Einsamer Mensch auf einer Bank
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Immer mehr Menschen fühlen sich einsam. Es gibt immer mehr Fernbeziehungen, Single-Haushalte und einsame, ältere Menschen. Die Politik will sich jetzt für gesellschaftliche Teilhabe und weniger Einsamkeit einsetzen. Wie soll das gehen?

Jeder Fünfte über 80 sagt, er fühlt sich allein gelassen. Aber nicht nur alte Menschen, auch junge fühlen sich zunehmend einsam. Eine Studie des Marktforschungsinstituts Splendid Research zeigt, dass sich 17 Prozent der 18-29-Jährigen einsam fühlen. Bei den Mittdreißigern erleben sogar 18 Prozent die Emotion regelmäßig.

Auch die Rentnerin Ursula Teubert ist einsam, seitdem sie vor sechs Jahren mit 60 in den Ruhestand gegangen ist. Sie sagt, sie sei einsam geworden, weil sie nicht mehr mobil war und deshalb keinen Kontakt mehr zu anderen Menschen hatte. Sie erzählt: "Die Verwandten leben alle in Nordrhein-Westfalen und das ist ein bisschen schwierig, weil die Strecke sehr lang ist und dort auch jeder sein eigenes Leben und seine eigene Familie hat", erzählt sie. Teubert hat eine Tochter, die sei aber beruflich so eingespannt, dass sie sie fast nie besuche.

Macht uns Einsamkeit krank?

Ursula Teubert ist in der hr-Fernsehsendung "Engel fragt" zu sehen. In der Sendung tritt auch der Psychiater Manfred Spitzer auf. Er hat im März ein Buch veröffentlicht mit dem Titel: "Einsamkeit – die unerkannte Krankheit: schmerzhaft, ansteckend, tödlich". Er sagt, auch immer mehr junge Menschen fühlten sich einsam. Die Schuld daran gibt er der Digitalisierung: "Wenn junge Menschen vor allem sozial online unterwegs sind, dann wickeln sie Sozialkontakte ab, aber eben nicht unmittelbar. Wie soll ich am Bildschirm lernen, die Gestik und die Mimik und die Sprachmelodie von einem anderen Menschen zu verstehen? Das kann man als 8-Jähriger nicht auf Facebook lernen, die 8-Jährigen müssen es aber lernen."

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zum hr-fernsehen.de Video Engel fragt: Wie schlimm ist Einsamkeit?

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Einsamkeit ist laut Spitzer der Killer Nr. 1. Wer einsam ist, schüttet vermehrt Stresshormone aus. Dadurch kann der Blutdruck steigen, die Gefahr einen Herzinfarkt zu bekommen oder an Krebs zu erkranken, steige. Der SPD-Bundestagsabgeordnete und Arzt Karl Lauterbach relativiert, dass einsame Menschen früher sterben, liege auch daran, dass sie sich schlechter ernährten und mehr rauchten. Trotzdem, findet auch Lauterbach, müsse das Problem "Einsamkeit" ernst genommen werden, denn die soziale Isolation nehme in der Gesellschaft zu.

Warum werden wir immer einsamer?

Im Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung steht, die Gesellschaft wird individualisierter, mobiler und digitaler und dadurch auch einsamer. Immer mehr Menschen ziehen für den Job in eine fremde Stadt, die Zahl der Single-Haushalte steigt. In den letzten 20 Jahren hat sich die Zahl der Fernbeziehungen verdoppelt. 13 Prozent der Deutschen leben räumlich getrennt vom Partner. Außerdem werden die Menschen immer älter, sind aber immer öfters alleine, weil sie geschieden sind, keine Kinder haben oder verwitwet sind. Auch die Lebensweise vieler Menschen hat sich verändert. Immer weniger Deutsche gehen in die Kirche, treffen sich auf dem Dorfplatz oder leben in einer Großfamilie wie früher.

Zitat
„Was älteren Menschen oft fehlt, ist nicht nur die Gemeinschaft, sondern auch Anreiz und Herausforderung. Da brauchen wir eine Bildungsinitiative.“ Zitat von Karl Lauterbach (SPD)
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Bereits jetzt sind Pflegedienste überfordert, die Kosten für die Pflege von alten und kranken Menschen explodieren – auch der Wohnungsmarkt in Großstädten wird immer angespannter. In Berlin gibt es mittlerweile 50 Prozent Singlehaushalte. Es beklagen sich auch immer mehr Menschen über ihre Einsamkeit. In England beispielsweise nutzen immer mehr Menschen die Telefonhotline "Silver Line" – jeder, der möchte, kann dort kostenlos anrufen, um ein Gespräch zu führen. Viele nutzen das Angebot, weil sie sonst niemanden zum Reden haben. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Marcus Weinberg ist der Meinung, dass Angebote wie zum Beispiel Mehrgenerationenhäuser oder Lesemütter ausgebaut werden müssten. Auch in der Pflege müsse Zeit sein für ein Gespräch oder einen gemeinsamen Spaziergang. Über die Finanzierungsmöglichkeiten müsse diskutiert werden.

Warum wird das Alleinsein politisch?

Karl Lauterbach von der SPD hingegen findet, für Gesellschaft sollte niemand bezahlen müssen. "Ich glaube, dass wir die sozialen Netze im Alter wieder enger knüpfen müssen." Jeder Einzelne sei selbst dafür verantwortlich und müsse für das Thema Einsamkeit sensibilisiert werden. Aber auch die Politik sei gefragt, die Familienpolitik, die Baupolitik, die Rentenpolitik, die Gesundheitspolitik und sogar die Bildungspolitik. "Was älteren Menschen oft fehlt, ist nicht nur die Gemeinschaft, sondern auch Anreiz und Herausforderung. Da brauchen wir eine Bildungsinitiative für ältere Menschen, die über diese Bildung wieder neue Netzwerke knüpfen können." Allen Menschen müsse bewusst gemacht werden, dass ihnen Einsamkeit schade. Einsamkeit sei ungesund und spalte auch die Gesellschaft. Marcus Weinberg glaubt, einsame Menschen seien auch stärker gefährdet, anfällig für Extremismus zu werden, weil sie sich von der Gesellschaft ausgeschlossen fühlten.

Die Rentnerin Ursula Teubert will in eine Alten-WG ziehen, um nicht mehr einsam zu sein. Trotzdem wünsche sie sich nichts mehr als einen Besuch ihrer Tochter.

Sendung: hr-iNFO, 1.6.2018, 14:10 Uhr

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