Hühnerfarm in Ghana
Hühnerfarm in Ghana Bild © hr

Konkurrenzlos billiges Import-Hühnchen hat dazu geführt, dass die heimische Branche am Rande des Zusammenbruchs steht. Doch die "Hühnchen-Produzenten" wissen: Gerechtigkeit ist keine Kategorie des Welthandels. Verzweifelt suchen sie nach neuen Strategien, um ihre Existenz zu sichern.

Gladys Klu ist stolz auf ihren kleinen Metzgerladen in Accra, die Geschäfte laufen gut: Die Kunden schwören auf ihr Lamm, Rind- und Schweinefleisch von  ghanaischen Bauernhöfen. Nur Geflügel "Made in Ghana" gibt es bei Gladys nicht. Das große Geschäft macht sie mit tiefgefrorenem Importgeflügel: "Hühnchen aus Ghana ist nicht einfach zu bekommen. Und die Leute wollen sowieso lieber das Importfleisch, so ist das eben. Ich verkaufe da 200 bis 400 Kartons in der Woche."

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Früher wurden auf dem Madina-Markt in Accra pro Tag noch mehr als 3000 lebende Hühner aus ghanaischer Züchtung verkauft, doch das ist lange her. Seit Ghana sich vor einigen Jahrzehnten für Fleischimporte geöffnet hat, hat sich die Lage der heimischen Produktion immer weiter verschärft, wenn auch schleichend. Das Problem: In die ghanaische Geflügelwirtschaft wurde gleichzeitig zu wenig investiert.

Mittlerweile importiert Ghana im Jahr fast 300.000 Tonnen Hühnchenfleisch, vor allem aus Brasilien, den USA und der Europäischen Union. Nach Angaben des ghanaischen Landwirtschaftsministeriums haben sich diese Importe seit 2015 mehr als verdoppelt. Allein 135.000 Tonnen Geflügel kamen 2017 von Konzernen aus der EU. Vor allem die Niederlande exportieren viel.

Brust für Europa, Schenkel für Afrika

Victor Oppong Adjei, Chef des Nationalen Verbandes der Geflügelfarmer in Ghana, ist alarmiert: Der Marktanteil der ghanaischen Geflügelproduzenten ist binnen weniger Jahre von zehn auf fünf Prozent geschrumpft: "Das importierte Huhn kostet halb so viel wie das heimische. Wir sind nicht wettbewerbsfähig und deswegen ist es sehr schwer für uns, nach der Produktion unser Geflügel auch zu verkaufen. Unsere Industrie droht zusammenzubrechen."

Warum? Es liegt unter anderem an der besonderen Vorliebe der Europäer für Hähnchenbrustfilets: Die Hähnchenschenkel landen in Afrika – und sie sind unschlagbar billig. Sogenannte Exportsubventionen sind mittlerweile zwar abgeschafft, nicht aber die millionenschweren, staatlichen und europäischen Beihilfen für die Intensivlandwirtschaft. Es ist diese maschinell effiziente und finanziell geförderte Massenproduktion, die das importierte Geflügel - beziehungsweise die Geflügelteile - so günstig macht.

Geflügelfarmer Michael Nyarko Ampem sieht die internationale Handelspolitik kritisch und findet, dass seine Branche dabei unter die Räder gekommen ist. Allein der Betrag, mit dem in der EU eine Kuh oder ein Huhn subventioniert werde, übersteige das Pro-Kopf-Einkommen eines Menschen in einem sogenannten Entwicklungsland.

Nyarko Ampem fürchtet, dass es in fünf bis zehn Jahren in Ghana keine Geflügelfarm mehr geben könnte. Schon jetzt sei die Geflügelbranche fast tot. "Unsere Konkurrenten bekommen Unterstützung von ihren Regierungen. Und dann gibt es ja diese Wirtschaftspartnerschaften, von denen sie mehr profitieren als wir. Wir verstehen das alles und wir finden freien Handel auch gut – aber wir brauchen politische Strategien und finanzielle Unterstützung."

Anpassen oder aufgeben

Bittere Ironie, findet Geflügelfarmer Augustine Amankwaah aus Accra. Denn inzwischen ist in Ghana die Nachfrage nach Geflügel so groß und die heimische Industrie so schwach, dass der Bedarf ohne Importe überhaupt nicht zu decken wäre. Natürlich kennt auch Amankwaah die Geschichte von dem Geflügelfarmer aus Ghana, der so verzweifelt war, dass er alles aufgab und nach Libyen ging, von dort aus ein Schlepperboot bestieg - und im Mittelmeer ertrank. Das war vor zwei Jahren.

Amankwaah will bleiben und kämpfen. Auch wenn die Kredite teuer sind und erst recht das Futtermittel, das er absurderweise auch noch für viel Geld importieren muss – aus Beständen der EU. "Es ist ein gnadenloser Wettbewerb. Die internationalen Produzenten wollen ihr Geflügel hier günstig verkaufen – und wir müssten unsere Kosten reduzieren, damit wir mithalten können."

Fragt sich, ob und wie lange das gut geht. Ghanas Regierung hat gerade ein neues Förderprogramm für aufgelegt – um die Produktion zu retten und dann auch anzukurbeln. "Ghana Chicken" soll für Kunden und Investoren gleichermaßen schmackhaft werden: unter anderem mit Werbekampagnen, einem Qualitätslabel, dem Ausbau der Logistik und einem stabilem Futtermittelpreis. 

Aber selbst wenn es Ghana gelingen sollte, mit einer immensen finanziellen Kraftanstrengung seine Geflügelindustrie wieder neu aufzustellen: Die Konkurrenz aus Europa und anderen Exportnationen wird das Geschäft weiter dominieren, gestützt von Subventionen, bereits etablierter Marktmacht und ausgeklügelter Massenproduktion. Ghana muss herausfinden, ob und wie es sich an diese Bedingungen anpassen kann – oder ob es den Kampf um die heimische Geflügelindustrie verloren gibt.

Sendung: hr-iNFO, 17.11.2018, 7:05 Uhr

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