Angela Merkel im Jahr 2015 beim Besuch einer Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber

Wie kam es zu Entscheidungen der deutschen Politik in der Flüchtlingskrise? Diese Frage versucht "Die Getriebenen" zu beantworten. Aber wie detailgetreu ist der Spielfilm?

2015 ist das Jahr der Flüchtlingskrise: Hunderttausende Menschen haben sich damals auf den Weg nach Europa gemacht. Vor allem aus Syrien, auf der Flucht vor dem Krieg. Für die Bundesregierung wird diese Herausforderung zu einer Belastungsprobe. Kanzlerin Merkel stemmte sich gegen Forderungen, die offenen Grenzen zu schließen. "Wir schaffen das" wurde zum Mantra einer Zeit, die der Welt-Journalist Robin Alexander eng begleitet hat.

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"Die Getriebenen" online

Der Film von Stephan Wagner ist bereits jetzt in der ARD-Mediathek zu sehen. Sie finden ihn hier.

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Seine Recherchen hat er in einem Buch zusammengefasst – "Die Getriebenen“" Nun dient das Buch als Grundlage für einen Film von Stephan Wagner, der am Mittwoch (20.15 Uhr) im Ersten läuft. Wie nah kommt der Spielfilm der Wirklichkeit? Sebastian Schreiber macht den Realitäts-Check.

Mitschnitte wird es nicht geben 

Die Tür schließt sich, Kanzlerin Merkel nimmt Platz auf der Rückbank ihrer Limousine, hinter den verdunkelten Scheiben. Spannend und überraschend wird es im Film "Die Getriebenen" immer dann, wenn sich Einblicke bieten in vertrauliche Gespräche, Treffen und Sitzungen. Fiktion und Realität verschwimmen dann. Etwa bei einem Abendessen zwischen Kanzlerin Merkel und Wolfgang Schäuble, damals Bundes-Finanzminister. Schäuble fordert Merkel auf, in der Flüchtlingskrise mit dem ungarischen Premier Orban zusammenzuarbeiten. Merkel lehnt ab.  

"Ich denke nicht, dass die Menschen in Deutschland eine Partnerschaft mit einem Präsidenten gutheißen, den so manch einer für einen Diktator hält", sagt die Kanzlerin. "Die Menschen werden sich in dieser Sache bei Ihnen bedanken, weil Sie das Notwendige tun. Sonst gehen wir alle in die Knie", entgegnet Schäuble. Ob diese Sätze wirklich genau so gefallen sind? Vermutlich nicht, aber vielleicht so ähnlich. Mitschnitte der intimen Momente, die der Film zeigt, wird es kaum geben – oder sie sind nicht öffentlich.

 Zuweilen zögerlich, zuweilen besonnen

Der Journalist Robin Alexander hat intensiv recherchiert, mit vielen Beteiligten gesprochen, um die Szenen zu rekonstruieren. Sein Buch zur Politik in der Flüchtlingskrise ist nun Grundlage des Films. Im Fokus steht eine Frage: Warum ließ Kanzlerin Merkel im September 2015 – gegen den Druck aus der eigenen Regierung – die Grenzen in Deutschland offen? Horst Seehofer, damals bayerischer Ministerpräsident, verlangte von Merkel einen schärferen Kurs in der Asylpolitik – den die Kanzlerin aber nicht zusichern wollte.  

Merkel wirkt in "Die Getriebenen" zuweilen zögerlich und unentschlossen, aber an anderen Stellen auch besonnen und gelassen. Ein Bild, das wohl viele der Kanzlerin auch in der Realität bescheinigen würden. Die journalistische Vorlage zum Film ist präsent, doch rücken nun auch die Tonlage und der Ausdruck der Schauspieler in den Vordergrund.

Nah an der Realität, aber doch ein Spielfilm

Wo immer es geht, hält sich der Regisseur an die Original-Bilder und Zitate. Sein Film bleibt nah am Original, nah an der Chronologie. Am Ende bleibt "Die Getriebenen" aber ein packender Spielfilm, in dem emotional zugespitzt wird, Dialoge geschliffen und Protagonisten mal weicher und mal härter gezeichnet sind als in der Realität. Ein packendes Protokoll einer Zeit, die Deutschland und Europa nachhaltig geprägt hat.

Sendung: ARD, 15.04.2020, 20.15 Uhr

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