Ein junger Edelkrebs (Astacus astacus), auch Europäischer Flusskrebs genannt

Nicht erst das Coronavirus hat uns gezeigt, wie eng unser Wohlergehen mit dem von Tieren und Natur verbunden ist. Rücksichtsloser Umgang mit der Natur kann dazu führen, dass wir unsere Ernährungsgrundlagen gefährden. So wie beim heimischen Flusskrebs.

In Schweden feiert man ihm zu Ehren ein Fest im August, in Deutschland gilt er als Delikatesse, bekannt vor allem aus dem Leipziger Allerlei: der Fluss- oder Edelkrebs. Klare, nicht zu kalte Fließgewässer mag er, der gepanzerte Geselle, der einem Mini-Hummer ähnelt. Und in denen wird er  seit rund 150 Jahren immer seltener – wegen einer Krankheit namens Krebspest.  

"Die Krebspest wird ausgelöst durch einen pilzähnlichen Organismus, der sich über Sporen verbreitet", erklärt Ökologin Kathrin Theissinger. Sie arbeitet für das LOEWE-Zentrum für Translationale Biodiversitäts-Genomik am Frankfurter Forschungsinstitut Senckenberg. Die Sporen können sich im Wasser frei bewegen - und sobald sie einen Wirt gefunden haben, also einen Flusskrebs, docken die sich an und wachsen in den Wirt hinein. 

Fatale Fehlentscheidung

Im Krebs greift der Krebspest-Erreger das Nervensystem an. Dadurch kommt es etwa zu Lähmungen, Verhaltensänderungen und zum Tod. "Bei der ersten Welle der Krebspest in Europa um 1850 herum wissen wir nicht genau, wer damals der Wirt der Krebspest war. Das kann tatsächlich sein, dass sich damals nur Sporen im Ballastwasser von einem Krebstransporter ausgebreitet haben", sagt Theissinger.

Fest steht allerdings: Die Krebspest kam in verschiedenen Varianten aus Nordamerika nach Europa. Sie breitete sich aus und begann, die europäischen Edelkrebse wegzuraffen. Den Süßwasserkrebsen ihrer amerikanischen Heimat machte die Krebspest jedoch weniger aus. Das habe wiederum die Fischerei-Industrie dazu veranlasst, Mitte des 20. Jahrhunderts gezielt und massenhaft nordamerikanische Flusskrebse nach Europa einzuführen, damit die Krebsfischerei nicht komplett zusammenbreche, erklärt Theissinger. Eine fatale Fehlentscheidung, denn  Krebs ist nicht gleich Krebs. Die ausgesetzten amerikanischen Krebse sind robust und aggressiv. Sie erkranken zwar seltener an Krebspest, können diese aber übertragen. All das führte dazu, dass sie sich gegenüber den Edelkrebsen durchsetzen. Der Edelkrebs steht vor dem Aussterben. 

Der Evolution auf die Sprünge helfen

In Schotten im Vogelsberg arbeitet Björn Kral. Er züchtet Edelkrebse. Aber nur jeden fünften verkauft er zum Verzehr. "Wichtig als unsere Aufgabe sehe ich den Arterhalt über unsere Zucht und über Wiederansiedlungsprojekte sicherzustellen", sagt Kral. "Es gibt immer wieder Populationen, die ein Stück weit Resistenzen gegen unterschiedliche Krebspesterreger aufweisen und wo Seuchenzüge durchgegangen sind und trotzdem noch Populationsbestände da sind."

Das wiederum liegt an genetischen Unterschieden zwischen den Krebsen. Senckenberg-Forscherin Kathrin Theissinger sieht hier eine Möglichkeit, der Evolution im Sinne der Edelkrebse ein wenig auf die Sprünge zu helfen. Sie sei dabei herauszufinden, welche Gene für die Resistenz gegen die Krebspest verantwortlich sind. "Und dann kann man dann vielleicht gezielt Edelkrebse züchten, die resistent sind und diese dann für den Besatz auswählen."

Am Edelkrebs werde besonders ersichtlich, sagt sie, dass es mehr schade als nütze, gebietsfremde Arten einzuführen, um verlorene Bestände einheimischer Arten zu ersetzen. Doch ihre genetischen Studien und die Zuchterfolge von Björn Kral können Bausteine eines Rettungsplans sein – zumindest für den Edelkrebs. 

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