Zwei Frauen sitzen nebeneinander an ihren Laptops.

Was unterm Tannenbaum selbstverständlich ist, fehlt in Führungsetagen oft, sagt der Autor und Coach Jochen Mai: Herzenswärme. Dabei würde sie viel eher zu motivierten Mitarbeitern führen als autoritäres Gehabe.

hr-iNFO: Sie sagen, Warmherzigkeit sei eine der meist unterschätzten Führungsqualitäten. Warum wird sie unterschätzt?

Mai: Weil die meisten Führungskräfte natürlich lieber mit Plänen, Strukturen, Strategien und Zielen führen. Das spricht den Kopf an, aber nicht das Herz.

hr-iNFO: Wie geht denn führen mit Warmherzigkeit und Empathie?

Mai: Das ist eine gute Frage. Und zugleich ist die Frage auch irgendwie falsch, weil Warmherzigkeit natürlich etwas ist, das von innen kommen muss. Alles Aufgesetzte spürt man und dann ist es schon nicht mehr echt und nicht mehr authentisch und funktioniert natürlich auch nicht. Insofern kann man eigentlich nicht fragen, wie Führen mit Warmherzigkeit geht - wenn man es nicht von innen heraus hat, kann man es eigentlich auch nicht anwenden.

Jochen Mai

Gleichwohl kann man natürlich Warmherzigkeit zeigen an verschiedenen Stellen im Job, zum Beispiel beim Feedback. Führungskräfte geben regelmäßig Feedback, aber viele verfahren nach dem Motto 'nicht kritisiert ist gelobt genug'. Das ist natürlich falsch. Also man kann positives Feedback geben. Und damit meine ich nicht nur Lob, sondern echt gefühlte Aufmerksamkeit, Anerkennung, Wertschätzung. Das spüren Mitarbeiter. Wenn das echt ist, dann hat es auch eine entsprechende Wirkung.

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Himmel und Erde: Wärme tut wohl

Weihnachten ist das Fest der Liebe und der Herzenswärme. Damit beschäftigen wir uns in "Himmel und Erde" am 25.12.2020 um 6:05 Uhr. Im Anschluss finden Sie die Sendung hier als Podcast.

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Dasselbe gilt für Unterstützung, echtes Interesse am Mitarbeiter. Was kann ich tun, damit du deine Arbeit machen kannst, damit es dir besser geht? Was brauchst du? So ein bisschen, ich sage mal väterliches oder mütterliches Gespür dafür zu entwickeln, was den Mitarbeitern gerade wichtig ist. Was beschäftigt ihn, hat er vielleicht in den letzten Wochen viele Überstunden machen müssen, weil es eine Krise gab im Unternehmen? Dann kann ich ihm das auch zeigen, ihm vielleicht auch mal freigeben oder ihm den Job gerade ein bisschen leichter machen.

hr-iNFO: Sie haben eben schon das Stichwort Wirkung angesprochen. Was ist der Vorteil eines warmherzigen Führungsstils und wer profitiert?

Mai: Eigentlich profitieren alle davon, weil das Betriebsklima insgesamt besser wird. Aber der Vorteil ist natürlich das, was ich gerade schon angesprochen habe: Normalerweise sprechen wir im Job den Kopf an, aber das Herz berühren wir nur durch Warmherzigkeit. Und an der Stelle entsteht eben so etwas wie Warmherzigkeit oder eben auch eine Herzenswärme, ein Wir-Gefühl. Warmherzigkeit in der Führung schafft so etwas wie Vertrauen. Ich habe das Gefühl und auch die Gewissheit, der andere meint es gut mit mir. In dem Moment sind Mitarbeiter auch bereit, die Extrameile zu gehen.

"Autoritäres Gehabe erreicht die meisten nicht"

hr-iNFO: Aber bei so einem - sagen wir mal: weichen - Führungsstil, tanzen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einem da nicht auf der Nase herum?

Mai: Also Warmherzigkeit schließt das andere ja nicht aus. Es ist nicht ein Entweder-Oder, sondern ein Sowohl-als-auch. Ich kann warmherzig führen und trotzdem Führungskraft bleiben, trotzdem Entscheidung treffen, trotzdem auch in meiner Rolle als letzte Instanz sozusagen bleiben und kann sagen, am Ende muss es halt gemacht werden, wie ich das sage. Aber ich tue das, indem ich euch anders anspreche als bisher. Ich spreche euch eben nicht nur auf der Kopfebene an.

hr-iNFO: Sie sind Berater, Coach, Keynote Speaker. Wie reagieren denn die Führungskräfte in der Regel, wenn sie ihnen sagen, jetzt sei Warmherzigkeit angesagt?

Mai: Die fühlen sich unwohl, weil sie dabei natürlich auch etwas mehr von sich offenbaren müssen. Also natürlich ist es viel leichter, qua Amt zu führen, den Leuten zu sagen, du musst das jetzt machen, weil ich bin der Chef. In dem Moment, in dem ich mich tatsächlich für die anderen Menschen interessiere, für meine Mitarbeiter, wo ich wirklich auch eine persönliche Ebene schaffe, da fühlt sich die ein oder andere Führungskraft unwohl. Das liegt aber auch daran, weil wir Führungskräfte heute einfach nur ernennen, aber sie nicht in dem Sinne fördern, dass wir sie weiterentwickeln zur Führungskraft. Das ist etwas, was stark vernachlässigt wird in der Wirtschaft. Deswegen fühlen sie sich mit solchen Methoden unwohl und unsicher und verfallen dann in so ein autoritäres Gehabe. Was aber de facto die meisten Mitarbeiter nicht erreicht.

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Das Gespräch führte Klaus Hofmeister, hr-iNFO-Kirchenredaktion

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Sendung: hr-iNFO "Himmel und Erde", 25.12.2020, 6:05 Uhr

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