Mann mkit Maske vor einem leuchtenden Herz

Dating mit den AHA-L-Regeln im Kopf klingt wenig reizvoll. Und doch boomen Plattformen wie Tinder nach eigenen Angaben gerade jetzt. Wie halten es Singles mit dem Kennenlernen in Corona-Zeiten? Und welche sicheren Alternativen gibt es für bestimmte Bedürfnisse?

Weil ich wissen wollte, wie Online-Dating in Zeiten von Corona abläuft, habe ich mich kurzerhand selbst bei zwei Anbietern angemeldet. Ich habe ganz offen in mein Profil geschrieben, dass ich nicht nach Dates suche, aber nach Leuten, die mit mir darüber reden. Und das haben sie getan. Zum Beispiel Max. "Auf Tinder bin ich primär, um Frauen kennenzulernen", sagt er. Nicht, um nach der "Liebe meines Lebens zu suchen, aber es ist schon wichtig, dass man so ein bisschen im Einklang ist."

Corona gefühlt nicht existent

Max ist 19 und wohnt noch zu Hause. Deshalb sei er nicht wahnsinnig einsam, aber so ganz auf körperliche Nähe verzichten? Das will er nicht. Auch Jo geht’s da so: "Meine Erfahrungen bisher zeigen eigentlich, dass Corona gefühlt nicht existent ist." Wenn man sich auf Dating-Plattformen schreibe und sich sympathisch sei, komme es relativ schnell zu persönlichen Treffen - "ohne wirklich Abstände einzuhalten."

Schnell habe ich gemerkt: So einfach wie für Max läuft es definitiv nicht für alle. "Die Sicherheitsaspekte beim Dating sind jetzt sehr schwierig für mich", sagt zum Beispiel Emma. Die Spaziergänge seien in der Regeln an abgelegeneren Orten, das sei eine ganz andere Situation als sich dort zu treffen, wo viele Menschen sind und und man schneller rauskomme aus der Situation. "Und dann kommt noch der Herbst hinzu, wo es schnell dunkel wird und man weniger gesehen wird, wenn man sich im Park mit jemandem trifft. Das sind alles Aspekte, die ich schwieriger finde, als es vorher war."

Bedürfnis nach Nähe ist nicht weg

Emma ist 24 und seit zweieinhalb Jahren in einer offenen Beziehung. Das bedeutet, sie und ihr Partner schlafen jeweils auch mit anderen Leuten. Sie und ihr Freund sind sich des Risikos durchaus bewusst. Sie versuchen, so verantwortungsvoll wie möglich zu handeln. Schreiben länger mit Menschen, die sie online kennenlernen, treffen sich erst Mal im Freien und: "Wir haben besprochen, dass wir pro Woche nicht zu viele Kontakte haben, also maximal ein weiteres Date. Und tatsächlich treffen wir auch gemeinsam jemanden." So ließe sich die Zahl der Kontakte dann nochmal reduzieren.

Die Bedürfnisse nach Nähe, Flirten und Zugehörigkeit seien leider nicht einfach weg, sagt Emma. Und sie ist damit nicht allein. Der erste Sex während der Pandemie "war großartig", sagt Nisan. "Ohne Hintergedanken, weil ich war einfach voll verknallt und es ist einfach passiert." Da mache man sich auch keine Gedanken, ob das jetzt blöd sei oder nicht.

"Man hat immer noch sich selbst"

Das klingt alles so, als würden jüngere Menschen Corona einfach ausblenden. In meinen Gesprächen bestätigt sich das aber nicht. Viele überlegen ganz genau, wie oft und in welchem Rahmen sie andere treffen wollen. Und im Hinblick auf die zwei Wochen vor Weihnachten ist für Max klar: "Da wird sowas total unterlassen." Dafür habe er zu viele alte Leute in seiner Familie, die er sehen wolle und da werde er "natürlich das Risiko minimieren. Da werd ich mich hier in meinem Haus verschanzen."

Für meine Recherche treffe ich auch Claudia Kolbe. Sie ist Sexualtherapeutin in Frankfurt. Für Singles, die beschlossen haben, in der Pandemie nicht auf Partner*innen-Suche zu gehen, hat sie diese Tipps: "Am Ende hat man ja immer noch sich selbst. Man ist selbst immer die Person, mit der man am sichersten Sex haben kann, man muss noch nicht mal das Haus verlassen."  Es gebe "super viele Toys, Hörbücher, ganze Apps dafür, erotische Literatur. Man kann sich’s durchaus nett machen. Auch mit sich selbst." Vielleicht sei das die Chance, mal auszuprobieren und auch zu variieren, sagt die Sexualtherapeutin. Vielleicht machen sich Singles also einfach zu Weihnachten selbst ein kleines Geschenk - für nicht ganz so stille und heilige Nächte. 

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 11.12.2020, 9 bis 12 Uhr

Jetzt im Programm