Evergrande Group Center, Shanghai (picture alliance / Xing Yun / Co)

Der chinesische Immobilienkonzern „Evergrande“ steht vor dem Kollaps. Mancher in der Finanzbranche befürchtet deshalb schon eine neue, weltweite Finanzkrise . Ist das gerechtfertigt?

Erst Evergiven, jetzt also Evergrande: Mit einem feststeckenden Tanker im Suez-Kanal hat der chinesische Immobilienriese zwar nicht viel zu tun, der Schock für die Finanzmärkte sitzt allerdings nicht minder tief – und das weltweit. „In der Weltwirtschaft und an den Börsen geht einfach nichts mehr ohne China, darum müssen uns solche Ereignisse interessieren", sagt Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der ING Bank. Ein guter Anteil des chinesischen Wirtschaftswachstums in den letzten Jahren sei über den Bausektor gekommen ist - ganze Städte seien aus dem Boden hervorgeschossen.

Riesiger Schuldenberg

Es sind Bauprojekte, die Milliarden kosten. Geld, das Konzerne wie Evergrande von unterschiedlichen Investoren und Banken einsammeln. Der Schuldenberg des chinesischen Immobilienkonzerns ist so groß, dass er die Finanzwelt in Atem hält – es geht um umgerechnet mehr als 300 Milliarden Dollar. Eine Summe, die größer ist als etwa das gesamte Bruttoinlandsprodukt Finnlands im vergangenen Jahr. Schon vor Wochen hatten Ratingagenturen die Bonität von Evergrande heruntergestuft, der Aktienkurs des Konzerns ist seit Monaten auf Talfahrt.

Jetzt herrscht an den internationalen Finanzmärkten – auch in Deutschland – die Sorge, dass Evergrande pleite geht. "Die Firma hat im Bankensystem allgemein schon Kredite aufgenommen, die Banken sind ja international verflochten", sagt Arthur Brunner, Wertpapier-Händler der ICF Bank. "Und natürlich könnte eine Immobilienkrise, wenn sie in China entstehen sollte, auch auf die hiesigen Märkte übergreifen."

Vergleiche mit Lehman Brothers

Mancher zieht da schon Vergleiche mit der Bank Lehman Brothers, die vor fast genau 13 Jahren Insolvenz anmelden musste: auf dem Höhepunkt der internationalen Finanzkrise, die ihren Ursprung ebenso in der Immobilienbranche hatte. Könnte sich das im Fall Evergrande wiederholen? Martin Lück vom Vermögensverwalter Blackrock hält das für wenig wahrscheinlich. Der chinesische Staat habe genügend Möglichkeiten, einen solch großen Schaden abzuwenden. Die Gefahr sei eher, "dass hier ein wichtiger Teil des bisherigen chinesischen Wachstumsmodells entfällt, weil ja doch so eine Stop-and-Go-Politik gefahren wurde, wo man praktisch auf Knopfdruck das Wachstum wieder beschleunigen konnte - vor allem eben durch Investitionen in Immobilien und Infrastruktur."

Die Analysten an den Finanzmärkten beobachten genau, wie sich der chinesische Staat in den kommenden Tagen verhält. Es geht um die Zukunft der chinesischen Wirtschaft, von der viele internationale Unternehmen – auch aus Deutschland – immer stärker abhängig sind. Noch aber, so Carsten Brzeski von der ING Bank, sei der Fall Evergrande und eine mögliche Insolvenz vor allem eine chinesische Angelegenheit: „Das heißt nicht, dass das chinesische Wirtschaftswachstum jetzt auf einmal stottern sollte, aber das bringt natürlich die ersten Fragen hinter der Stärke und der Nachhaltigkeit des chinesischen Wirtschaftsaufschwungs mit sich.“

Es sind Fragen, die an den internationalen Finanzmärkten weiter für Turbulenzen sorgen können – nicht nur in China, sondern auch in Deutschland, wo der Name Evergrande bis vor wenigen Wochen wohl nur Kennern ein Begriff war. Doch sind diese Zeiten längst vorbei.

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