Anne-Sophie Mutter

Star-Geigerin, Corona-Patientin und alleinerziehend: Anne-Sophie Mutter hatte in den letzten Monaten viel zu tun. Und das, obwohl keine Konzerte stattfanden. Vor allem die Lage Solo-Selbstständiger beschäftigt sie. Im Interview mit hr-iNFO fordert sie eine bessere Unterstützung für Kulturschaffende.

Ihr Lächeln bleibt nicht lange versteckt, da ist viel positive Energie und da ist immer Musik. Als ich in unserem Gespräch ein Stück aus ihrem Filmmusik-Album "Across the Stars" einspiele, singt Anne-Sophie Mutter ihre Geigen-Stimme mit. "Das kommt mir bekannt vor", sagt sie, wieder mit diesem Tonfall, der schnell zu einem Lachen wird.

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Es ist die Melodie von "Luke und Leia" aus "Star-Wars: Die Rückkehr der Jedi-Ritter". Der Komponist John Williams hatte seine Filmmusik für Anne-Sophie Mutter noch einmal neu überarbeitet, zusammen haben sie das Album aufgenommen. In Interview mit hr-iNFO outet sich Deutschlands bekannteste Geigerin als Star-Wars-Fan: Schon mit dem ersten Film 1977 habe sie die Faszination gepackt, nicht zuletzt wegen der Musik von Williams.

"Alleinerziehende Mutter, die auch Geige spielt"

Es ist nicht das einzige Geständnis der 57-Jährigen: Sie ist restlos begeistert von "The One and Only" Tennis-Star Roger Federer und seinem Spiel. Selbst spielt sie kein Tennis, wandert lieber, ist auch schon auf dem Jakobsweg gelaufen. Solche Geschichten erzählt Anne-Sophie Mutter mit viel Witz und ich erlebe einen Weltstar der Musik, der sich selbst so nie bezeichnen würde. "Ich bin alleinerziehende Mutter, die auch Geige spielt", erklärt sie.

Tatsächlich hat sich Anne-Sophie Mutter nach dem Tod ihres Ehemanns 1995 alleine um ihre beiden Kinder kümmern müssen. Dennoch ist diese Umschreibung eine grobe Untertreibung Ihres musikalischen Ausnahme-Talents. Sie gehört zu den vielen Aussagen, die Mutter mit einem freundlichen Augenzwinkern macht.

"Es muss gleiches Recht für alle geben"

Aber sie kann auch anders. Als wir über die Kultur in der Corona-Krise sprechen, erlebe ich eine andere Leidenschaft, ihr Engagement für ihre Musiker-Kolleginnen und -Kollegen: für die Solo-Selbstständigen, die noch nie viel Geld verdient haben und jetzt umso härter getroffen werden von abgesagten Konzerten oder drastischen Einschränkungen bei den Besucherzahlen.

Dass in Bayern nur 200 Menschen in einen Konzertsaal dürfen, gleichzeitig aber Veranstaltung mit 800 Gästen stattfinden, regt sie auf: "Wir brauchen keine Förderung oder Unterstützung, wir brauchen nicht ein paar Bonbons von oben! Wir brauchen eine Gleichberechtigung, es muss gleiches Recht für alle gelten." Wenn man essen und trinken dürfe in so einem großen Rahmen, dann müsse es auch möglich sein, "dass ein äußerst züchtiges, sich benehmendes Klassik-Publikum schweigend und voller Ernst und Hingabe einem Konzert lauschen darf - und das eben mit mehr als 200 Personen", so Mutter.

Natürlich mit einem Hygiene-Konzept, natürlich mit allen notwendigen Auflagen. Aber: Es brauche jetzt neue, gute Konzepte, sonst werde das nichts mit dem "Neustart Kultur", den die Bundesregierung mit einer Milliarde Euro fördert. "Bald restartet da gar nix mehr! Seit März ist die Armut ausgebrochen unter den Solo-Selbstständigen, speziell unter den Künstlern, unter den Musikern. Und wenn wir nicht aufpassen, dann gibt es im Frühling nächsten Jahres manches Ensemble nicht mehr."

"Als ob ich Lepra verbreitet hätte"

Die Situation der freien Musiker und Künstlerinnen, die Kultur in der Corona-Krise - das treibt Anne-Sophie Mutter spürbar um. Dabei ist die Wahl-Münchnerin weit davon entfernt zu unterschätzen, welche Gefahr von Corona ausgeht. Sie selbst erkrankte gleich zu Beginn der Pandemie. Sie sei sehr müde gewesen und hatte leicht erhöhte Temperatur, sei dann aber sofort zum Arzt und sei getestet worden, obwohl sie asymptomatisch war.

"Dann kam die Diagnose und ich habe mich ganz schrecklich gefühlt: Als ob ich Lepra verbreitet hätte." Leider habe sie auch zwei Personen angesteckt, obwohl sie ihren Radius extrem eingeschränkt hatte. "Dann kam das große Warten: Was passiert als nächstes? Klar habe ich die ersten 48 Stunden gemeint, ich würde keine Luft kriegen und hatte Herzrasen. Aber ich hatte nie Sauerstoff-Probleme und da hat sich viel im Kopf abgespielt."

Zeit für einen Neustart

Inzwischen hat sich Deutschlands berühmteste Geigerin gut erholt. Dennoch bleibt Corona ein tiefer Einschnitt, Anne-Sophie Mutter fand Zeit zum Nachdenken und sie will jetzt einiges anders machen: "Weniger reisen, weniger überflüssige Umweltbelastung, überhaupt weniger konsumieren, mehr Zeit zu Hause verbringen mit den Kindern und generell entschleunigen."

Sie habe sich fest vorgenommen, dass auch ihr Konzertkalender "nicht mehr diesen Wahnwitz beherbergen darf." Den habe sie in den letzten Jahren zwar mit großer Begeisterung verfolgt, aber jetzt sei "eine Zäsur." Diesen Einschnitt will Mutter nutzen, um neu zu starten. Mit viel positiver Energie.

Sendung: hr-iNFO "Das Interview", 09.10.2020, 19:35 Uhr

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