Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus

Bibiana Steinhaus ist eine Frau, nach deren Pfeife 22 Männer tanzen müssen. Sie ist die erste weibliche Schiedsrichterin in der Geschichte der Bundesliga. Täglich muss sie sich die Frage stellen, was fair ist und ob es überhaupt allen recht gemacht werden kann.

hr-iNFO: Frau Steinhaus, muss man als Schiedsrichterin einen besonderen Sinn für Gerechtigkeit haben?

Steinhaus: Ich glaube, es ist sehr hilfreich als Schiedsrichterin, einen besonders ausgeprägten Gerechtigkeitssinn zu haben. Es geht ja nicht nur darum, Regeln einzuhalten und umzusetzen, sondern es gilt auch, den moralischen Kompass auszurichten. Denn Fairplay geht sicherlich weit über das bloße Einhalten von Regeln hinaus, es hat was mit der inneren Haltung zu tun.

hr-iNFO: Haben Sie diesen Hang zur Gerechtigkeit erst entwickelt oder hatten Sie ihn schon von Kindheit an?

Steinhaus: Tatsächlich würde meine Mutter sagen, dass mein Gerechtigkeitssinn im Kindergarten schon sehr ausgeprägt war.

hr-iNFO: Haben Sie nach Entscheidungen immer das Gefühl 'Das war jetzt wirklich gerecht, was ich da entschieden habe'?

Steinhaus: Nach jedem Fußballspiel, bei dem ich als Schiedsrichterin aktiv bin, gehe ich in die Nachbetrachtung und schaue mir mein komplettes Spiel mit meinem Team gemeinsam an.

Wir gehen jede Situation und jede Entscheidung noch einmal im Detail durch und fragen uns: Würden wir wieder so entscheiden?, und wenn nicht, was würden wir anders machen? Wen können wir in den Entscheidungsprozess mit einbeziehen? Gibt es vielleicht schon Kollegen, die eine ähnliche Situation hatten? Wie haben sie die gelöst? Also die Aufarbeitung eines Fußballspiels dauert in der Regel länger als das Fußballspiel selbst.

Bis zu 300 Entscheidungen pro Spiel

hr-iNFO: Wie ist es dann, wenn Sie abends nach Hause gehen, hängen Ihnen diese Entscheidungen nach, bei denen Sie sich nicht sicher waren und im Nachhinein vielleicht gesagt wurde: „Das war nicht ganz richtig, wie wir da entschieden haben“?

Steinhaus: Natürlich hängen Entscheidungen nach und Fehlentscheidungen tun weh, aber das ist auch normal. Es ist sogar gut, denn erst dann bin ich ja bereit, mich intensiv mit der Frage zu beschäftigen: „Was kann ich besser machen und wie kann ich es besser machen?“. Es ist aber auch wichtig, sich von einzelnen Situationen zu lösen und nach vorne zu schauen, denn in sieben Tagen kommt in der Regel das nächste Spiel.

hr-iNFO: Wie gehen Sie damit um, wenn andere Ihre Entscheidung nicht gerecht finden und nicht akzeptieren?

Steinhaus: Fußball ist ja ein sehr emotionaler Sport und wenn ich als Schiedsrichterin auf dem Feld stehe, dann weiß ich, es ist meine Aufgabe, Entscheidungen zu treffen. Ich treffe bis zu 300 Entscheidungen pro Spiel und weiß im Vorfeld natürlich, dass nicht jede meiner Entscheidungen auf Begeisterung stoßen wird. In der Regel sind elf dafür und elf dagegen, das ist eine berechenbare Größe. Ich muss also gucken, dass ich mit mir im Reinen bin und dass ich diese Entscheidung wieder so treffen würde.

hr-iNFO: Eine Schiedsrichterin muss ja vor allem schnell entscheiden. Sie haben es gerade gesagt, bis zu 300 Entscheidungen pro Spiel. Um gerecht sein zu können, muss man ja eigentlich auch mal abwägen und überlegen können. Schließen sich Schnelligkeit und Gerechtigkeit nicht eigentlich aus?

Steinhaus: Sicherheit geht immer vor Schnelligkeit.

Videoassistent macht Fußball gerechter

hr-iNFO: Und deswegen gibt es den Videobeweis.

Steinhaus: Deshalb gibt es den Videoassistenten, der sozusagen für das Schiedsrichterteam auf dem Feld nochmal ein zusätzliches Sicherheitsnetz ist. Die letzte Entscheidung hat immer der Schiedsrichter auf dem Feld. Der Videoassistent hat aber die Chance, jede Situation aus 22 unterschiedlichen Kameraperspektiven zu beleuchten und nochmal zurückzuspulen. Ist dann wirklich etwas Spielentscheidendes dabei, hat der Videoassistent die Möglichkeit, den Schiedsrichter darauf hinzuweisen und vor einem großen Fehler zu bewahren.

hr-iNFO: Heißt das im Umkehrschluss, dass der Fußball, bevor dieser Videobeweis eingeführt wurde, ungerechter war?

Steinhaus: Der Videoassistent macht den Fußball auf jeden Fall gerechter und fairer, das ist auch sein Anspruch.

hr-iNFO: Müssen Sie manchmal ungerecht sein auf dem Platz?

Steinhaus: Ich muss immer konsequent, geradlinig, berechenbar und kommunikativ sein.

hr-iNFO: Was ist ungerecht an Ihrem Job, Frau Steinhaus?

Steinhaus: Mein Job ist eine tolle Tätigkeit, es ist eine große Herausforderung. Es ist ein großes Glück, da als Schiedsrichterin überhaupt in der Bundesliga agieren zu dürfen …

hr-iNFO: Und wenn Sie manchmal angefeindet werden nach Ihren Entscheidungen?

Steinhaus: Werde ich? Also es ist tatsächlich so, dass wir auf dem Feld einen sehr angenehmen Umgangston miteinander pflegen. Selbstverständlich gibt es immer mal Emotionen und das ist bis zu einem gewissen Grad auch absolut tolerierbar. Für den Schiedsrichter gilt eben nur, Ruhe zu bewahren, den Überblick zu behalten und die Spieler vielleicht auch mal emotional einzufangen und runterzusprechen.

hr-iNFO: Wie ist das privat, Frau Steinhaus, verlangt dann auch immer jeder von Ihnen gerechte Entscheidungen im Alltag?

Steinhaus: Ich glaube, den Anspruch, gerecht behandelt zu werden, hat jeder von uns in seinem täglichen Umfeld. Es ist ganz normal, dass wir diesen Anspruch haben, den wir dann aber auch immer im gleichen Zuge leben sollten.

hr-iNFO: Wo gelingt Ihnen das besser, im Job oder im Privatleben?

Steinhaus: Ich bin immer bei mir und sehr authentisch in dem, was ich tue, und das ist mein Gradmesser. Ich möchte berechenbar sein für alle Menschen in meinem Umfeld, sei es nun auf dem Fußballfeld oder in persönlichen Begegnungen.

Weitere Informationen

Das Gespräch führte Riccardo Mastrocola.

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Sendung: hr-iNFO, 9.11.2018, 15:20 Uhr

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