Berührung
Berührungen zeigen uns, dass wir nicht alleine sind. Bild © pixabay

Wir berühren uns ständig gegenseitig - sei es ein Handschlag, eine Umarmung oder oder mehr. Wofür brauchen wir diese körperliche Annäherung?

Berührungen brauchen wir Menschen, um uns wohl zu fühlen, erklärt Elisabeth von Thadden, Autorin des Buches „Die Berührungslose Gesellschaft“: „Haut-Berührung bedeutet, dass man genau weiß, man ist nicht allein und diese Gewissheit, die scheint sich ganz besonders über die physische Berührung herzustellen.“

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hr-iNFO "Himmel und Erde"

Um Berührungen geht es auch in unserer Sendung "Himmel und Erde" am 26.12. um 6 Uhr. Im Anschluss finden Sie die Sendung hier als Podcast.

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Doch von Thadden beobachtet auch, dass sich die Gesellschaft ausbreitet und trotz eines Berührungsbedürfnisses nicht enger zusammenrückt. „Heute gehören freiwillige Berührungen mit in den Alltag, aber gleichzeitig sind 41 Prozent aller Haushalte Einpersonenhaushalte mit einem alltäglichen, großen Abstand zu anderen Menschen. Das heißt so etwas wie die ganz normale räumliche, physische Nähe, die sich eigentlich in der Menschheitsgeschichte überall gezeigt hat, die wird seltener.“

Haustier als Kuschelersatz

Dass die Menschen aber dennoch Berührung brauchen und wollen, zeigt sich an einem ganz anderen Phänomen. „Räumliche, körperliche Nähe zu anderen Menschen ist inzwischen so wenig selbstverständlich und damit kann man vielleicht auch erklären, warum plötzlich die Zahl der Haustiere so stark gestiegen ist. Alleine in den vergangenen Jahren stieg die Anzahl von 23 auf 30 Millionen Haustiere“, so die Autorin.

Berührungen helfen aber nicht nur gegen Einsamkeit, sondern auch dabei, uns besser zu fühlen. „Grundsätzlich ist die angenehme Berührung erstmal zärtlich und gibt Schutz. Die Haut ist ja ein Schutz-Organ und bedingt, dass wir uns wohlfühlen, sprichwörtlich in unserer eigenen Haut, was wiederum das Selbstbewusstsein fördert“, erklärt Psychodermatologe Uwe Gieler. „Umgekehrt heißt das aber auch, dass Menschen, die sich nicht so attraktiv fühlen und ein krankhaft schlechtes Selbstbewusstsein haben, angeben, dass sie zu wenig berührt wurden“, so Gieler.

Die Kultur der Berührung

Wie wir uns berühren und welche Bedeutung diese oder jene Berührung haben kann, hängt von kulturellen Entwicklungen ab. So lässt sich zum Beispiel ein Unterschied zwischen der französischen und der US-amerikanischen Berührungskultur feststellen, schildert der Dermatologe. Während es in Frankreich zur Begrüßung ein Küsschen auf die Wange gibt und sich allgemein mehr berührt werde, reiche in den USA meist ein einfacher Handschlag. Das spiegelt sich auch in der zwischenmenschlichen Kommunikation wieder. „In Frankreich wird sich eben mehr berührt und dadurch ist dort das Level an Aggressivität geringer als in einem vergleichbaren amerikanischen Schnellrestaurant, wo sich wenig berührt wird“, meint Gieler.

Wichtig bei einer Berührung ist aber immer, dass sie gewollt ist und dass wir sie jederzeit ablehnen können. „Ich glaube, heute stehen wir an dem Punkt, wo Kinder und Frauen und Alte sagen können ‚Nein das möchte ich nicht‘ und umgekehrt ‚ja das möchte ich‘“, sagt Elisabeth von Thadden. Nach dieser Errungenschaft, die ja immer noch keine Selbstverständlichkeit ist, sieht von Thadden die chronische Einsamkeit als nächste Herausforderung: „Die unfreiwillige Einsamkeit, aus der heraus sich eben in Großbritannien ein Einsamkeits-Ministerium gegründet hat, die ist das, was gegenwärtig als große gesellschaftliche Gestaltungsaufgabe vor uns allen liegt.“

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Die Interviews führte Lothar Bauerochse.

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Sendung: hr-iNFO 22.12.2018, 16.10 Uhr

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