Ein australischer Farmer geht über sein vertrocknetes Rapsfeld

Fünf Jahre ohne richtigen Regen, fünf Jahre Dürre: Australiens Farmer haben es schwer. Die Milchpreise sind gesunken, das Einkommen ist knapp. Viele Farmer verzweifeln, die Selbstmordrate steigt.

Die Farmer werden beim Kaffee gerettet. Fay Chapman packt einen Brief aus. "Gestern, als ich nach Hause kam, habe ich diese Karte bekommen. Von Carol. Wir haben ihr geholfen, weil wir wissen, dass ihre Lage ziemlich verzweifelt ist", erzählt Chapman.

Die Damen der Country Women’s Association (CWA), also des Landfrauenverbandes, sitzen zusammen im Feathers Café in Coonabarabran, sieben Stunden Fahrt von Sydney im Landesinneren. "Liebe Fay und alle Mitglieder des CWA. Vielen Dank für eure Hilfe, den Fresskorb, die Einkäufe, und alles andere – das wissen wir sehr zu schätzen. Gott schütze euch!", hat Carol geschrieben. Farmer, die Fresskörbe brauchen? Wirkt verwunderlich. Aber natürlich, nicken die Landfrauen. "Wenn du kein Geld hast und kein Einkommen, musst du ja irgendetwas essen – und da setzt unsere Hilfsaktion an", erzählt Mabel Mancer.

Eine Tafel für Farmer

Die Landfrauen sammeln Spenden, Lebensmittel oder Geld, verteilen Einkaufsguthaben, einen Gutschein für einen Haarschnitt oder einfach für eine Tasse Kaffee. Dinge, die sich die Farmersfrauen sonst nicht mehr leisten können. Weil sie nur um eines kämpfen: ums Überleben.

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„Wir sind das Rückgrat Australiens. Ohne Farmer gibt es kein Essen.“ Zitat von Kay Jordan, Farmerin
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"Wir müssen unser Vieh am Leben halten, wir müssen Futter kaufen. Wir haben kein Getreide, konnten also nichts aussäen. Wir können nichts verkaufen und haben darum kein Einkommen für die nächsten zwölf Monate", berichtet Kay Jordan. Die Farmerin steht in der Food Pantry, einer Art Tafel für die Farmer, auch von den Landfrauen betrieben. Hier gibt es Mineralwasser, Kartoffeln, Konserven, Frühstücksflocken, H-Milch, Obst, Duschgel, Zahnpasta, Damenbinden – alles gratis.

Brauner Staub statt volle Ähren

"Wir halten durch, indem wir hierher kommen. Es gibt auch Hilfsprogramme für Strom- und Gasrechnungen und Beihilfe für Treibstoff, aber das wichtigste ist Wasser – wir müssen unser Vieh tränken", so Jordan. Auf den Feldern wächst nichts. Brauner Staub weht dort, wo sich vor einigen Jahren volle Ähren im Wind wiegten. Schafe knabbern hartnäckig an der trockenen Grasnarbe herum,  Kühe scharen sich um den einzigen Baum, der in der Gluthitze von 40 Grad Schatten spendet.

Mit Wassertanks und Haferstrohballen sind die Farmer täglich unterwegs, tausende von Dollar wenden sie für Futter und Wasser auf. Wer es sich leisten kann, investiert in einen Brunnen, der die unterirdischen natürlichen Wasserspeicher anzapft. Wer sich das nicht leisten kann, dem bleibt nur die Hoffnung. "Wir werden überleben. Müssen wir ja, das Land braucht Farmer. Wir sind das Rückgrat Australiens. Ohne Farmer gibt es kein Essen", sagt Kay Jordan. Umso trauriger ist der Anblick von Farmern, die sich Essen von der Tafel holen müssen.

Männer fressen den Frust in sich hinein

Ein Mann nimmt zwei Packungen Toastbrot entgegen, aber von seiner Situation erzählen will er nicht. Das ist ein Problem dieser Dürrekrise: Die Frauen sind offener, gehen aufeinander zu, haben die Landfrauenvereinigungen, um sich auch geistig zu unterstützen. Aber viele Männer fressen ihren Frust in sich hinein. Depressionen sind verbreitet, die Selbstmordrate steigt. Deswegen gibt es Projekte wie "Mate helping Mate", Kumpel hilft Kumpel.

Auf einer CD erzählt John Harper von seinen eigenen Erfahrungen mit Depressionen: "Ich bin kein Arzt, Ich bin nur ein Farmer, aber ich bin stolz, Farmer zu sein. Wir wollen psychische Krankheiten reduzieren, Depression und Selbstmord vorbeugen – und um das zu tun, glaube ich, dass es immer wieder darauf hinausläuft: Verlass dich auf deine Kumpel, vertrau dich ihnen an."

Pullover für die Lämmchen

Sechs Lämmer tragen Pullover und trinken Milch

Auf seiner Farm, rund zehn Kilometer außerhalb von Coonabarabran versucht Marty Wilkin, Zuversicht auszustrahlen. "Die vergangenen zwei Jahre waren extrem hart. Vor allem für unser Vieh. Wir konnten keine Ernten einbringen. Was wir aussäen konnten, haben wir in kürzester Zeit abgemäht und verfüttert", erzählt er. Früher hatte er 2000 Schafe, jetzt sind es nur noch 1000. Wilkin musste den Bestand drastisch reduzieren. "Wir hatten kaum neue Lämmer. Schon 2017 war es schwach, und 2018 kamen noch weniger zur Welt – und vor allem haben wir viele Mutterschafe dabei verloren. Sie haben während ihrer Tragezeit alle Energie in die Lämmer gesteckt, und dann, bei der Geburt, sind sie gestorben."

Ein trauriges, aber weit verbreitetes Phänomen der Dürre: Viele Lämmer sind als Waisen aufgewachsen, ohne die Wärme einer Mutter. Die Landfrauen begannen, für sie Pullover zu stricken. Eine Frauenzeitschrift druckte ein Strickmuster ab, seitdem trudeln aus aller Welt wärmende Überzieher für Waisenlämmer ein.

"Müssen uns anpassen"

Die Landfrauen haben aus Fotos mit den Pullover-Lämmchen einen Kalender entworfen, den sie wiederum für den guten Zweck verkaufen. Auf jede erdenkliche Weise greifen sich die Menschen auf dem Land unter die Arme in diesen Zeiten, 

Zum ersten Mal seit fünfzig Jahren sei es manchen Farmern nicht möglich gewesen, eine Saat auszubringen, erzählen die Landfrauen. Eine Hitzewelle jagt die nächste. "Überall auf der Welt wird das Klima extremer, heißer, kälter, trockener, feuchter. Es gibt heftigere Klimaereignisse, überall, und wir müssen sehen, was wir ändern und wie wir uns anpassen müssen", meint Brenda Young von den Landfrauen.

Sendung: hr-iNFO, 08.02.2019, 11.20 Uhr

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