Eine Hand greift nach dem Bundestag

Die Mehrheit der unter 30-Jährigen sieht wenige Gemeinsamkeiten zwischen ihrem Leben und dem, was da im Bundestag passiert. Was läuft da schief? Wir haben junge Hessinnen und Hessen gefragt, was sich ändern müsste.

Am 26. September ist Bundestagswahl. Aber was hat das eigentlich mit mir zu tun? Für viele unter 30-Jährige in Deutschland dürfte die Antwort lauten: ziemlich wenig. Etwa 70 Prozent von ihnen sehen wenige Gemeinsamkeiten zwischen ihrem Leben und dem, was da im Bundestag passiert, sagt der Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier: "Es gibt genügend Studien, die eindrucksvoll belegen, dass sich die große Mehrheit der unter 30-Jährigen von der Politik nicht genügend berücksichtigt fühlt."

Audiobeitrag

Podcast

Zum Artikel Generation U30: Was hat die Bundestagswahl mit mir zu tun?

Eine Hand greift nach dem Bundestag
Ende des Audiobeitrags

Aber was läuft da schief? Warum erreicht die Politik einen großen Teil der Generation U30 nicht mehr? Das wollten wir von vier jungen Menschen aus Hessen wissen. Und erst mal wurde deutlich: Es gibt einfach zu wenige junge Politikerinnen und Politiker. Gerade mal zwei unter 30 Jahren derzeit im Deutschen Bundestag, namentlich Roman Müller-Böhm (FDP) und Philipp Amthor (CDU), beide 28 Jahre alt. Genau das würden sich junge Menschen aber wünschen: "Es ist, glaube ich, gut, wenn jemand in der gleichen Lebensphase ist, das Leben noch vor sich hat und nicht schon Zweidrittel rum sind", sagt Johannes. Er ist 25 und hat gerade seine Masterarbeit als Bauingenieur abgegeben.

Zu wenig Inhalte, zu viele "alte" Themen

Und auch inhaltlich kann die Politik unsere jungen Hessinnen und Hessen nicht überzeugen. "Ich habe im Moment den Eindruck, dass es eine einzige Schlammschlacht ist, in der Diffamierungen stattfinden und Politiker:innen einfach nur daran arbeiten, andere Politiker:innen irgendwie in den Dreck zu ziehen", sagt Emily, 25 und Inspizientin am Staatstheater Darmstadt. Es gehe mehr um den Wahlkampf als um konstruktive Lösungen, kritisiert Johannes. Und Nick, 21 und Künstler, vermisst Themen wie soziale Gerechtigkeit im Wahlkampf. "Da stellt man sich echt die Frage: Wen soll man jetzt im Endeffekt wählen?", sagt Anne, 26-jährige Landwirtin und Agrarwissenschaftlerin.

Zitat
„Ich habe im Moment den Eindruck, dass es eine einzige Schlammschlacht ist.“ Emily (25) Emily (25)
Zitat Ende

Es geht den jungen Menschen also zu wenig um Inhalte in der Politik. Und viele Themen, die der Generation U30 wichtig sind, spielen bei den Parteien keine große Rolle - das ist zumindest der Eindruck vieler junger Wählerinnen und Wähler. Ein Blick in die Wahlprogramme zeigt aber: Das stimmt nicht so ganz. Themen wie beispielsweise soziale Gerechtigkeit, Zukunftssicherheit und natürlich Klimapolitik kommen in allen Wahlprogrammen vor.

Das Problem ist eher, sagt Jugendforscher Heinzlmaier, dass die Politik im Wahlkampf mehr auf ältere Menschen setzt, weil die mehr Wählerstimmen bringen. "Die jungen Menschen sind quantitativ nicht so relevant und so leicht zu kriegen und zu behandeln wie das die älteren sind. Deswegen zieht es die Politik zu den Älteren und es entsteht so eine Seniorenpolitik." Außerdem sei die Politik bei jungen Menschen gerade einer massiven Vertrauenskrise ausgesetzt. Die meisten von ihnen lesen Wahlprogramme gar nicht mehr, sagt Heinzlmaier, und wenn sie sie lesen, glauben sie nicht daran, dass sie umgesetzt werden.

"Geriatrische Aufstellung der Politik"

Was muss also passieren, damit junge Menschen wieder mehr Vertrauen in die Politik bekommen? "Vielleicht sollte sich die Politik eher darum bemühen, ihren Job richtig zu machen, anstatt richtig aufzutreten", schlägt Nick vor - und Themen ansprechen, die der jungen Generation wichtig sind, ergänzt Emily. Es geht um Plattformen wie Instagram und Twitter, Podcasts und Youtube. Dort sollte Politik und Wahlkampf nach Ansicht der vier jungen Hessinnen und Hessen stattfinden - mit jungen Hosts und vor allem jungen Politikerinnen und Politikern.

Vier junge Menschen, zwei Frauen, zwei Männer, schauen vor blauem Hintergrund in die Kamera

Das bestätigt auch der Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier: "Das Wichtigste wäre, dass diese geriatrische Aufstellung, die die Politik jetzt hat, einfach wegkommen müsste." Die Politikerinnen und Politiker, die sich zur Wahl stellen, sind zu alt, sagt er - und wenn sie nicht zu alt sind, dann seien sie kulturell alt. Man finde in der Politik heute schon 30-Jährige, die reden und agieren als wären sie 70; politische Mandatsträger spulten stereotyp im Politik-Jargon die Programmatik ab, die die Parteien vorgeben. "Es müssen einfach wieder mehr normale Menschen in die Politik kommen und weniger Funktionäre-Zombies durch die Gegend laufen."

Weitere Informationen Ende der weiteren Informationen
Weitere Informationen

Mitarbeit: Julius Tamm und Gerald Schäfer

Ende der weiteren Informationen