Ein "Open"-Schild hängt neben einem roten Herz in einem Fenster.

Silikon statt echten Menschen - in Helsinki wurde das erste Puppen-Etablissement Finnlands eröffnet. Die Betreiber sehen darin einen Beitrag zum Kampf gegen Prositution und Menschenhandel, für Kritiker ist es ein Zeugnis menschlicher Abgründe.

Candy ist der Star des Quartetts. Nicht die allergrößte, aber die teuerste Puppe: Anschaffungspreis um die 4.500 Euro. Die Stunde mit ihr kostet einen Hunderter, dafür geht es dann aber auch sehr schnell zur Sache. Naja, fast. Erst muss ihr Lover am Silikon-Hinterkopf einen kleinen Knopf finden und drücken, dann ihren Körper sanft berühren und schon wird Candys Stimm- und Stimmungscomputer aktiviert.

Wer’s mag ... Wenn nicht, hat Helsinkis und damit ganz Finnlands erstes Puppen-Etablissement noch drei weitere "Damen" im Angebot: Crystal, Nicki und Jennifer. Alle aus Plastik, zwischen 1,67 und 1,71 Meter groß, auf den ersten Blick ziemlich lebensecht, aber auf den zweiten dann irgendwie doch nicht. Sie bewegen sich nicht von allein, der Blick ist starr, der Gesichtsausdruck  gefühllos.

Antti Kurhinen ist ein finnischer Reality-TV-Star und selbsternannter Vagina-Masseur, also eine mehr schillernde als seriöse Figur in Finnlands öffentlichem Leben. Er trat zur Eröffnung des ganz besonderen Bordells als dessen Sprecher auf und will sich auch künftig um Kunden kümmern. Natürlich lassen sich bei der Feier vor Kameras und Mikrofonen keine Kunden blicken.

"Für Leute, die Komplexe haben"

Aber Antti versichert, dass es schon vor der Eröffnung Buchungen gegeben hat. Sehr zur Freude eines Russen, dem der Laden gehört, der aber anonym bleibt. "Dem Besitzer kam die Idee, als er einen Film sah, in dem Menschen durch Roboter ersetzt worden sind", erzählt Antti. "Die Geschichte ging ihm nicht aus dem Kopf und als die ersten Sexpuppen auf den Markt kamen, sagte er sich: 'Das ist es, meine alte Fantasie wird Wirklichkeit. Und so gründete er jetzt Finnlands erstes Sexpuppenbordell.'"

Der "Club", wie Antti sagt, liegt im Norden der Stadt dezent in Kellerräumen hinter einem großen Einkaufszentrum versteckt. Die Zimmer sachlich schick in finnischem Design eingerichtet, Holzfußboden, Ledersofas, gedämpftes Licht. Ein Ort für verborgene Lüste und  verbogene Typen? "Wir richten uns an Leute, die sich schwertun im Umgang mit anderen Menschen, die Komplexe haben, die schüchtern sind, sich hässlich finden oder ein schlechtes Selbstwertgefühl haben", sagt Antti "oder die Fantasien haben, die sie mit normalen Menschen nicht realisieren können. Von der Puppe werden sie akzeptiert."

In den Augen der Betreiber ist das fast schon ein sozialer Dienst für die "Kunden" und auch ein Beitrag zum Kampf gegen Prostitution und Menschenhandel, heißt es. Viele vor allem ältere Finnen haben sich allerdings mächtig über die Berichte über das Puppenbordell aufgeregt. Für sie und andere Kritiker ist es ein eher trauriges Zeugnis menschlicher Abgründe, über die auch der gerade für Ausländer fast schon niedliche Name nicht hinwegtäuscht: "Seksinukkebordelli".

Sendung: hr-iNFO, 20.11.2018, 13:50 Uhr

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