehren. Es ist ein Anfang.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 15.10.2019, 9-12 Uhr

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