Daumen Runter

Eine Serie des Wall Street Journal zeigt: Vieles, was Facebook in den vergangenen Monaten abgestritten hat, scheint wahr zu sein. Und offenbar kennen der Konzern und sein CEO Mark Zuckerberg die schlimmsten Auswüchse, die Facebook und Instagram hervorbringen – seien es Auswirkungen auf die Psyche, Fake News oder Sonderregeln für Prominente.

Das Wall Street Journal ist offenbar an eine Sammlung interner Dokumente von Facebook gekommen. Sechs Journalistinnen und Journalisten haben in den vergangenen Wochen die zugespielten Dokumente ausgewertet, darunter interne Memos, Powerpoint-Präsentationen und Diskussionen aus dem firmeninternen Chat-Kanal von Facebook.

"Eine Maschine, die man nicht mehr kontrollieren kann"

"Wir zeigen, dass es sich nicht um einzelne Fälle von Versagen handelt, von denen das Unternehmen überrascht wurde", sagt Jeff Horwitz, Chefautor der Serie und Silicon Valley-Reporter des Wall Street Journals. "Vielmehr liegt hier eine breite Akzeptanz vor, Facebook kümmert das wenig. Es wird erst aktiv, wenn ein Fall für öffentliche Aufmerksamkeit sorgt."

Im jüngsten Artikel zitiert das Wall Street Journal aus einem internen Protokoll. Danach soll ein Facebook-Manager gesagt haben, man habe eine Maschine geschaffen, die man nicht mehr kontrollieren könne. Dieses Bild zieht sich wie ein roter Faden durch die Artikel-Serie.

Sonderregeln für Prominente

Beispiel: Der brasilianische Fußballstar Neymar. Der postete 2019 nach Vergewaltigungsvorwürfen gegen ihn auf Instagram ein Video, in dem Name und Nacktfotos der Frau zu sehen waren, die ihn beschuldigt hatte. Nach den Facebook-Regularien ein klarer Fall von Rache-Pornografie, der mit der Löschung des Kontos geahndet wird. Nicht jedoch im Falle Neymars. Als einer der Top 20-Influencer auf Instagram war er offenbar sehr geschützt.

"Den Mitarbeitenden, die seinen Eintrag löschen wollten, fehlten dazu die Befugnisse", sagt Horwitz. Das Ganze sei an einem Wochenende passiert, es habe mehr als 24 Stunden gedauert, bist das Posting schließlich gelöscht gewesen sei. "Mehr als 56 Millionen Menschen haben die Nacktfotos der Frau gesehen."

5.8 Millionen Prominente befinden sich laut Wallstreet Journal auf der Ausnahmeliste, Cross Check genannt: Diktatoren, Schauspieler, Politiker. "Verschiedenste Bereiche aus dem Unternehmen haben Promis dieser Liste hinzugefügt, Dutzende Teams, mindestens 40, hatten dazu die Möglichkeit", so Horwitz. "Jeder machte das auf seine Art. Das Ganze wurde von niemanden innerhalb Facebooks kontrolliert."

Von psychischen Folgen bis Menschenhandel

In einem anderen Artikel schildert die Zeitung, dass das soziale Netzwerk angeblich tatenlos zugesehen habe, wie ein mexikanisches Drogenkartell Facebook nutzte, um Auftragsmörder zu rekrutieren. Im selben Artikel geht es um einen Bericht der BBC aus dem Jahr 2019. Dieser kam zu dem Schluss, dass als Jobvermittlungsagenturen getarnte Menschenhändler im Nahen Osten via Facebook Anzeigen schalteten, um Menschen zu versklaven.

Auf den BBC-Bericht hin habe der Apple-Konzern seinerseits Facebook gedroht, die Instagram- und Facebook-App aus dem App-Store zu löschen. Das hätte dazu geführt, dass iPhone-Besitzer weder Instagram noch Facebook auf ihren Telefonen hätten installieren können. Laut Horwitz kam das Signal an: "Das hat schlussendlich funktioniert. Facebook hat mehr als 100.000 Inhalte innerhalb weniger Tage gelöscht. Ich halte das für bemerkenswert, dass das Unternehmen erst aktiv wird, wenn sein Geschäftsmodell bedroht wird."

Obwohl Facebook und sein Chef Mark Zuckerberg immer wieder betont haben, Dienste wie Instagram hätte keine negativen Folgen für Teenager - das Wall Street Journal kommt zu einem anderen Ergebnis. Und zwar auf Basis von wissenschaftlichen Untersuchungen, die Facebook selbst in Auftrag gegeben hat. Vor allem junge Mädchen, die mit ihrem Körper unzufrieden seien, gehe es noch schlechter, nachdem sie einige Zeit auf Instagram verbracht hätten.

Facebook leugnet weiter

Auch andere Bereiche geben Anlass für Kritik: Facebook versuche Fake News und Hassbotschaften vor allem in seinem englischsprachigen Angebot in den USA zu bekämpfen, sagt Horwitz. Auch Deutschland und Europa stünden vermutlich weit oben auf dieser Liste. "Aber wenn es dann weiter runter geht, mit Ländern, die schwächere Regierungen, Gesetze oder Medien haben, dann gibt Facebook einfach kein Geld dafür aus."

Die Dokumente, aus denen das Wall Street Journal seit Tagen zitiert, sollen wohl auch dem US-Kongress vorliegen. Facebook hat erst am Wochenende auf die Artikel-Serie reagiert. Nick Clegg, früherer britischer Vizepremier und heute Kommunikationschef von Facebook, erklärte: Die Berichte enthielten "absichtliche Fehlbeschreibungen" und zeigten nicht das ganze Bild.

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