Carina

Männlich, weiblich, divers: Die klassischen Männer-und Frauenbilder verändern sich immer mehr. Transgender-Menschen etwa stellen das gefühlte Geschlecht über das biologische. So sieht das auch die 55 Jahre alte Transgender-Frau Carina aus Frankfurt. hr-iNFO hat sie getroffen.

Carina strahlt. Sie fühlt sich wohl in ihrer Haut. Das war nicht immer so, denn Carina kam als biologischer Mann zur Welt. Ihre Innen- und Außenwelt haben für sie fast ein halbes Leben lang nie zusammengepasst. Denn eigentlich wusste sie schon immer, dass sie eine Frau ist, erzählt die heute 55-Jährige. Dieses Gefühl fing im Grundschulalter an und blieb über Jahrzehnte ihr Geheimnis;  auch gegenüber ihrer Familie.

In der Schule gemobbt

"Wenn die Luft zu Hause rein war, bin ich schön an den Kleiderschrank von meiner Mutter, habe Stiefel, Pumps, et cetera genutzt. Ich habe mich vor den Spiegel gestellt und mich gestylt mit Rock und Bluse. Und dann habe ich mich angeschaut und gesagt, 'Das bin ich!'", erzählt sie.

In der Schulzeit wird Carina gemobbt, weil sie anders ist als die anderen Jungs: zu weich, erzählt sie. Sie will kein Fußball spielen, will lieber basteln und verbringt die meiste Zeit mit anderen Mädels. In der Realschule vergeht deswegen kaum ein Tag, an dem sie nicht mit blauen Flecken nach Hause kommt.

In das männliche Rollenbild gepresst

Auch zu Hause erhält sie keinen Rückhalt. Und so fängt sie an, ihr gefühltes Geschlecht immer mehr zu unterdrücken. Sie eignet sich männliche Eigenschaften an, versucht den 'normalen' Weg zu gehen: heiratet, gründet eine Familie und baut ein Haus.

"Durch diese Erfahrungen, die ich in der Schulzeit gemacht habe, habe ich versucht, die mir aufgezwungene Rolle auszufüllen: diese männliche Rolle", so Carina. Wohl habe sie sich dabei nie gefühlt. "Ich musste mich ablenken, habe ein altes Haus saniert von oben bis unten – und der Alkohol wurde immer mehr."

Coming Out in kleinen Dosen

Scheibchenweise habe sie sich geoutet, erzählt Carina. Zuerst ging sie nur auf Transvestiten-Partys, doch an einem Abend will sie ihr Outfit nicht mehr ausziehen. Schließlich kommt auch ihre Frau dahinter und Carina gesteht ihr, dass sie mehr ist als nur ein Mann, der sich gerne als Transvestit verkleidet.

Carinas endgültiges Coming Out ist heute sechs Jahre her. Seitdem geht es ihr erheblich besser. Ihre Kinder gehen unterschiedlich damit um und dürfen noch "Papa" zu ihr sagen. Ihr Sohn habe einmal zu ihr gesagt: "Du hast mir meinen Papa genommen." Carinas Frau steht mittlerweile komplett hinter ihr, die Beziehung aber hat sich verändert. "Für sie war es nicht einfach, deswegen auch das späte Coming Out , weil ich sie nicht verlieren wollte. Wir lieben uns, aber mehr auf der höheren Ebene, nicht auf der geschlechtlichen. "

Nur der Mensch zählt

Eine geschlechtsangleichende OP hat Carina nicht vorgenommen. Will sie auch nicht, erzählt sie. Sie könne auch ohne OP eine Frau sein. Was für sie zählt, ist der Mensch - egal ob Mann, Frau oder Transgender-Mensch.

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