Geld zählen, Altersarmut

Wird meine Rente zum Leben reichen, wenn ich mal alt bin? Diese Frage treibt viele jüngere Menschen um. Auch unsere Reporterin. Sie hat mit Menschen über ihre Erfahrungen gesprochen: über Ängste und Hoffnungen, Armut und gute Vorsorge.

Das Thema Rente ist für mich noch ziemlich weit weg. Ich bin Journalistin. Vollzeit berufstätig und 32 Jahre alt. Ich soll also noch länger arbeiten, als ich jetzt überhaupt alt bin - mindestens noch 34 Jahre. Sollte ich also jetzt schon anfangen, mir um meine Rente Gedanken zu machen? Es ist doch noch so viel Zeit. Oder? 

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Zum Artikel Die Story: Die Angst vor Altersarmut

hr-Reporterin Selina Rust mit Marie-Luise Stoll
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Jede Woche zur Tafel

Ich treffe mich mit Marie-Luise Stoll. Sie wird von allen liebevoll Oma Stoll genannt. Sie ist 81 Jahre alt, war alleinerziehende Mutter und hat ihr Leben lang Teilzeit bei einem Arzt gearbeitet. "Ich hab bei dem Arzt 1.600 Euro verdient. Das weiß ich noch genau. Und damit  bin ich nicht hingekommen. Es ging nicht mit den zwei Kindern. Und dementsprechend bin ich dann noch abends putzen gegangen und hab mir etwas dazu verdient", erklärt sie mir.

Geld fürs Alter zurücklegen, das konnte Oma Stoll nicht. Das hat ihr damals schon Sorgen gemacht. "Ich hab mir dann immer gedacht: Du bist Sparen gewöhnt. Du kommst auch damit klar." Jetzt im Alter bekommt sie zu ihrer Rente noch zusätzlich Grundsicherung, Miete und Krankenversicherung übernimmt der Staat.

Marie-Luise Stoll bei der Tafel

Damit sie etwas von ihrer Rente sparen kann, geht sie jeden Dienstag zu Offenbacher Tafel. Hier bekommt sie frische Lebensmittel, Obst, Gemüse, Fleisch. Dinge, die sich Marie-Luise Stoll sonst gar nicht leisten könnte. Ich kann mir nur vorstellen, wie viel Überwindung es kostet, dieses Angebot in Anspruch zu nehmen. "Das erste Mal war es nicht angenehm. Ich hab ich mich, ganz ehrlich gesagt, ziemlich in die Ecke gestellt und mich regelrecht geschämt", gibt sie zu. Mittlerweile fühlt sie sich dort sehr wohl.

Altersarmut ist oft weiblich

Mir fällt auf, dass viele Frauen in der Schlange stehen, um frische Lebensmittel zu bekommen. Altersarmut ist oft weiblich. So wie Oma Stoll. So wie ich. Wir Frauen sind besonders gefährdet, im Alter arm zu sein. Grade die Alleinerziehenden, die nicht Vollzeit arbeiten können.

Oma Stoll hat ihr Leben lang gearbeitet. Geputzt. Kinder erzogen. 35 Jahre hat sie in das Rentensystem eingezahlt. Es ärgert sie, dass sie trotzdem heute zur Tafel gehen muss. "Die Frau Merkel zum Beispiel! Die müsste einmal an der Tafel stehen und sehen, was da los ist!" Oma Stoll fängt an zu weinen. "Nur einmal! Die Leute kommen da hin, nur weil sie was zu essen brauchen!" Sie schnäuzt tief in ihr Taschentuch.

Das Gespräch mit Oma Stoll hängt mir tagelang nach. Wie wird es mir im Alter gehen? Bin ich richtig abgesichert und: Reicht die gesetzliche Rente überhaupt aus?
Diese Fragen beschäftigen mich sehr. Geht es anderen genau so?

Die Angst, dass es nicht reicht

Auf dem Bau in Nidda treffe ich Michael Kargus. Dachdecker, 52 Jahre. Und heute schon mit kaputten Knochen. Mit Knieprothese steigt er täglich auf die Dächer. Jeden Tag verrichtet er schwere, körperliche Arbeit. Ihn beschäftigt vor allem die Frage, wie lange er so noch arbeiten kann.

Michael Kargus

Denn die Menschen werden immer älter und sollen auch immer länger arbeiten. Der Vorschlag, erst mit 69 oder 70  in Rente zu gehen, ärgert ihn. "Das ist unmöglich", schimpft er. "Wenn wir durchkommen mit 69, dann sind wir ein Wrack. Alle Handwerker, die da sind. Was nützt mir die Rente mit 69, wenn ich dann daheim liege und kann nix mehr machen, weil die Knochen kaputt sind?"

Wie steht es um Michael Kargus Rente? Er ist selbstständig, im Alter bekommt er eine kleine gesetzliche Rente aus der Zeit, in der er noch angestellt war. Dazu kommen eine private Rentenvorsorge und Lebensversicherungen. Doch er rechnet damit, dass diese Vorsorge seine monatlichen Ausgaben später nicht decken kann. In seiner Rechnung klafft eine Lücke von 660 Euro.

"Lustig ist das nicht"

Was geht ihm durch den Kopf, wenn er daran denkt? "Hass", sagt er. "Man arbeitet so schwer, dann setzt man sich abends hin und kann nichts unternehmen, weil man kaputt ist und man einschläft. Lustig ist das nicht. Das geht mir schon sehr nahe."

So wird mir einmal mehr bewusst, dass die Rente später eben auch die Nebenkosten decken muss, und zwar alle monatlichen Ausgaben, die ich jetzt schon habe. Könnte ich dann noch meinen Lebensstandard halten? Michael Kargus kann das im Alter nur stemmen, weil sie die Kosten zu zweit tragen - und seine Frau später auch eine Rente bekommt.

Gut vorgesorgt

Aber ich will auf meiner Reise Menschen treffen, die genügend vorsorgen konnten.
Die sich im Alter keine Sorgen machen müssen. Norbert Kern ist 79 Jahre alt, ehemaliger Unternehmer und sehr wohlhabend - auch im Alter. Er hat früh angefangen, vorzusorgen: Er hat in die gesetzliche Rente eingezahlt, bekommt eine betriebliche Altersvorsorge, hat bereits in jungen Jahren mehrere Lebensversicherungen abgeschlossen, Aktien und Immobilien gekauft und viel Geld gespart.

Norbert Kern

Wie viel er monatlich rausbekommt, will er nicht verraten. "Ich habe  sehr viel Glück gehabt, oder viel gearbeitet", sagt er. "Der eine sagt, du hast dein Leben lang viel Glück, ich sag dann ganz locker: 'Ich hab aber auch immer 13 bis 14 Stunden gearbeitet. Wenn ihr schon in der Kneipe wart, hab ich noch im Büro gesessen. Ich hab was dafür getan.'" 

Mit 26 Jahren gründete er ein Speditionsunternehmen, die Firma hatte 700 Mitarbeiter mit Filialen auf der ganzen Welt. Später verkaufte er das Unternehmen. Er selbst aber kommt aber aus einfachsten Verhältnissen. Er ist der siebte  von neun Geschwistern. Seine Eltern waren einfache Leute, die nicht viel vorsorgen konnten. Das wollte er anders machen.

"Meine Mutter hatte 200 Euro Rente. Wir haben die Mutti unterstützt. Da war mir klar: Du musst dran denken, dass du später nicht von Kindern oder Enkeln unterstützt werden willst. Das war die Motivation: Du musst jetzt schon vorsorgen", erklärt er mir.

"Was Sie einzahlen, wird nicht reichen"

Norbert Kern macht aus seiner politischen Meinung keinen Hehl: Er ist SPD-Mitglied und würde sich dort eher dem linken Flügel der Partei zuordnen. Deshalb war es ihm auch immer wichtig, dass seine Mitarbeiter abgesichert sind. Sie haben Urlaubsgeld und Weihnachtsgeld bekommen – und er hat für seine Mitarbeiter eine Lebensversicherung auf deren Namen abgeschlossen, erzählt er mir. Auch heute spende er noch mehrere zehntausend Euro jährlich.

Er zeigt mir sein Haus, das geschmückt ist mit Kunstwerken aus fernen Ländern. Regelmäßig geht der Rentner in seinem eigenen Pool schwimmen oder trinkt mit Gästen ein Gläschen Wein in seinem eigenen Weinkeller. Er weiß den Wert seines Wohlstandes zu schätzen, weil er nie vergessen hat, wo er herkommt. Das ist mir sympathisch.

Was würde Norbert Kern mir empfehlen, wie sollte ich vorsorgen? "Das, was Sie in die Rente zahlen können, das wird nicht ausreichen", warnt er. "Verprassen sie nicht alles, zahlen sie jetzt in eine Lebensversicherung ein oder kaufen sie Anteile von einem Fonds. Irgendwas, das ihnen erhalten bliebt."

Viel dazugelernt

Ja, ich möchte zusätzlich vorsorgen. Und ich empfinde es als großes Glück, dass ich mir gerade etwas zur Seite legen kann.  Aber wird das Geld in 35 Jahren noch so viel Wert sein? Ich bin nicht neidisch auf Norbert Kern, ich bewundere, dass sein Plan aufgegangen ist. "Dass es mir so gut geht, das hab ich nicht erwartet, aber ich freu mich drüber", sagt er und strahlt mich an. "Und ich hoffe, dass es ihnen im Alter auch einmal so gut geht."

Am Ende meiner Reise habe ich sehr viel dazugelernt. Denn damit es mir im Alter gut geht, muss ich jetzt schon anfangen vorzusorgen. Mich privat abzusichern, so lange es irgendwie möglich ist. Zwar ist die Rente noch so weit weg - aber ich würde gerne sorgenfrei sein, wenn ich irgendwann alt bin.

hr-iNFO Politik, 21.2.2020, 21:35 Uhr

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