Wahl-O-Mat
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Welche Partei soll ich wählen? Bei der hessischen Landtagswahl am 28. Oktober gibt's erstmals eine Entscheidungshilfe durch den Wahl-O-Maten. Entwickelt wurde er vor allem von hessischen Jungwählern.

Es kann so einfach sein: mit 38 Fragen zur Wahlentscheidung. Ich stimme zu, neutral oder ich stimme nicht zu. Im Anschluss spuckt das Online-Tool aus, welche Partei am besten zu den Antworten passt. Seit 2002 gibt es den Wahl-O-Mat in Deutschland. Ursprünglich sollte er eine Entscheidungshilfe für junge Menschen und Erstwähler sein, um die Unterschiede zwischen den Parteien deutlich zu machen.

Schon längst hilft das Online-Tool aber nicht nur Jungwählern bei der Wahlentscheidung. Millionen Menschen nutzen den Wahl-O-Mat, ob bei einer Europawahl, einer Bundestagswahl oder eben einer Landtagswahl - wie die in Hessen am 28. Oktober. Zum ersten Mal können sich auch hessische Wählerinnen und Wähler durch 38 Thesen klicken.

Die Macher: Wissenschaftler, Journalisten, Jungredakteure

Die Thesen sind made in Hessen: Drei Tage lang trafen sich Vertreter der Bundes- und Landeszentrale für politische Bildung, Politikwissenschaftler, Journalisten und 18 sogenannte Jungredakteure, um gemeinsam den ersten hessischen Wahl-O-Mat zu entwickeln. Im Mittelpunkt standen aber die Jungredakteure. Alle sind zwischen 18 bis 26 Jahre alt und kommen aus ganz Hessen – teilweise sind sie auch Parteimitglieder. Das wird vorher bei der Bewerbung nicht mit abgefragt. Nur ein politisches Amt darf keiner der Teilnehmer haben, sagt Pamela Brandt von der Bundeszentrale für Politische Bildung. Sie nimmt ebenfalls am Workshop teil. "Ganz wichtig ist, dass die Hälfte der Jugendlichen Erst- und Zweitwähler sind", sagt sie. Denn genau für diese Gruppe sei der Wahl-O-Mat vor 16 Jahren entwickelt worden.

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Außerdem sollen sich die Jugendlichen aktiv mit Landespolitik beschäftigen, sagt Pamela Brandt: "Die jungen Menschen erleben den Föderalismus pur. Jedes Mal ist es eine Freude zu sehen, wie unterschiedlich die Länder sind. In Hessen, habe ich gelernt, gibt es besondere Themen wie Nilgänse oder Waschbären, Kalisalzberge oder 70 Prozent Wald". All diese Fragen seien sehr regional und die Redaktion werde so zusammengesetzt, dass die Redakteure aus allen Gebieten etwas beitragen könnten.

Politikverdrossenheit – von wegen!

Über 50 Jugendliche haben sich beworben, sagt Brandt. Mit dabei sind zwei Auszubildende, ein Verwaltungsangestellter, Abiturienten, ein Schüler und natürlich Studenten. Einer von ihnen ist der 20-jährige Robin Haratik. Auf gelbe Post-Its schreibt er alles, was ihm so einfällt zum Thema Verkehr, Bau und Umwelt in Hessen. Diese Themen bearbeitet seine Wahl-O-Mat-Gruppe. Auf einem großen Plakat kleben dann Begriffe wie E-Mobilität, das Schülerticket, Windkraft, Dieselverbot. Begriffe, die Robins Gruppe in kontroverse Thesen formulieren muss, an denen für potentielle Wähler deutlich wird, wo sich die politischen Geister scheiden.

Wahl-O-Mat Landtagswahl
hr-iNFO-Reporterinnen Ariane Focke und Dunja Sadaqi Bild © hr

Robin kommt aus Gudensberg aus dem Schwalm-Eder-Kreis in Nordhessen. Er macht eine Ausbildung bei VW, zum Industriemechaniker. Und Robin ist politikinteressiert, sagt er. Er interessiert sich vor allem für die Dieselkrise, E-Mobilität und Verkehr im ländlichen Raum. Viele Gleichaltrige, sagt er, seien aber von politischen Themen abgeschreckt. "Ich glaube, der Wahl-O-Mat ist ein gutes Mittel, um an das ganze Thema heranzuführen. Da erkennt man Problematiken, die da sind, die einen selbst betreffen, von denen man vorher vielleicht auch gar nichts wusste."

Gruppenarbeit: Gute Thesen, schlechte Thesen

Zur Vorbereitung des Workshops gab es Zusammenfassungen der Wahlprogramme aller 26 Parteien, die in Hessen potentiell zur Wahl antreten werden. In den dreitägigen Workshops teilten sich Experten und Jungredakteure in fünf Gruppen auf - nach politischen Ressorts wie Bildung und Familie, Inneres und Justiz oder auch Wirtschaft und Umwelt. In drei Tagen entstehen so in Gruppen- und Plenumsarbeit aus Post-Its 80 kontroverse Thesen.

"Unsere Köpfe haben geraucht", sagt die 21-Jährige Politikstudentin Florine Mahmood aus Frankfurt. Tags und sogar bis in die Abendstunden habe ihre Gruppe an Thesen gefeilt, Parteiprogramme gewälzt, Themen recherchiert. "Da merkt man: es ist so komplex und so kompliziert und man muss so viele Standpunkte berücksichtigen und die kennt man vielleicht auch gar nicht. Und man lernt einfach sehr viel über die Landespolitik – nur durch die Entwicklung von diesem Wahl-O-Mat."

Mit dem Wahl-O-Mat zum Wahlgang anregen

Pamela Brandt von der Bundeszentrale für Politische Bildung hört das gerne. Sie ist immer wieder beeindruckt, wie die Jugendlichen mit Herzblut und auf Augenhöhe diskutieren. Für sie zeigt sich dann, was der Wahl-O-Mat sein soll: ein Appetitanreger - für Macher und Nutzer.

"80 Prozent der User sagen: Ich spreche mit meinen Freunden über den Wahl-O-Mat, über Themen der Politik und die Wahlen an sich", sagt Brandt. "Also scheint es so zu sein, dass der Wahl-O-Mat in der Lage ist, ein Appetitanreger zu sein, weil Leute nach dem Wahl-O-Mat das Gefühl haben, sie müssen darüber reden - mit Freunden, in sozialen Netzwerken." Das würde vor allem junge Menschen auch mobilisieren, zur Wahl zu gehen. "Die interessieren sich dafür. Es ist auf einmal greifbar, die reden darüber und dann fällt es doch am Ende schwer, nicht zur Wahl zu gehen."

Fast drei Tage hat es gebraucht von den ersten Ideen bis hin zu den 80 fertigen Thesen. Den Feinschliff nehmen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von der Bundes- und der Landeszentrale für Politische Bildung vor. Dann haben die Parteien drei Wochen Zeit, um die im Workshop erarbeiteten Thesen zu beantworten. Ein heikler Moment für die Parteien, sagt Pamela Brandt: "Für die Parteien ist das manchmal sogar eine Zumutung. Durch den Wahl-O-Mat wird die Partei in die Situation gedrängt, zu etwas zu antworten, wo sie nicht antworten wollte, oder sich vielleicht noch keine Gedanken gemacht hat. Wir hören auch von den Parteien: Warum habt ihr nicht genau die These genommen, die bei uns im Wahlprogramm steht? Das machen wir nicht."

Ende September geht’s los

Ein Vetorecht haben die Parteien nicht. Sie können ihre Antworten lediglich noch begründen. Wenn die Parteien ihre Antworten abgegeben haben, gibt es noch einen zweiten Workshop. Dann werden aus den 80 Thesen die endgültigen 38 Thesen ausgewählt, die es letztendlich auch in den hessischen Wahl-O-Mat schaffen.

Ende September, knapp vier Wochen vor der Landtagswahl, soll der erste hessische Wahl-O-Mat dann mit 38 Thesen an den Start gehen. Genug Zeit für Wählerinnen und Wähler, um sich etwas Anregung und Diskussionsstoff für die Landtagswahl abzuholen.

Sendung: hr-iNFO, 16.8.18

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