Wolodymyr Selenskyj  (dpa)

Er wurde vom Komiker zum Präsidenten und schließlich zum Helden: Wolodymyr Selenskyj ist zum Anker geworden für die Menschen in der Ukraine. Das hatten vor dem Krieg viele nicht erwartet.

Fast täglich spricht Wolodymyr Selenskyj vor einem anderen Parlament der westlichen Demokratien, bittet um Hilfe, kritisiert, appelliert - freundlich, aber hart im Ton. Die Reden sind immer angepasst auf die jeweiligen historischen Wunden: In den USA erinnert er an Pearl Harbor, an 9/11 und zitiert Martin Luther King. Vor dem Bundestag spricht er von der Mauer zwischen Deutschland und der Ukraine, die den Blick verstelle auf die Realität. "Lieber Herr Bundeskanzler Scholz, zerstören Sie diese Mauer", sagt er. "Geben Sie Deutschland die Führungsrolle, die Deutschland verdient, damit ihre Nachfahren stolz sind auf Sie."

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"Die Heldengeschichten dienen der Mobilisierung"

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Bestens geplante reden. Berührende Bilder, genau abgestimmt auf ihre Wirkung. Das kann Selenskyj – nicht erst seit diesen Wochen. So ist der Präsident geworden im Jahr 2019, so hat er Karriere gemacht als Komiker, als TV-Produzent und Schauspieler - mit größtem Erfolg in der ukrainischen Serie "Diener des Volkes".

Vom Präsidenten-Darsteller zum echten Präsidenten

Es ist die Story eines Geschichtslehrers, der bei einem Wutausbruch in der Klasse die Korruption im Land anprangert: "Wenn ich nur eine Woche an der Macht wäre, dann wäre Schluss mit all den Boni, den Sommervillen und all dem." Und das ist nur der freundliche Teil der Schimpftirade über ukrainische Politik und ihre Oligarchen. Der Lehrer wird dabei heimlich gefilmt, das Video geht viral, und am Ende wird er zum Präsidenten gewählt.

Erst spielt Selensyj ihn, den Präsidenten, der an die kleinen Leute denkt, jetzt ist er der reale Präsident. 2019, kurz vor seiner Wahl am Rande einer Fernsehshow, sagt er in ein ARD-Mikrofon einen fast prophetischen Satz auf die Frage, ob er an einen Wahlsieg glaube: "Für die Wähler geht es um Sieg oder Niederlage. Es geht doch nicht um mich und ob ich bereit bin dafür, auf so etwas kann man sich doch nicht vorbereiten. Du musst, sagen wir, adäquat sein, also anständig. Dein Ziel soll nicht der Sieg sein, sondern Gutes zu tun. Darauf kann man sich nicht vorbereiten."

Kritik ließ nicht lange auf sich warten

Gutes tun, nicht siegen wollen. Es war wie dahingesagt zwischen zwei Auftritten. Ein Satz, der nicht inszeniert wirkt. Eine Mehrheit von 73 Prozent wählt ihn dann zum realen ukrainischen Präsidenten. Kritik lässt aber auch nicht lange auf sich warten. Zu oberflächlich, ohne klares Wahlprogramm, auf Inszenierung bedacht in den Sozialen Medien.

Bis kurz vor Kriegsausbruch hat Selenskyj auch nicht mit dem russischen Angriff gerechnet, blieb nach außen sonderbar gelassen. Hat er die Lage vielleicht nicht erkannt? Kaum jemand hat dann damit gerechnet, dass er im Krieg ein Anker sein würde für die Menschen und dass er im Land bleiben würde.

Im Krieg überzeugt er viele Kritiker

Ein Tag nach dem Angriff wurde ein Clip weltweit bekannt. "Der Fraktionschef ist hier, der Leiter des Präsidialamtes, der Premierminister und Berater des Präsidenten - und ich, wir sind alle hier", sagt Selenskyj darin. "Unsere Soldaten sind hier, die Bürger sind hier. Ruhm der Ukraine."

Seitdem zeigt Selenskyj jeden Tag aufs Neue, an was er glaubt und wer er ist und hat so auch viele seiner Kritiker überzeugt. Wie zum Beispiel Oxana Matiychuk, eine Literaturwissenschaftlerin aus Czernowitz: "Ich habe Präsident Selenskyj nicht gewählt. Ich kenne viele Menschen, die das auch nicht taten. Aber wir sind jetzt große Selenskyj-Verehrer. Wir stehen hinter unserem Präsidenten, und ich glaube, das muss ich nicht mehr dazu sagen, dass unser Präsident eine unglaubliche Figur ist und Unglaubliches leistet."

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