Bosnien-Herzegowina, Bihac: Männer waschen sich vor einem Zelt im Flüchtlingslager

"Ich will zu den Guten": Das habe er einmal einem Grenzpolizisten gesagt, der daraufhin aufhörte, ihn zu prügeln. Mustafa ist 26 Jahre und kommt aus Afghanistan. Wie Zehntausende andere Geflüchtete sitzt er in Bosnien fest, seit die Balkanroute für Migranten geschlossen wurde.

Die Una schimmert oft in einem wunderschönen blau und grün. Sie fließt auch durch Bihac in Bosnien und Herzegowina und morgens waschen sich an ihren Ufern junge Männer. Sie müssen aufpassen, denn die Kantonsbehörden wollen diese Menschen nicht mehr. Auch Mustafa aus Afghanistan nicht. "Wenn wir morgens aufwachen, gehen wir zum Fluss, der nur fünf oder zehn Minuten von der alten Fabrik entfernt ist", erzählt er. "Dort waschen wir unsere Kleidung, holen Trinkwasser und auch zum Duschen nehmen wir den Fluss."

Einsturzgefährdete Gebäude als Unterschlupf

Auf den ersten Blick ist die leerstehende, alte Fabrik einfach nur ein verrottendes, weitläufiges Gelände mitten in Bihac. Doch die einsturzgefährdeten Gebäude bieten obdachlosen Flüchtenden und Migranten Unterschlupf.  "Wir sind auch Menschen, wir sind keine Tiere, aber wie leben hier wie Tiere", sagt einer. "Warum? Sie denken, sie sind Tiere, lass sie doch einfach dort", antwortet ein anderer.

Sie müssen das einfach loswerden, diese jungen Afghanen, in ihrer Hilflosigkeit und Wut. Mustafa ist da viel cooler. Als Chef einer Gruppe, wie er sagt. Denn alleine sein ist nicht nur traurig, sondern kann für Flüchtende und Migranten auch brandgefährlich sein. "Wenn du in einer Gruppe bist, ist das gut, denn wenn einer deiner Freunde etwas zu Essen oder Kleidung hat, teilt er das mit dir. Und zum Game über die Grenze kannst du nicht alleine gehen. Es ist weit und ein langer Weg. Einige in den Gruppen sind Freunde und einige sind Familie."

Seine Familie in Kabul erreicht der seltsam gelassen und höflich wirkende Mustafa über Facebook, wenn er sich ein Handy leiht und einen Platz mit Internet findet. Er sagt ihnen nicht, wie schlecht es ihm geht, aber ahnen können sie doch, wie groß seine Angst ist vor dem anstehenden Winter, der so gnadenlos kalt sein kann hier im Nordwesten von Bosnien. "Vorher hatte ich die Hoffnung, dass ich eins der Länder erreiche, in die ich möchte. Aber sechs Monate lang habe ich es so oft versucht, die Grenzen zu überqueren und jetzt verliere ich die Hoffnung. Ich weiß nicht, was ich machen soll, ich stecke in Bosnien fest."

"Du siehst nichts und sie schicken dich ins Wasser"

The Game. Das Spiel. So nennt auch Mustafa den Versuch, ohne gültige Papiere nach Kroatien zu gelangen. Der 26-Jährige hat es sieben oder acht Mal versucht. X-fach wurde er geschlagen, von Hunden gejagt, angeschrieen, ausgeraubt und gedemütigt. Wenn er von der Grenzgewalt auf kroatischer Seite erzählt, dann wirkt es schon fast abgeklärt. "Ich erzähle es mit meiner Geschichte, weil sie alle Migranten passiert. Wenn sie dich fangen, dann schlagen sie dich sehr und sagen: 'Warum kommt ihr nach Kroatien? Warum verärgert ihr unsere Leute?' Dann bringen sie uns zu einer Polizeistation."

Von dort gehe es in überbelegten Minivans zurück an die Grenze, wo Sachen verbrannt und weggenommen würden. Dann beginnen die Strafen, sagt Mustafa ruhig. Auch vor kurzem am Grenzfluss Korana nahe Bihac. Besonders brutal seien Soldaten mit Masken. "Eine Gruppe von 15 oder 16 Soldaten besprühte uns mit Pfefferspray, während wir auf dem Boden lagen. Dann mussten wir einzeln aufstehen, dann haben uns vier oder fünf der Soldaten mit Fäusten und Tritten geschlagen und zwei haben dich dann in den Fluss getreten." Man sei blind wegen des Pfeffersprays: "Du siehst nichts und sie schicken dich ins Wasser. Danach kannst du drei oder vier Stunden lang die Augen nicht mehr öffnen. Das war sehr hart. Und das passiert allen Migranten, die nach Bosnien zurückgestoßen werden."

"Kein Flüchtling, sondern Mensch"

Trockenes Weißbrot, Ketchup und Mayonnaise zum Weichmachen, Wasser, Schlafsack und ein Gefühl aus Angst und Hoffnung. Das nimmt Mustafa mit, wenn er es wieder versucht für ein Leben, das in weiter Ferne liegt. "Ich will zu den Guten", habe er einem kroatischen Polizisten einmal gesagt. Der habe dann verdutzt aufgehört zu schlagen. "Mein einziger Wunsch ist, in andere Länder zu kommen wie Frankreich, Italien oder Deutschland, in denen ich kein Flüchtling bin, sondern ein Mensch."

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 3.9.2020, 9 bis 12 Uhr

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