Mehrere schwarze Kinder in einer kleinen Holzhütte

Für Kinder ist die Lage in Nigeria besonders gefährlich. Entkommen sie der Terrororganisation Boko Haram, werden sie vom Militär aufgegriffen, gefoltert und missbraucht.

„Wir saßen in einem Raum und dann kam ein Soldat und hat alle Türen und Fenster geschlossen, es gab kaum noch Luft in dem Zimmer. Dann hat er angefangen, uns zu schlagen, bis ein anderer Soldat kam und uns raus gelassen hat“, berichtet John mit zittriger Stimme von seinen Erfahrungen in den Händen des nigerianischen Militärs. Wie der Junge wirklich heißt, will er nicht sagen, immer noch beherrscht ihn die Angst. John ist kein Einzelfall, was er erlebt hat, haben tausende Kinder im Nordosten von Nigeria erlebt. Das ist das Ergebnis einer Studie von Amnesty International.

Die Sozialarbeiterin Hmasatu Allamin kennt diese Fälle von Gewalt durch das Militär. Sie lebt in Maiduguri, der Hauptstadt des Bundesstaates Borno, der Boko-Haram-Hochburg. "Für das Militär ist jeder, der im Gebiet von Boko Haram gefangen oder gefunden wird, auch ein potentielles Mitglied von Boko Haram. Und da machen die Soldaten keinen Unterschied zwischen Erwachsenen und Kindern", so Allamin.

Geschlagen und gefoltert

In der Nähe von Maiduguri liegt auch die Giwa-Kaserne, ein Militärgefängnis. Die Jungen und Mädchen werden oft hier eingesperrt, nicht selten zusammen mit Erwachsenen. Die Zustände in der Kaserne seien menschenunwürdig, berichten ehemalige Inhaftierte. Schlechte Belüftung bei oft fast 40 Grad, Fäkalien überall auf dem Boden. "Die Kinder sind unrechtmäßig in Haft, leben unter unmenschlichen Bedingungen, werden geschlagen und gefoltert, von den erwachsenen Häftlingen missbraucht. Darauf wollen wir die Regierung aufmerksam machen", so Isah Sanusi, Sprecher von Amnesty in Nigeria. Fast 100 Seiten lang ist der Bericht von Amnesty. Die Menschenrechtsorganisation listet noch weitere Missstände auf, etwa die Unterernährung in der Haft.

Oft dauere es Monate oder sogar Jahre, bis die Kinder angehört würden – werden sie dann frei gesprochen und können gehen, kümmere sich niemand um ihr Schicksal. "Die Kinder entkommen Boko Haram und werden dann Opfer der nigerianischen Behörden, ihre Menschenrechte werden massiv verletzt. Danach sind sie bestenfalls obdachlos, kämpfen ums Überleben, haben keinen Zugang zu Bildung", berichtet Sanusi.

Leben ohne große Hoffnung

In Borno geht laut Kinderhilfswerk Unicef nur jedes vierte Kind in die Schule. Und in den wenigen Schulen seien die Klassen oft zu groß, es gebe zu wenig Lehrer. Es sei ein Leben ohne große Hoffnungen im Nordosten von Nigeria, sagt der Menschenrechtler Auwal Musa Rafsanjani. Er spricht von einem Versagen aller Verantwortlichen: "Diese Kinder wachsen nur mit Gewalt auf, immer wieder sehen sie Gewalt in ihren Gemeinschaften und das hat ernsthafte soziologische Auswirkungen auf die Entwicklung dieser Kinder und auf die Art wie sie aufwachsen."

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Der Menschenrechtler kritisiert: die Regierung behaupte zwar immer, Boko Haram und die Folgen des Terrors im Griff zu haben, in der Realität seien die Verantwortlichen aber weit davon entfernt. Der Terror beherrsche immer noch die Lebensumstände. Terror, den auch Jenny erlebt hat. Sie will wie John ihren richtigen Namen nicht nennen. Auch sie hat die Haft in der Kaserne überstanden und sagt beinahe ungerührt, mit fester Stimme: "Der Unterschied zwischen der Kaserne und Boko Haram ist wirklich nur sehr klein, auch in der Kaserne werden wir missbraucht, bekommen kaum etwas zu essen. Die Männer leider noch ein bisschen mehr, aber jeder hat sein Leid."

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 10.06.2020, 9-12 Uhr

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