In einem Labor in Stuttgart werden Tests zum Coronavirus durchgeführt.

Im Wettlauf gegen die Corona-Pandemie befindet sich die Wissenschaft im Ausnahmezustand. Bisher normale, interne Vorgänge zur Prüfung von Studien werden plötzlich zu Bild-Schlagzeilen. Ein Einblick in wissenschaftliches Arbeiten - und wie es sich in Corona-Zeiten verändert hat.

Die Menge an Publikationen zum neuen Coronavirus ist enorm: Seit Anfang Januar wurden mehr als 23.000 Studien und Manuskripte öffentlich zugänglich gemacht. Und häufig sind dabei Schritte übersprungen worden, die eigentlich die Qualität sichern sollen. Der Schnelligkeit wegen, denn auch die zählt in der Krise.

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So erklärte der Virologe Hendrick Streek, weshalb er erste Ergebnisse seiner Heinsberg-Studie nicht in einem Fachjournal bekannt gegeben hatte, sondern auf einer Pressekonferenz, dann auch wiefolgt: "Wir fanden, es gebührte uns, einfach auch der ethische Anspruch, dass wir das früh und schnell präsentieren. Weil sich eben Rückschlüsse daraus ziehen lassen darauf, wie die Letalität des Virus ist und wie das Virus einzuschätzen ist. Wir hätten natürlich warten können, so wie gefordert, auf einen langen Gutachterprozess oder ein langes Review, aber das wäre in diesem Fall nicht zu rechtfertigen gewesen."

Ein eigentlich monatelanger Prozess

Der Gutachterprozess ("Peer Review"), den er ausgelassen hatte, gilt eigentlich als das Rückgrat der wissenschaftlichen Qualitätssicherung. Zwei bis vier Reviewer, selbst Wissenschaftler vom Fach, hinterfragen dabei die Studie und suchen gezielt nach möglichen Fehlerquellen. Ein Gutachter kann vom Autor der Studie Korrekturen einfordern oder auch zusätzliche Experimente. Erst wenn alle Gutachter zufrieden sind, wird die Studie veröffentlicht. Ein monatelanger Prozess.

Eine Abkürzung sind sogenannte Preprints: Vorveröffentlichungen der Manuskripte auf Internet-Plattformen. "In diesen ganzen Diskussionen über Qualität der Wissenschaft wird immer mehr mit dem Finger auf die Preprint Server gezeigt", sagt der Wissenschaftler Serge Horbach. Der Preprint Server sei "der Ort, wo alle schlechten Dinge angeblich gerade passieren. Aber ich denke, wir sollten uns ganz klar machen, dass die etablierten Fachzeitschriften, in denen Peer Review stattfindet, mehr oder weniger die gleichen Probleme haben."

Kaum zusätzliche Analysen

Horbach erforscht an der Radboud Universität in niederländischen Nimwegen das wissenschaftliche Publikationswesen und insbesondere das Peer Review-Verfahren. Während der Corona-Pandemie geht es auch bei den Fachjournalen um Schnelligkeit. In einer Studie untersucht Serge Horbach gerade, ob das klassische Review-Verfahren momentan genau so streng abläuft wie sonst. "Was ich beobachte – das sind jetzt wirklich Beobachtungen, die noch nicht gut geprüft sind – ist, dass Reviewer kaum noch nach zusätzlichen Analysen oder Experimenten fragen. Das ist sonst sehr üblich, im Moment sehe ich das kaum."

Der klassische Review-Prozess für eine Veröffentlichung in Fachjournalen scheint also momentan zum Teil nicht ganz so sorgfältig gehandhabt zu werden wie früher. Dagegen bringt das aktuell weit verbreitete Verfahren der sogenannten Preprints, also der Veröffentlichung von Manuskripten im Internet, auch Vorteile mit sich, sagt Ulrich Dirnagl. Er ist Leiter am Zentrum für Qualität, Ethik, Open Science und Translation (QUEST) am Berlin Institute of Health.

Wissenschaft verkürzt auf eine Bild-Schlagzeile

"Dieser Review Prozess, der vorher hinter verschlossenen Türen - das ist übrigens auch eine Kritik daran - unter Experten stattgefunden hat, der findet jetzt in der Öffentlichkeit statt durch Journalisten, Laien und natürlich auch ein paar Experten, die sich in Blogs dazu äußern oder in Podcasts. Das steht sozusagen irgendwie plötzlich auf dem Kopf." Das habe natürlich auch seinen Charme und immens positive Effekte, meint Dirnagl. Aber natürlich bringe dieser öffentlich ausgetragene Prozess auch Probleme mit sich. Eines der Probleme könnte sich diese Woche gezeigt haben: Wenn der konstruktive Prozess der öffentlichen Diskussion verkürzt wird auf eine Bild-Schlagzeile.

Sendung: hr-iNFO Wissenswert, 31.5.2020, 8:35 Uhr

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