Trettachtal (Bayern)
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Deutschlands Flüsse, Seen und Bäche sind in einem schlechten Zustand. Im europäischen Vergleich stehen sie an drittletzter Stelle. Grund dafür ist u.a. die Belastung mit Chemikalien. Was bedeutet das?

Da fließt ein lauschiges Bächlein. Im Taunus vielleicht, im Spessart oder in der Rhön. Ein Sinnbild ungestörter Natur. Doch der Schein trügt. Deutschlands Gewässer sind in einem schlechten Zustand. Damit sind nicht die Badeseen gemeint, sondern die Flüsse, Seen und Bäche und die Grundwasservorkommen. Das besagt der aktuelle Report der Europäischen Umweltagentur (EUA). Er beurteilt, wie die EU-Wasserrahmenrichtlinie umgesetzt worden ist. Das ist die gesetzliche Grundlage für den Schutz der Gewässer in Europa - und die "regelt alles: bis wann die Gewässer in einen guten Zustand gebracht werden müssen, und was an Gewässern eben nicht passieren darf - eine Verschlechterung des heutigen Zustands", erklärt Beatrice Claus, Gewässerexpertin des World Wide Fund für Nature, WWF.

Nur 8,4 Prozent der Gewässer in gewünschtem Zustand

Im Bericht der EUA habe Deutschland sehr schlecht abgeschnitten und stehe an drittletzter Stelle, erzählt die Gewässerexpertin. "Nur 8,4 Prozent der Gewässer sind in dem gewünschten Zustand, nämlich in einem guten oder sehr guten Zustand", so Claus. EU-weit liegt der Wert bei immerhin 40,6 Prozent. Schlechter als Deutschland schnitten nur noch die Niederlande und Luxemburg ab. Insgesamt ist die Lage bei Seen und Küstengewässern besser als bei Flüssen. Generell sind diese sogenannten Oberflächengewässer verschmutzter als unser Grundwasser.

Bei der Beurteilung betrachtet wurde unter anderem der chemische Zustand der Gewässer. Hier teilt sich Deutschland den letzten Platz mit Luxemburg, Österreich und Schweden. In diesen Ländern sind 100 Prozent der Oberflächengewässer in schlechtem chemischen Zustand. Im europaweiten Durchschnitt sind immerhin bei 38 Prozent der Oberflächengewässer in gutem chemischen Zustand. Schuld am schlechten deutschen Wert sind vor allem die Quecksilbermengen, die in die Gewässer gelangen. Das Metall wird unter anderem in Kohlekraftwerken freigesetzt. Wie die Lage speziell in Hessen aussieht, wird derzeit noch einmal im Speziellen geprüft, sagt Beatrice Claus.

Der Druck auf die Verantwortlichen steigt

"Wir machen gerade einen Vergleich der Bundesländer im Hinblick auf die Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie", sagt Claus. Diese Arbeit sei noch nicht getan worden. Mit der Veröffentlichung des Wasserreports steigt der Druck auf die Verantwortlichen. Denn Europas Gewässer müssen bis spätestens 2027 einen guten ökologischen und chemischen Zustand erreicht haben. Ursprünglich hätte dieses Ziel schon 2015 erreicht werden sollen. Die Frist wurde bereits verlängert. In Kraft getreten war die Wasserrahmenrichtlinie im Jahr 2000. Doch wie ist das Ziel zu erreichen?

Claus hält die Agrarwende für existenziell. Ohne die sei die erfolgreiche Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie nicht möglich. Dabei gehe es vor allem um den Eintrag von Stickstoff, erklärt sie. Der gelange als Dünger in der Landwirtschaft und als Abfallprodukt von Tierhaltung in die Umwelt. Dabei gebe es Flächen, die viel zu klein für die Menge an Stickstoff seien. "Und alles, was nicht von den Pflanzen aufgenommen werden kann, wird entweder direkt ins Wasser geschwemmt, bei Regen, oder es gelangt auf einem langsameren Weg ins Grundwasser und damit auch in unsere Trinkwasserressourcen", erklärt Claus.

Jetzt ist Handeln angesagt

Die zweite große Herausforderung besteht darin, den Quecksilbereintrag zu verringern. Die dritte Herausforderung ist es, die Kläranlagen weiter zu verbessern. Die vierte Herausforderung ist die bauliche Renaturierung von Gewässern. Hier müssen Begradigungen zurückgenommen werden. Und vor allem muss an den über 2000 Wasserbauwerken angesetzt werden, die es in Deutschland gibt. Wasserbauwerke sind etwa Wehre und Wasserkraftwerke. Sie machen Wanderfischen wie Aal, Lachs und Stör das Leben schwer. Diese legen ihre Eier nur in den Gewässern ab, in denen sie selbst geschlüpft sind. Den Weg dorthin machen ihnen die Wasserbauwerke teils unmöglich.

Bis 2027 ist jetzt für die Verantwortlichen Handeln angesagt, damit Fortschritte eintreten. Denn mit jeder Verzögerung sinkt die Chance, dass sich die Gewässerqualität in Deutschland so verbessert, wie es die EU fordert.

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Hier finden Sie den Bericht der Europäischen Umweltagentur EEA zum Download. [PDF - 13mb]

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Sendung: hr-iNFO, 6.07.2018, 7.20 Uhr

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