Verärgerte Frau mit Telefon in der Hand

Der Lockdown hat Familien viel abverlangt. Das haben auch die Beraterinnen am Elterntelefon zu spüren bekommen: Dort hat es im vergangenen Jahr so oft geklingelt wie nie. Der Leidensdruck bei Müttern und Vätern sei vielfach hoch gewesen.

Keine Schule, kein Sport, Spielplätze geschlossen, Freunde oder Großeltern darf man auch nicht treffen: Der Lockdown hat Familien besonders viel abverlangt, sagt Anita Gerardy vom Kinderschutzbund in Wiesbaden. Sie leitet das Elterntelefon. Die Kinder reagierten "in verschiedensten Arten und Weisen, zum Teil mit Aggressionen, zum Teil aber auch durch Zurückgezogenheit und wirlich in einer ganz großen Belastung." Das versuchen die Eltern dann, in den Telefonaten zu besprechen.

"Willkommenes Ventil"

Auffallend häufig hat deshalb im vergangenen Jahr das Elterntelefon geklingelt. "Bundesweit sind die Beratungsgespräche am Elterntelefon um 64 Prozent gestiegen", sagt Gerardy. "Das heißt in Zahlen: In Wiesbaden hatten wir im Jahr 2019 noch 527 Beratungsgespräche und im Jahr 2020 hatten wir 873 Beratungsgespäche." Einfach mal sein Herz ausschütten, das ist für viele Eltern, vor allem Mütter, ein willkommenes Ventil. Die Beraterinnen spüren, wie hoch der Leidensdruck ist. "Die Eltern empfinden eine sehr starke Überforderung in der Situation mit Homeschooling, dann auch noch Berufstätigkeit ...".

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Das Elterntelefon "Nummer gegen Kummer"

Das Elterntelefon ist montags bis freitags von 9 bis 17 Uhr, dienstags und donnerstags bis 19 Uhr besetzt und unter der kostenlosen bundesweit einheitlichen Rufnummer 0800-1110550 zu erreichen. Ausgebildete Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bieten dort kostenlos, anonym und vertraulich ein Gesprächs-, Beratungs- und Informationsangebot. [mehr]

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Die Kölner Psychologin Elisabeth Raffauf, die Bestseller zum Thema Pubertät geschrieben hat, kann sich in ihrer Praxis vor Anfragen kaum retten. "Die [Jugendlichen] haben einerseits gesagt: 'Jetzt bin ich in einer neuen Clique und habe neue Freunde und dann bin ich zu Hause und kann gar nicht raus. Und dann weiß ich ja gar nicht, wenn ich wiederkomme, sind das dann noch meine Freunde?' Also die hatten große Angst, dass ihre Freundschaften zerbrechen."

Verunsicherung und Angst bei Jugendlichen

Gerade für Jugendliche ist es dran, rauszugehen, sagt die Psychologin. Stattdessen wurden sie durch den Lockdown ins Elternhaus zurückgedrängt. Da entzündet sich schnell Streit. "Man ist vielleicht einfach zu nah beieinander", so Raffauf. Die Kinder würden sich außerdem kontrolliert fühlen. "Dass man so eng aufeinander hockt, heißt ja auch, man hat so wenig eigenen Raum für sich."

Für die Jugendlichen war der Tag ohne Schule und Hobbys nicht strukturiert wie gewohnt und das Homeschooling schwierig. Wenn sie im Unterricht etwas nicht verstanden hätten, habe man nicht - wie im Präsenzunterricht - sehen können, wie es den Mitschülern geht: Haben die auch Fragezeichen im Gesicht oder bin ich die einzige, die was nicht versteht? "Das macht natürlich total unsicher", sagt die Psychologin. "

Gemeinsam nach Lösungen suchen

Beim Elterntelefon vom Kinderschutzbund ist nicht nur die Nachfrage gestiegen, auch die Dauer der Gespräche hat zugenommen. Über eine Stunde geht das manchnmal. Alleine durch geduldiges Zuhören könne man Mütter und Väter entlasten, sagt Anita Gerardy: "Dass sie sich wirklich auch verstanden fühlen." Zusammen mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern beim Elterntelefon versuchen sie dann, Lösungen zu erarbeiten.

Das Elterntelefon hat seine Beratungszeiten übrigens deutlich ausgedehnt und ist jetzt unter einer bundesweit einheitlichen Rufnummer (0800-1110550) täglich von 9 bis 17 Uhr zu erreichen, Dienstags und donnerstags bis 19 Uhr.

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