Jugendliche Reisende
Einmal Europa und zurück? 15.000 junge Erwachsene sollen sich diesen Traum erfüllen. Bild © picture-alliance/dpa

Seit Dienstag können sich 18-Jährige für eine Freifahrt durch Europa bewerben. Die EU spendiert 15.000 Interrail-Tickets. Ursprünglich sollten es mal mehr sein.

Die Idee entstand an einem Berliner Küchentisch. Nach nächtelangen Diskussionen. Über den Zustand der Welt, über die gegenwärtige Verfassung der EU und die Frage, warum denn ausgerechnet dieses Friedensprojekt mit seinen freien Grenzen, mit nur noch einer Währung für den ganzen Kontinent so wenig Begeisterungsstürme weckt, auch bei jungen Leuten. "Wir haben das doch alle schon festgestellt, wenn wir im Ausland unterwegs waren. Wenn man verreist, verändert das die Perspektive. Man lernt Leute kennen, Vorurteile werden abgebaut. Daher glaube ich, wenn wir mehr verreisten, würde das der europäischen Identität schon sehr guttun", strahlt noch heute der inzwischen 29-Jährige Vincent-Immanuel Herr im ARD-Europamagazin.

Von ihm und einem Kollegen stammt die Idee für "freies Zugfahren in Europa". Seit 2015 werben sie in den sozialen Netzwerken, auf Tagungen sowie direkt bei Politikern für das Projekt, möglichst alle 18-Jährigen einmal über unseren Kontinent zu schicken. Lange waberte die Idee vor sich hin, bis der Chef der größten Fraktion im Europaparlament (EVP), der CSU-Politiker Manfred Weber, die Idee aufgriff und die EU-Kommission, also quasi die europäische Regierung immer wieder damit nervte.

Ein regelrechtes PR-Desaster

"Wir erleben einen Rückschlag Europas: Weil viele Nationalismen hochkommen, weil viele Egoismen hochkommen, weil die Idee, Grenzen aufzubauen und sich abzuschotten, wieder hochkommt. In dieser Situation ist eine Investition in das Denken der jungen Generation, in Partnerschaft und in die Schönheit des Kontinents, eine gute Investition", so Weber.

Doch aus der guten Idee machten die Verantwortlichen in Brüssel ein regelrechtes PR-Desaster. Davon, dass jeder Jugendliche zum 18. Geburtstag einen Interrail-Pass bekommt, ist schon länger keine Rede mehr. Genau genommen seitdem man gemerkt hat, dass Interrail-Pässe ja Geld kosten, eine Menge Geld. Dann hieß es nach Monaten der Recherche von der EU-Kommission: Für 30.000 junge Männer und Frauen sei kurzfristig Geld da, allerdings nur so lange, bis irgendwer noch einmal über die Bücher gegangen ist. Aktuelle Parole: Es gibt heute nur für 15.000 Interrail-Pässe grünes Licht. Allerdings auch ein weiteres Versprechen: Dass man langfristig deutlich mehr Geld in die Hand nehmen will, als die zwölf Millionen Euro heute.

Was ist der Mehrwert

Für die Zeit von 2021 bis 2027 sind beispielweise 700 Millionen Euro veranschlagt. Doch auch dagegen regt sich bereits Widerstand: Das Geld könnten wir für andere Dinge viel sinnvoller gebrauchen, sagt ausgerechnet eine von denen, die für die Betroffenen spricht. Anne Widegren vom Europäischen Jugendforum: "Klar, es ist immer toll, wenn solche Initiativen für Jugendliche gestartet werden. Gleichzeitig haben wir aber auch Vorbehalte: Was ist der wirkliche Mehrwert von 'Free Interrail'? 700-Millionen-Euro-Projekte sollten auch einen Bildungsauftrag haben. Noch ist allerdings völlig unklar, wie der aussehen soll!"

Seit Dienstag, 12 Uhr, kann man sich bewerben. Auf einer eigens eingerichteten Seite des Europäischen Jugendportals. Das funktioniert so: Erst müssen Quizfragen zum aktuellen Europäischen Kulturerbe-Jahr und zu EU-Jugendinitiativen beantwortet werden, dann folgt noch eine Schätzfrage. Man ist sich nämlich ziemlich sicher, dass sich wesentlich mehr als die 15.000 Jugendlichen bewerben, für die es derzeit Tickets gibt. In der EU werden jedes Jahr rund fünf Millionen Jungen und Mädchen geboren.

Sendung: hr-iNFO, 12.06.2018, 9.40 Uhr

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