Eine Mutter geht mit ihren Kindern durch das Flüchtlingslager Kara Tepe auf Lesbos (Griechenland) (dpa)

Obwohl die Zahl der Geflüchteten auf den griechischen Inseln sinkt, verbessert sich ihre Lage dort nicht. Die Bedingungen setzen den Menschen nicht nur körperlich, sondern auch mental zu; schon Kinder sind wegen Selbstmordgedanken in Behandlung. Und auf dem Festland entstehen neue Hotspots.

Noch vor einem halben Jahr waren es Kälte, Regen, Überschwemmungen und Sturm, die den Menschen zu schaffen gemacht haben. Jetzt ist es die brütende Hitze: Aktuell herrscht in weiten Teilen Griechenlands eine Hitzewelle. Die Temperaturen erreichten bis zu 40 Grad und die Situation für die Menschen dort sei extrem schwer, sagt Liza Papadimitriou. Sie ist für die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen unter anderem auf Lesbos im Einsatz.

Unmenschliche Bedingungen sind nicht das Schlimmste

Seitdem das ehemalige Camp bei Moria im vergangenen September abgebrannt ist, lebt ein Großteil der geflüchteten Menschen auf Lesbos in Zelten in dem provisorisch errichteten neuen Lager Kara Tepe in Mavrovouni. Von Beginn an haben die Bewohner über die katastrophalen Zustände im Camp geklagt. Es gibt kaum Strom, viel zu wenig sanitäre Anlagen. Bilder und Videos in den sozialen Netzwerken sind oft die einzige Möglichkeit, um sich einen Eindruck von der tatsächlichen Situation im Lager zu machen, denn die griechischen Behörden verweigern Journalisten regelmäßig den Zutritt.

Doch die unmenschlichen Bedingungen im Camp sind nicht das einzige, was die Menschen belastet, sagt Papadimitriou von Ärzte ohne Grenzen: "Sie sagen uns, dass die mangelnde Sicherheit, die schlechten Lebensbedingungen, Zukunftsängste und die Angst vor der Abschiebung die Dinge sind, die ihnen die größte Sorge bereiten.“ Viele Menschen sind schon vor Jahren auf der Insel gestrandet. Die Kombination aus Perspektivlosigkeit, gleichzeitig permanenter Ungewissheit und dem harten Leben im Camp wirkt sich laut einem aktuellen Bericht von Ärzte ohne Grenzen zunehmend auf die körperliche, vor allem aber auf die mentale Gesundheit aus.

 Kinder mit Selbstmordgedanken

Die Hilfsorganisation ist auf drei der griechischen Flüchtlingsinseln im Einsatz: Lesbos, Samos und Chios. Allein in den vergangenen beiden Jahren wurden dort knapp 1.400 Menschen wegen psychischen Erkrankungen behandelt. Ein Drittel davon waren Kinder.

Besonders dramatisch ist die Situation auf Lesbos. Dort waren nur im vergangenen Jahr 50 Kinder unter neun Jahren wegen Selbstmordversuchen oder Selbstmordgedanken in Behandlung. Viele von ihnen sind traumatisiert auf Lesbos angekommen. Die Lebensumstände verstärken das Trauma häufig, zum Beispiel dann, "wenn man Kinder in eine gefängnisartige Situation steckt, sie um ihre Ausbildung bringt", sagt Papadimitriou. Auch die Eltzern seien häufig im Dauerstress, weil sich niemand in einem Zelt sicher fühle, wo man die Tür nicht abschließen könne. "Da lebt man in permanenter Angst."

Neubau verzögert sich

Nach dem Brand von Moria hatte die griechische Regierung angekündigt, ein neues Lager auf der Insel bauen zu wollen. Es sollte eigentlich im September fertig sein. Doch erst vor gut zwei Wochen musste der griechische Migrationsminister Notis Mitarakis eingestehen, dass bislang noch nicht einmal mit dem Bau begonnen wurde. Es hätten bestimmte Genehmigungen gefehlt, was den Ausschreibungsprozess verzögert habe. Dennoch versicherte der Minister: "Im Hinblick auf den kommenden Winter haben wir, falls das neue Camp auf Lesbos fertig ist, einen Notfallplan, um sicherzustellen, dass es solche Bilder wie im vergangen Winter in Mavrovouni nie mehr geben wird.“

Dort leben aktuell noch 5000 Menschen, Tendenz sinkend. Auch auf den anderen vier Inseln mit Aufnahmelagern für Asylsuchende – Samos, Chios, Leros und Kos - gehen die Zahlen zurück: Insgesamt befinden sich dort rund 8500 Migrantinnen und Migranten, im April 2020 waren es noch 40.000. Grund für den Rückgang: Fast täglich bringt die Regierung Menschen, die aller Wahrscheinlichkeit nach Asyl bekommen, aufs Festland, um so die Inseln zu entlasten. Meist handelt es sich um unbegleitete Kinder, Familien, ältere oder kranke Menschen. 

Nur noch 30 Tage versorgt

Ein Großteil strandet früher oder später auf dem Viktoriaplatz in Athen, keine drei Kilometer von der Akropolis entfernt. Seit Jahren ist er zu einer Anlaufstelle für Flüchtlinge geworden. Hier sitzen Frauen mit ihren Kindern auf Decken, ein paar Männer stehen auf der anderen Seite des Platzes und unterhalten sich. Sie alle schlagen die Zeit tot. So wie Mohamad. Er ist mit seiner Familie vor drei Jahren nach Griechenland gekommen: erst nach Moria, dann nach Thessaloniki und seit zwei Monaten sind sie in Athen. "Seit drei Jahren bin ich hier", sagt er, "aber ich kann nicht zur Schule gehen, weil - ich weiß auch nicht wieso. Ich lerne Englisch mit Youtube und habe jetzt auch mit Deutsch angefangen.“

Er und seine Familie sind anerkannte Flüchtlinge. Früher haben sie gedacht, wenn sie diesen Status einmal erreicht haben, wird alles gut. Jetzt wissen sie es besser. Denn die griechische Regierung hat im vergangenen Jahr ein neues Gesetz erlassen, wonach Flüchtlinge in Griechenland nur noch 30 Tage nach ihrer Anerkennung versorgt werden – und nicht wie bis dahin sechs Monate. Nach diesen 30 Tagen haben sie keinen Anspruch mehr auf Unterkunft oder Geld für Essen, sondern sind auf sich allein gestellt.

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