Flüchtlinge nach der Ankunft auf dem Kassel-Airport in Calden.

Die AfD hat auf die deutlich rückläufigen Asylzahlen reagiert, die Innenminister Seehofer am Mittwoch vorgestellt hatte: Die Lage sei nach wie vor "ein Desaster", zu den Erstanträgen müsse man mindestens 120.000 Menschen jährlich addieren, die durch Familiennachzug kämen. Stimmt das?

Bernd Baumanns (AfD) Berechnungen fangen mit einer korrekten Zahl: den 160.000 Erstanträgen auf Asyl, die 2018 gestellt wurden. Wobei, um ganz genau zu sein: Es waren 161.931.

Weitere Informationen

Bernd Baumann, Fraktionsgeschäftsführer der AfD im Bundestag, sagte im Interview mit der Tagesschau, zu den 160.000 Asylerstanträgen im Jahr 2018 müsse man mindestens 120.000 Menschen pro Jahr addieren, die durch Familiennachzug kämen. Somit käme man also auf fast 300.000 Flüchtlinge pro Jahr. Das Interview können Sie im Audio auf dieser Seite oder in der Mediathek (ab Minute 2'04) nachhören.

Ende der weiteren Informationen

Zu dieser Grundsumme addiert Baumann dann den Familiennachzug, den er mit mindestens 120.000 Menschen pro Jahr angibt. Die Zahlen für 2018 geben das so aber nicht her: In einer Antwort auf die Anfrage des AfD-Bundestagsabgeordneten Stephan Brandner rechnet die Bundesregierung für 2018 insgesamt zwar 107.240 Familiennachzüge aus.

Audiobeitrag

Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Bernd Baumann (AfD) zu Zuwanderungszahlen

Bernd Baumann
Ende des Audiobeitrags

Allerdings stehen längst nicht alle davon stehen im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise. In die gleiche Statistik zählt nämlich auch, wenn etwa ein ausländischer Manager bei einer Firma in Deutschland anheuert und die Familie nachkommt oder wenn ein Deutscher seine thailändische Ehefrau zu sich holt.

Familiennachzug von Flüchtlingen deutlich unter 120.000

Relativ unstrittig im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise stehen folgende Zahlen, die das Auswärtige Amt für 2018 vorrechnet: Für Familienangehörige von Flüchtlingen, die hier vollen Schutzstatus haben, wurden im vergangenen Jahr etwa 35.000 Visa erteilt – die abschließende, ganz genaue Zahl steht noch aus. Dazu kamen noch 3.260 Visa für Angehörige von sogenannten subsidiär Schutzbedürftigen mit niedrigerem Schutzstatus. Und dann kamen noch 3.400 Menschen über eine Härtefallregelung nach Deutschland. Macht summa summarum für 2018 einen Nachzug von Flüchtlingsfamilien von insgesamt gut 41.600.

Die Gesamtzahlen für 2018 sind vom Auswärtigen Amt allerdings noch nicht komplett aufgeschlüsselt zu bekommen. Ein Blick auf die Zahlen von 2016 und 2017 zeigt jedoch, dass die dem Familiennachzug im Zuge der Flüchtlingskrise zuzuordnenden Zahlen eventuell auch höher liegen können als die eben erwähnten 41.600. Auf jeden Fall aber liegen sie deutlich unter den 120.000, von denen der AfD-Fraktionsgeschäftsführer spricht.

Baumann verwendet alte Zahlen

Wie aber kommt der AfD-Fraktionsmanager auf diese Zahl? Hat er sich die ausgedacht? Nein, Bernd Baumann verwendet offenbar schlicht und einfach alte Zahlen, nämlich die von 2017. Damals kamen per Familiennachzug insgesamt knapp 120.000 Menschen nach Deutschland, laut Migrationsbericht genau 117.991, laut Antwort an Stephan Brandner 117.992. Doch auch von diesen Zahlen 2017 ging nur ein Teil auf das Konto der Flüchtlingskrise, sie beinhaltet genauso wie die Zahl aus 2018 nämlich sämtliche Visa für Familiennachzug – aus welchen Herkunftsländern und welchen Gründen auch immer.

Diese Zahlen also den Flüchtlingszahlen zuzuordnen und daran das Halten oder Reißen der von der Bundesregierung ausgerufenen Obergrenze für die Aufnahme von Flüchtlingen zuzuordnen, ist falsch.

Weitere Informationen

Redaktioneller Hinweis

Auf eine erste Anfrage des ARD-Hauptstadtstudios hatten das Auswärtige Amt und das Bundesinnenministerium noch geantwortet, für 2018 lägen noch keine Gesamtzahlen für erteilte Familiennachzugs-Visa vor. Allerdings gab es diese doch bereits. Inzwischen liegen sie uns vor, wir haben den ursprünglichen Artikel vom 24.01.2019 entsprechend aktualisiert.
(25.01.2019)

Ende der weiteren Informationen
Weitere Informationen

Mehr zum Thema

Ende der weiteren Informationen

hr-iNFO, 24.01.2019, 16:30 Uhr

Jetzt im Programm