Eine Langschwanzmakake verspeist eine Frucht im Affenwald in Ubud, Bali, Indonesien.

Die Binse vom Geben und Nehmen scheint auch den Langschwanzmakaken von Bali nicht fremd. Die langfingrigen Affen stehlen Touristen ihre Sonnenbrillen und Smartphones - und geben sie gegen Bananen oder Reis zurück. Allerdings nur, wenn das Angebot stimmt.

Wie eine Festung erhebt sich der Uluwatu-Tempel auf den Klippen hoch über dem Meer auf der südlichsten Spitze der Insel. Er soll Bali vor bösen Geistern und Dämonen bewahren. Doch zwischen den Bäumen rund um das hinduistische Heiligtum springen dämonenartig Affen hervor, blitzschnell klauen sie Touristen Brillen, Taschen und Kameras und machen sich mit der Beute davon.

Geschickte Verhandler

Durchsagen warnen vor den langfingrigen Langschwanzmakaken, die in den Bäumen rund um den Tempel und das benachbarte Theater leben. Allabendlich kämpfen beim "Kecak-Feuertanz" im Amphitheater Gott Vishnu und der Affengeneral Hanoman mit dem Dämon Ravana um die Herausgabe der geliebten Sita, und alltäglich verhandeln Touristen und ihre Guides mit den Affendieben um Herausgabe der geliebten Güter.

Die Primaten sind geschickte Verhandler: "Die Affen lernen, Gegenstände zu stehlen, die für sie nicht von Wert sind, aber als Gutscheine funktionieren", erklärt Jean-Baptiste Leca von der Universität Lethbridge in Kanada. "Zum Beispiel lernt ein ausgewachsenes Männchen, ein besonders geschicktes Tier, dass Sonnenbrillen für die Nahrungsmittel stehen, die sie am liebsten mögen.“ 

Lernen, was am meisten einbringt

Leca und andere Wissenschaftler von seiner und der indonesischen Udayana-Universität haben das Verhalten der Makaken studiert - in Zeiten vor der Pandemie, als der Strom der Touristen noch nicht versiegt war. Jetzt haben sie die Ergebnisse in einer Studie veröffentlicht. Die Affen lernen demnach, welche Gegenstände den Besuchern besonders wertvoll erscheinen.

Und wie in einem Video von Leca zu sehen ist, lassen sie sich dann Angebote machen: Wenn ihnen ein kleines Tütchen Reis zu wenig erscheint, lehnen sie ab; erst wenn die dargebotene Futtermenge attraktiv genug ist – mehr Reis oder eine Banane - greifen sie zu und lassen das Diebesgut fallen.

Erstmals beobachteter wirtschaftlicher Entscheidungsprozess

Das sei ein nie zuvor beobachteter wirtschaftlicher Entscheidungsprozess, sagen die Wissenschaftler, und: Je älter die Affen werden, desto erfahrener werden sie in der Auswahl des Diebesgutes und in den Verhandlungen. "Ein Erfinder, ein Initiator hat mit diesem besonderen Verhalten angefangen“, so Leca - "jemand, der eine neue Lösung für ein Problem gefunden hat, eine Lösung, die ein Plus an Nahrung bringt. Also hat sich dieses Verhalten in dieser Population verbreitet."

Und zwar auf soziale Weise: Es ist ein kulturell erlerntes Verhalten, meint der Wissenschaftler, das die Jüngeren sich von den Älteren abschauen. Es dauere jedoch "Jahre, bis die jungen Affen das entsprechende Verhandlungsgeschick erworben haben", sagt Leca. Nachäffen will eben gelernt sein.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 19.1.2021, 12 bis 15 Uhr

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