Sichergestellte Drogen und Bargeld

Die Niederlande spielen eine Schlüsselrolle im europäischen Drogen-Schmuggel. Das Land ist seit jeher ein wichtiger Umschlagplatz, in den letzten Jahren nimmt die Drogenkriminalität rasant zu. Auch im Nachbarland Belgien wachsen die Probleme.

Der Containerhafen in Rotterdam ist das Einfallstor nach Europa. 40.000 Container aus aller Welt kommen hier an – pro Tag. Sie alle auf Herz und Nieren zu kontrollieren, das ist ein Ding der Unmöglichkeit. Und deshalb ist Rotterdam auch das Einfallstor für Drogen und Schmuggelware schlechthin. 600 Tonnen Kokain allein strömen so jedes Jahr auf den Kontinent, schätzen die niederländischen Behörden. Aufgespürt wird nur ein Bruchteil.

Wie findig die Schmuggler vorgehen, das wurde diese Woche bei einem großangelegten Schlag gegen die internationale Drogenmafia bekannt. Calvin Shivers vom amerikanischen FBI hatte zusammen mit Europol-Kollegen die Aktion koordiniert, in Den Haag berichtet er von beliebten Drogenverstecken: "Wir haben hunderte Tonnen Kokain gesehen, versteckt zwischen Schiffsladungen mit Früchten. Und wir haben auch hunderte Tonnen gesehen, die in Konservendosen versteckt waren."

Geheime Folter-Zellen

Der Hafen in Rotterdam glänzt durch Logistik und eine gute Verkehrsanbindung. Doch das macht sich längst auch die Unterwelt zunutze. Rund um das Hafengelände ist eine Schattenwirtschaft entstanden, mit hunderten Mitarbeitern, die auf eigene Rechnung handeln. Der niederländische Anwalt Vito Shukrula vertritt die, die geschnappt werden. Er erklärt, wie die Mafiabosse regelrecht Helfer rekrutieren: "Einige übernehmen ganze Nachbarschaftsviertel. Sie zeigen, wer der Boss ist. Die Leute hören ihnen zu und denken: Wenn ich bei einem Mord mitmache, dann kann ich auch einen Mercedes fahren. Habe eine schicke Uhr, schöne Frauen und Champagner im Club."

Ein Problem, das zunehmend außer Kontrolle gerät. Immer häufiger kommt es im Umfeld der Drogenbanden zu Gewalt, auch zu Auftragsmorden. Und offenbar haben die Kriminellen längst nicht nur geheime Vertriebssysteme aufgebaut, sondern eine eigene Gerichtsbarkeit, um mit Konkurrenten abzurechnen. Erst vergangenes Jahr stieß die niederländische Polizei auf präparierte Seecontainer – umgebaut zu schalldichten Zellen. Eine davon ausgestattet mit einem Zahnarztstuhl, Handschellen und Heckenscheren. Kriminaljournalist Bram de Waal beschreibt sie in einer Fernsehsendung: "Das sind Foltercontainer. Eigentlich kriminelle Gefängniszellen. Für die Verdächtigen sind sie private Hochsicherheitsgefängnisse in denen Drogenbosse ihre Rivalen einsperren und misshandeln. Und so an die Geheimnisse ihrer Gegenspieler kommen."

Auch Belgien ist betroffen

Der Fall zeigt: In den Niederlanden ist die Szene kaum unter Kontrolle. Manche sprechen bereits davon, dass der halbe Staat von Drogenbanden unterwandert ist. Auch Anwalt Vito Shukrula, der einen Machtkampf befürchtet. "Mit dieser Menge Kokain kommt viel Geld herein, und die Leute wollen schnell sehr reich werden. Und wenn jemand ein Psychopath ist mit 400, 500 Millionen zur Verfügung und du kannst ein paar Killer bezahlen, um das zu tun, was du willst – dann untergräbt das das ganze Regierungssystem."

Probleme, die auch ins Nachbarland Belgien überschwappen. Dessen Hafen in Antwerpen ist Europas Nummer zwei beim Drogenschmuggel, immer wieder werden dort kriminelle Strukturen ausgehoben. Ein weiteres Drehkreuz liegt in der ländlichen Grenzregion Limburg, über die es in der Krimiserie Undercover heißt: Limburg ist das Kolumbien für Ecstasy. 

Das Drogengeschäft hinterlässt Spuren

Drogenlabore für Ecstasy und zunehmend auch Crystal Meth finden sich zwischen Bauernhöfen und Wäldern. Von dort werden die synthetischen Pillen auf dem ganzen Kontinent verteilt. Vor Ort hinterlässt das Geschäft Spuren – belastetes Abwasser, Mülldeponien in Wäldern. Spaziergängerin Angele berichtet im flämischen Fernsehen von ihrem neuesten Fund: "Hier lag der ganze Dreck. 120 Fässer. Ich war heute schon früh unterwegs, habe das als erste gefunden. Sie haben das wohl gestern Nacht hier im Wald entsorgt. Ich wusste sofort, was das ist."

Wie die Corona-Pandemie sich auf das Geschäft ausgewirkt hat, ist noch unklar – der neueste Europäische Drogenbericht wird zeigen, ob der illegale Handel weiter zugenommen hat. Es ist zu erwarten, dass die Krise auch die Netzwerke der Kriminellen empfindlich gestört hat. Aber auch, dass die Nachfrage im vergangenen Jahr umso größer geworden ist.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 09.06.2021, 9 bis 12 Uhr

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