Menschen applaudieren auf Balkonen

Weil sie ihre Wohnungen seit einem Monat nur in Ausnahmefällen verlassen dürfen, haben die Spanier andere Wege gefunden, sich mit Menschen zu verbinden: Sie spielen und tanzen zusammen zwischen Fenstern und Balkonen - mit Nachbarn, die sie vorher oft kaum kannten.

Madrid ist derzeit eine sehr leise Stadt, in den meisten Vierteln wirkt sie wie ausgestorben. Aber es gibt auch Ecken, da ist Madrid so laut und lebhaft wie eh und je. Im Ausgehviertel Lavapiés zum Beispiel. Die Nachbarn spielen hier zusammen das Wissensquiz Trivial Pursuit. Alle miteinander, auf ihren Balkons oder am offenen Fenster.

Auch Berta Rodriguez aus dem Erdgeschoss ist dabei: "Jeder hat ein Thema", sagt sie. "Ich habe zum Beispiel Boulevardpresse, aber es gibt auch Sport, Englische Kultur, Kino und Theater. Wir spielen mit, weil wir gelangweilt vom Zuhausebleiben sind." In der vergangenen Woche haben sie Karaoke gespielt, erzählt ein Mann. "Wir haben getanzt und jeden Tag applaudieren wir zusammen um acht."

Applaus, Trompeten und Gitarren

Der Applaus um acht Uhr abends gehört nach vier Wochen fest zum Tagesablauf in Spanien. Er gilt dem Personal in den Krankenhäusern, den Ärzten, Pflegern, Sanitätern. Die Lage in den Krankenhäusern hat sich mittlerweile etwas entspannt. Was wohl auch an der harten Ausgangssperre liegt.

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zum Video Fiesta auf Balkonen: Ein Monat Ausgangssperre in Spanien

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Auch Alba Vidal klascht immer mit. Sie wohnt im Norden von Madrid. Nach dem Applaus bleiben sie auf dem Balkon, sagt sie. "Ein Nachbar spielt dann manchmal Trompete, die bekannten Songs. Ein anderer spielt Gitarre und singt dazu. Ich sehe zwar nicht alle, die auf dem Balkon stehen, aber man kennt schon die Stimme, weiß, wie sie heißen und in welcher Wohnung sie wohnen.“

Auch hier spielen die Nachbarn zusammen: Bingo oder Wortspiele. Die Nachbarn sind miteinander verbunden, im wörtlichen Sinne. Sie haben improvisierte Girlanden von Balkon- zu Balkongeländer gehängt – am Faden hängen Reste von Weihnachtsschmuck, CDs oder Wimpel. Keiner soll sich alleine fühlen. "Mit dem von gegenüber habe ich vorher vielleicht zwei Mal in zwei Jahren gesprochen", sagt Alba Vidal. "Und links und rechts habe ich neue Nachbarn, mit denen ich ins Gespräch gekommen bin. Ich freue mich über die neuen Kontakte.“

"Bitte nehmt uns das nicht weg"

Aber nicht alle freuen sich. Viele Spanier fühlen sich derzeit dazu berufen, auf ihrem Balkon ihren unerfüllten Berufswunsch DJ auszuleben. Mehrmals musste die Polizei einschreiten wegen Ruhestörung. In Zaragoza hieß es die Tage von einem einem Balkon: "Liebe Nachbarn, bevor wir wieder unsere täglichen Songs auflegen, möchte ich gern einige Worte an den Nachbarn richten, der die Polizei alarmiert hat. Bitte nimm uns das nicht weg! Wenn Dir die Uhrzeit nicht passt, sag uns, welche Zeit Dir recht ist – dann richten wir uns danach! Es sind ja nur 15 Minuten Freude! Muchas gracias!“

Auch für Berta Rodriguez aus Madrid sind die Nachbarschaftsspiele ein Höhepunkt des Tages. Wo man bisher stumm aneinander vorbeiging, ist eine echte Wohn-Gemeinschaft entstanden – die vielleicht auch nach der Ausgangssperre anhält. Sie zeigt auf das gegenüberliegende Haus: "Da wohnt jemand, der eine riesige Terrasse hat und ich wünsche mir, dass er ein Grillfest für die Nachbarn macht – und wir alle da oben dabei sein können!"

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 15.4.2020, 9 bis 12 Uhr

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