Frau sitzt hinter drei Flaschen Bier

Alkoholmissbrauch ist in Südafrika weit verbreitet - mit erheblichen Folgen für die gesamte Gesellschaft. Eine davon ist, dass das Land weltweit den höchsten Anteil an Menschen hat, die unter dem FASD-Syndrom leiden. Die Behinderung ist auf mütterlichen Alkoholkonsum während der Schwangerschaft zurückzuführen.

Vor der Bar in Orlando West, einem Teil von Soweto, sitzt eine Handvoll Menschen, aus dem Bluetooth-Lautsprecher tönt Musik. Sie alle haben Bierflaschen in der Hand, die Füllmenge ist ein ganzer Liter. Es ist erst Nachmittag, und dennoch sind einige Gäste schon seit Stunden da. Innen, in der kleinen Bar ist es eng und dunkel, ein Mann, etwa Anfang 30, erzählt: "Wir sind Trunkenbolde, denke ich. Der Grund ist, dass wir gestresst sind. Es ist ja nicht so, als wäre Alkohol billig. Wir haben einfach nichts anderes zu tun. Die hohe Arbeitslosigkeit quält die Jugend und das ganze Land."

Volle Notaufnahmen, viele Verkehrstote

Tatsächlich ist die Arbeitslosigkeit auf Rekordniveau, 34,4 Prozent aller Menschen hatten im zweiten Quartal des Jahres keinen Job. Besonders betroffen sind die jungen Leute. Insgesamt verstärkt das die soziale Ungleichheit in Südafrika. Der Griff zum Alkohol scheint normal zu sein. Alkohol geht immer, scheint es - Genuss aber sei eher selten, sagt Leana Olivier, die die Stiftung FARR leitet. Diese beschäftigt sich mit den Folgen von Alkoholmissbrauch. "Der Hauptgrund, warum Leute sagen, dass sie trinken und vor allem exzessiv trinken, ist, um ihre Sorgen zu vergessen. In vielen Gegenden und Orten, in denen wir arbeiten, gibt es ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit aufgrund verschiedener psychosozialer Faktoren wie Arbeitslosigkeit, Armut und so weiter."

Die Folgen sind heftig: Die Notaufnahmen von Krankenhäusern sind an den Wochenenden voll, nicht wenige HIV-Infektionen haben ihren Ursprung in Trinkgelagen, in Südafrika sterben im Autoverkehr doppelt so viele Menschen wie im weltweiten Durchschnitt – auch, weil sich Betrunkene ans Steuer setzen. Die größte Sorge von Leana Olivier von der FARR-Stiftung ist aber diese: "Es ist sehr traurig, wenn man weiß, dass auch schwangere Frauen Alkohol trinken. Sie sagen uns, sie würden unter Druck stehen, das zu tun." Wenn man in einer Gemeinschaft lebe, in der es akzeptiert sei und dazugehöre, schon in jungen Jahren zu trinken - manchmal konsumierten in Südafrika schon Zehnjährige Alkohol -, dann sei es schwierig, anders zu sein.

Ein Zehntel leidet unter FASD

In Südafrika betrifft das Fetales Alkohol-Syndrom (FASD) sehr viel mehr Kinder als in allen anderen Ländern der Welt. Unter den vorgeburtlichen und lebenslangen Schäden durch Alkohol leiden gut ein Zehntel der Südafrikaner, sagt Francois Grobbelaar. Er leitet die Organisation FASfacts, die sehr viel Aufklärungsarbeit leistet. "Man denkt doch, die Frauen wüssten Bescheid, aber viele haben wirklich keine Ahnung. Wenn wir über Alkohol reden, dann sagen viele: Wenn ich das doch nur gewusst hätte, dann hätte ich während der Schwangerschaft keinen Alkohol getrunken. Das ist wirklich sehr schade."

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Was ist FASD?

Unter dem Begriff FASD (Fetal Alcohol Spectrum Disorders) wird ein ganzes Spektrum von Folgeerscheinungen zusammengefasst, die auf den mütterlichen Alkoholkonsum während der Schwangerschaft zurückzuführen sind. Am bekanntesten ist das Fetale Alkoholsyndrom (FAS).

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Südafrika produziert Wein, braut Bier und stellt Gin oder Brandy her – die Vielfalt ist enorm. Selbstgebrautes steht nicht erst seit der COVID-Pandemie hoch im Kurs, aber diese hat die Trinkerei verschlimmert. In einem Park in Johannesburg sitzt der 35-jährige Tom Nkiwane unter einem Baum und erzählt: "Es ist schlimm derzeit, wir haben kein Geld. Wir trinken nur Selbstgebrautes. Ich trinke, wenn meine Freunde hier anfangen zu trinken, egal wie spät es ist. Wenn sie mit etwas Selbstgemachten kommen, dann ist das für mich okay."

Wirtschaftliche und soziale Lage verschärft die Situation

Der Alkoholkonsum in Südafrika beruht auch auf Tradition und Kultur, aber die wirtschaftliche und soziale Lage verschärft die Situation. In einem anderen Teil Johannesburgs sitzt Mbongiseni Mchunu mit ein paar Männern an einer Straßenkreuzung. Er ist 26 und hat eine Flasche in der Hand. "Ich trinke diesen billigen Whiskey. Das Problem ist, dass wir nicht arbeiten. Also trinken wir billiges, billiges, billiges Zeug. Es ist einfach langweilig, man kann doch nicht im Haus rumsitzen und nichts tun. Man muss sich beschäftigen, mit Trinken zum Beispiel. Danach gehst du heim und schläfst."

Nach Angaben des Handelsministeriums trägt Alkohol etwa fünf Prozent zum südafrikanischen Bruttoinlandsprodukt bei. Die Ärztezeitschrift „SA Medical Journal“ schätzt, dass Alkoholmissbrauch die Wirtschaft doppelt so viel kostet.

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