Drei Kinder spielen an einem kleinen Wasserlauf auf einem Weg zwischen Zeltbaracken

Gewalt, Hitze und jetzt auch noch Corona: Noch immer verharren tausende Menschen im Flüchtlingslager Moria in Griechenland. Wegen der Pandemie dürfen sie aktuell das Lager nicht verlassen. Sie fühlen sich eingesperrt und vergessen vom Rest der Welt.

Omid Alizada würde gern mal wieder am Strand von Lesbos spazieren gehen, wenigstens für ein paar Stunden dem Lager Moria entfliehen. Aber das geht nicht. Seit vier Monaten schon sind die Lager von der Außenwelt abgeschnitten. Noch bis zum 19. Juli gilt vorerst die Ausgangssperre. "Vielleicht verlängern sie den Lockdown noch einmal, vielleicht nicht. Aber dieser Lockdown macht den Menschen hier sehr zu schaffen. Wenn man das Camp nie verlassen darf, das ist schrecklich. Das macht alle Leute hier verrückt", so Alizada. Er stammt aus Afghanistan und kam im November 2019 mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn ins Lager.

Vergessene Menschen

Die Menschen in dem griechischen Flüchtlingslager fühlen sich weggesperrt, vergessen vom Rest der Welt. Der Afghane beschreibt eine hoffnungslose Situation: "Manche leben hier schon seit zwei oder drei Jahren. Moria ist ein vergessener Ort und die Menschen hier sind vergessene Menschen." Um nicht ganz vergessen zu werden, haben einige der Flüchtlinge aus dem Lager Moria persönliche Hilferufe ins Netz gestellt: "Hallo! Wir sind aus Afghanistan. Wir sind drei Frauen und wir leben hier mit meiner 7-jährigen Tochter im Zelt. Jede Nacht gibt es hier im Lager Streit, manchmal gehen Leute sogar mit Messern aufeinander los. Wir fühlen uns unsicher. Moria ist die Hölle auf Erden. Wir bitten die Vereinten Nationen: 'Helft uns!'" So lautet die Botschaft einer Geflohenen.

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Ein weiterer Hilferuf zeigt einen jungen Mann mit Brille in seinem Zelt, neben ihm – ganz verschüchtert - seine beide Söhne im Kindergartenalter: "Ich wurde während des Krieges geboren und ich bin im Krieg aufgewachsen. Meine Kinder wurden auch während des Krieges geboren, aber ich möchte nicht, dass sie auch im Krieg aufwachsen und womöglich zu Extremisten werden." Er will, dass seine Kinder studieren, deshalb sei er hier. "Ich bitte die Europäische Union: Nehmt uns als Flüchtlinge auf, damit meine Kinder hier studieren können und damit sie sich gut in die Gesellschaft einbringen können."

Traum vom normalen Leben

15.000 Menschen in Moria rufen um Hilfe. Aber sie haben das Gefühl, Europa hört weg. Immerhin - vor einem halben Jahr drängten sich im Lager noch 20.000 Menschen. Das heißt 5.000 Flüchtlinge, ein Viertel der Lager-Insassen, durften raus und umziehen aufs griechische Festland. Ein kleiner Unterschied sei schon zu spüren, sagt Omid Alizada: "Aber nur sehr wenig. Denn eigentlich hat das Lager nur Platz für 3.000 Menschen. Es ist jetzt also immer noch fünffach überbelegt." Nur wenige Flüchtlinge haben Platz in einem der Wohncontainer des eigentlichen Lagers. Die anderen mussten rund ums Lager in den Olivenhainen ihre Zelte aufbauen oder Hütten aus Sperrholz zusammenzimmern.

Sie alle träumen von einem normalen Leben, irgendwo in Europa. Omid Alizada weiß, dass dieser Traum in den vergangenen Wochen für ein paar Dutzend Kinder und Jugendliche aus Moria wahr wurde: unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge, die irgendwann während der Flucht ihre Eltern verloren hatten und seither auf sich allein gestellt sind. 120 Kinder und Jugendliche aus Moria und anderen griechischen Lagern sind jetzt schon in Deutschland oder Finnland oder Portugal, haben dort die Chance auf ein neues Leben.

Warten, warten, warten

Viele hundert weitere unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge sind aber noch in Moria. Gibt es für sie hier wenigstens Schulunterricht? "Nein, eine Schule gibt es nicht", erklärt Alizada, "aber da, wo die Jugendlichen untergebracht sind, ist es sicherer. Sie alle sind in einem abgesperrten Teil mitten im Haupt-Lager. Sie wohnen in Containern, sie haben medizinische Versorgung, die sanitären Anlagen sind besser. Dort kann man's besser aushalten und vor allem besser schlafen." Das nämlich ist in den Zelten ein großes Problem. Moria war schon immer schlimm, sagt er, aber: "Es wird immer schlimmer wegen der Hitze. Es ist furchtbar, die ganze Zeit im Zelt zu verbringen. Im Zelt ist es noch heißer als draußen."

Omid Alizada muss noch lange hier ausharren und warten bis zu seinem Termin bei der Asyl-Behörde: "Ich hab mein Interview im August 2021. Ich muss warten. Ich hab keine Wahl." Warten bis August 2021, noch 13 Monate. Eine Ewigkeit, wenn man im Lager eingesperrt ist und wenn man sich vergessen fühlt vom Rest der Welt.

Sendung: hr-iNFO, Aktuell, 14.07.2020, 06 bis 09 Uhr

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