Betonpoller vor der Frankfurter Alten Oper
Auch in Frankfurt - wie hier auf dem Opernplatz - kommen mobile Zufahrtsblockaden zum Einsatz. Bild © picture-alliance/dpa

Wie kann man Städte effektiv vor Terror schützen? Über diese Frage diskutieren in Brüssel Bürgermeister aus ganz Europa. Abschottung alleine, da sind sich alle einig, sei wenig hilfreich.

Paris und Nizza, Barcelona und London, Brüssel, Berlin und Manchester haben mehr miteinander gemeinsam, als ihnen lieb ist: mindestens einen Terroranschlag in den vergangenen Jahren und die Frage, wie sich solche Taten verhindern lassen. Sicherheit sei ein Grundrecht, stellt EU-Kommissar Dimitris Avramopoulos der Veranstaltung voran.

Der frühere Bürgermeister von Athen ist bei der EU nicht nur zuständig für Inneres, sondern auch für Migration. Beide Themen wollen die Veranstalter der Konferenz in Brüssel nicht voneinander trennen. Wir müssen die Bürger Europas loben für Menschlichkeit und Toleranz, die sie gegenüber verzweifelten Menschen gezeigt haben", sagt Avramopoulos. Aber die Last auf den Schultern der lokalen Verwaltungen wiege schwer - und die Kommission werde helfen, verspricht er: mit einem Fonds für sichere Städte.

Berlin sucht geeignete "Sperrmittel"

Was die Städte mit dem Geld anfangen wollen, ist höchst unterschiedlich. Torsten Akmann, Staatssekretär des Innensenators von Berlin, sucht in Brüssel nach Beton. Denn das Sicherheitsgefühl in der Hauptstadt hat vor allem unter dem Anschlag gegen den Berliner Weihnachtsmarkt gelitten. Wie können wir den öffentlichen Raum besser schützen vor "Überfahr-Taten"?, will er wissen. "Wir versuchen hier, Ausschau zu halten nach geeigneten 'Sperrmitteln' – so wird das genannt –, die solche Überfahr-Taten verhindern."

Bei dieser Frage steht Berlin, wie jede andere Stadt auch, vor dem schwierigen Nullsummenspiel von  Sicherheit und Freiheit. Denn selbst wenn tonnenschwere LKW-Sperren wie in Barcelona als gigantische Blumenkübel getarnt sind, stehen sie trotzdem auch Einwohnern und Touristen im Weg – und erinnern täglich aufs Neue an eine latente Bedrohung. "Ich habe hier ganz deutlich gesagt, dass Berlin sich nicht verbarrikadieren will", sagt Akmann. "Sondern im Gegenteil: Wir wollen die Freiheit im öffentlichen Raum für die Bürgerinnen und Bürger erhalten."

"Miteinander statt nur beieinander leben"

Völlig ohne Betonpoller hat Bart Somers seine Stadt sicher gemacht. Der Liberale Politiker und Bürgermeister von Mechelen verwandelte das ehemalige "Chicago Flanderns" eine der sichersten Städte Belgiens. Mit einer ungewöhnlichen Mischung aus Law-And-Order und Inklusion. Sein Kalkül: In einer Stadt, in der alle miteinander statt lediglich beieinander leben, hätten es Polizei und Geheimdienste deutlich einfacher.

Weitere Informationen

Buch

Bart Somers: "Zusammen leben. Meine Rezepte gegen Kriminalität und Terror"
C.H. Beck Verlag
ISBN: 978-3406720406

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"Ihre Informationsposition wird stärker in einer inklusiven Stadt, in der jeder Einwohner sich selbst versteht als vollwertiger Bürger einer Stadt, die es zu schützen gilt", sagt Somers.  "Die Leute kommen viel schneller zu Ihnen, um Sie zu informieren, dass böse Menschen falsche Dinge tun. Und zweitens: Wenn Menschen sich selbst als Bürger betrachten, dann greifen sie nicht die Stadt an, zu der sie selbst gehören." Sein Erfolgsrezept hat Bart Somers als Buch veröffentlicht. So wurde er zum besonders gefragten Gesprächspartner – nicht nur in Brüssel, sondern auch für jene Städte und Kommunen, die bisher von politischer und religiöser Gewalt verschont geblieben sind.

Abschottung allein hilft wenig

"Mit dem 'Verschont-Geblieben' ist das ja so eine Sache", sagt Karl-Heinz Lambertz, Präsident im Ausschuss der Regionen der EU. "Soweit ich das mitkriege, ist es ja manchmal eher eine Sache von Nicht-Sehen-Wollen als tatsächlich verschont zu sein." Kommunen in Deutschland und Europa ermutigt er, begangene Fehler einzugestehen, präventiv zu arbeiten und das Thema Sicherheit nicht allein Law-And-Order-Politikern zu überlassen.

Es müsse "Bewusstsein geschaffen werden, aber es muss vor allem gehandelt werden", meint Lambertz. "Und es ist viel leichter zu handeln, wenn ich mir schnell und einfach anschauen kann, was andere gemacht haben. Was geklappt hat, was nicht geklappt hat." Um Freiheit und Lebensqualität in Städten zu erhalten, so die Lektion der Bürgermeister in Brüssel, sei Abschottung allein jedenfalls wenig hilfreich. Weder politisch noch mit Betonpollern.

Sendung: hr-iNFO, 9.3.2018, 15:50 Uhr

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