Originalaufnahmen aus der Weimarer Republik
Die Weimarer Nationalversammlung trat vor genau 100 Jahren - am 6. Februar 1919 - zum ersten Mal zusammen. Ihr Auftrag: der Republik eine Verfassung geben. Bild © picture-alliance/dpa

Die Weimarer Verfassung war der vorläufige Höhepunkt einer langen Reihe demokratischer Traditionen in Deutschland - auch wenn viele vorher nicht über das Stadium des Versuchs hinauskamen. Ein Rückblick.

Sie brauchten ein bisschen Zeit, die Deutschen, bis sie sich ranwagten an das Experiment Demokratie. Während die Franzosen ihre Revolution schon fast 30 Jahre früher hatten, machten deutsche Studenten erst 1817 ihren Unmut deutlich.

1817: Das Wartburgfest

Deutschland war damals ein Flickenteppich aus Kleinstaaten. Auf dem Wartburgfest forderten die Studenten einen Nationalstaat mit eigener Verfassung. Mit wenig Erfolg, doch danach ging es weiter.

1832: Das Hambacher Fest

1832 diskutierte die Opposition, wie das gehen könnte mit nationaler Einheit, Freiheit und Volkssouveränität. Auf dem Schloss in Hambach in der Pfalz war das, zu dem fast 30.000 Menschen kamen. Spürbare Folgen für die Bürger hatte Hambach zunächst kaum, zumindest nicht unmittelbar. Doch das Fest bereitet den Weg für das, was kommen sollte.

1849: Die Paulskirchen-Verfassung

17 Jahre später war Frankfurt Spielort des nächsten Kapitels deutscher Gehversuche mit der Demokratie. In der Pauskirche entstand 1849 eine Verfassung: modern und wegweisend für alle folgenden, auch wenn sie nie in Kraft trat.

Daran erinnerte vor zehn Jahren der damalige Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble: "Lange Jahrzehnte unterschätzt und zu wenig gewürdigt waren die Errungenschaften der 48er-Revolutuion. Und von 1848 und von der Paulskirche gehen zwei natürlich zwischendurch gebrochene Traditionslinien aus: die freiheitliche Verfassungstradition Deutschlands und auch eine revolutionäre Linie, die bis 1989/90 reicht, wo es dann den Deutschen in der damaligen DDR gelang, eine friedliche Revolution sogar erfolgreich zu Ende zu bringen."

In den Genuss der Grundrechte kamen die Deutschen vorerst aber nicht. Den Deutsch-Französischen Krieg und den Ersten Weltkrieg konnten die Ideen der Paulskirche auch nicht verhindern.

1919: Die Weimarer Verfassung

Nach dem Ende des Krieges ging es 1919 chaotisch zu in Berlin, revolutionär aufgewühlt. Man suchte einen ruhigeren Versammlungsort, um sich eine Verfassung zu geben - auch Frankfurt bot sich an. Es wurde: Weimar. Ein Zufluchtsort für die neue Nationalversammlung, ein Ort mit positivem Image.

Die Bezüge zur Klassik sollten die Deutschen einen. Von der Stadt Goethes und Schillers sollte nach dem Krieg auch ein Signal an das Ausland gesendet werden: Seht her, wir verabschieden uns vom Kaiserreich, von Berlin und Potsdam!

Der erste Präsident der Nationalversammlung wurde Eduard David von der SPD, er sah das Parlament im Februar vor 100 Jahren vor einer gewaltigen Herausforderung: "Meine Damen und Herren, gewaltige Aufgaben harren unserer. Krieg und Revolution haben das alte Regierungssystem zermürbt und zertrümmert, der alte Bau ist zusammengestürzt. Wir sollen einen neuen errichten."

Dieser neue Bau bekam ein gutes Fundament. Die Weimarer Verfassung garantierte den Deutschen erstmals Grundrechte wie Glaubens- und Gewissensfreiheit, Frauen durften wählen. Die Nazi-Diktatur, die 14 Jahre später begann, konnte die Reichsverfassung aber nicht verhindern. Nicht die Schuld der Verfassung – so das überwiegende Urteil heute.

Sendung: hr-iNFO, 6.2.2019, 7:30 Uhr

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