Iranische Frauen demonstrieren vor der Botschaft in Brüssel.
Iranische Frauen demonstrieren vor der Botschaft in Brüssel. Bild © picture-alliance/dpa

Betrachtet man die Gesamtsituation für Frauen in Ländern wie Iran, Saudi-Arabien oder Marokko sind Frauen vor allem eins: Menschen zweiter Klasse. Ein Gespräch mit Ethnologin Susanne Schröter.

Laut der Länderberichte von Amnesty International bleibt in Algerien Vergewaltigung straffrei, wenn das Opfer minderjährig ist und der Täter das Mädchen anschließend heiratet. Ähnlich sieht es in Tunesien aus. Dort steht außerdem Vergewaltigung in der Ehe nach wie vor nicht explizit unter Strafe.

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zum Artikel Politik: Von Rabat bis Teheran – Wie steht es um Frauenrechte in der muslimischen Welt?

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Wenn saudi-arabische Frauen reisen, studieren, arbeiten oder heiraten wollen, brauchen sie nach wie vor die Einverständnis eines männlichen Vormunds – und das kann der Vater, Bruder, Ehemann oder sogar Sohn sein. Im Iran werden feministische Initiativen mit strafbaren Handlungen gleichgesetzt. Aber es tut sich auch etwas: Der saudi-arabische Kronprinz hat nach massiven jahrelangen Protesten erlaubt, dass Frauen selbst Auto fahren dürfen. Frauen im Iran dürfen sich Fussballspiele in Stadien anschauen. In Marokko wurde das Familienrecht zu Gunsten der Frauen reformiert.

Professorin Susanne Schröter ist Ethnologin und leitet das Forschungszentrum Globaler Islam in Frankfurt. Sie untersucht Geschlechterverhältnisse in islamischen Ländern seit vielen Jahren.

hr-iNFO: Frau Schröter, wie steht es um die Frauenrechte in Ländern wie Marokko, Iran und Saudi- Arabien?

Susanne Schröter
Susanne Schröter ist Direktorin des Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam (FFGI). Bild © FFGI

Schröter: Es ist sehr ambivalent. Man kann nicht wirklich sagen, in welche Richtung die Reise tatsächlich geht. Wir haben ganz ermutigende Entwicklungen, beispielsweise in Saudi- Arabien hätte jetzt noch vor wenigen Jahren niemand damit gerechnet, dass sich dort ein Mitglied der Königsfamilie so einsetzt. Auch im Iran sieht man, dass die jungen Leute und da ganz besonders die jungen Frauen die Nase voll haben, dass sie frei sein wollen, dass sie selbst bestimmen wollen. Auf der anderen Seite sehen wir genau entgegengesetzte Entwicklungen und wissen nicht genau, wie sich das jetzt auf die gesamte Region von Rabat bis Teheran bezogen flächendeckend durchsetzen wird. Vermutlich gibt es in einigen Regionen die Entwicklung in Richtung mehr Frauenrechte, in anderen wird man hart kämpfen müssen.

"Bildung ist kein westlicher Wert"

hr-iNFO: Woher kommt es, dass da noch so extrem konservative Frauen- und Männerbilder dominant sind?

Schröter: Auf der einen Seite liegt es daran, dass die Entwicklung in vielen Ländern sehr ungleich läuft. In den Städten haben wir gebildete Mittelschichten, aber die städtischen Armen profitieren gar nicht davon. Auf dem Land hat die Bevölkerung sowieso nichts von Frauenrechten. Die sind mit dem Überleben beschäftigt und wenn es einem schlecht geht und man ungebildet ist, dann ist die Religion ein Anker. Wenn die Religion jetzt noch in einer sehr patriarchalen Weise ausgelegt wird, wie das in vielen ländlichen Bereichen der Fall ist und wie das auch bei vielen städtischen Armen ist, dann kommt man auf die Idee, dass die Frauen sowieso nichts in der Berufswelt zu tun haben und dass die Welt dann in Ordnung ist, wenn jeder an seinem angestammten Platz ist. Und die Vorlage für das Muster der angestammten Plätze bezieht man aus dem Koran und aus den islamischen Überlieferungen und daraus was der Imam aus diesen Quellen macht.

hr-iNFO: Wenn Sie ein Ranking erstellen müssten: Marokko, Iran, Saudi-Arabien – welches Land ist auf Platz eins was die Frauenrechte angeht?

Schröter: Naja, formal gesehen müsste ich sagen: Marokko steht auf Platz eins. Dadurch, dass es dort eine Frauenrechtsbewegung gibt, die arbeiten darf, die nicht eingesperrt wird und dass der König sich da als sehr offen gezeigt hat, dadurch haben die Frauen rechtlich gesehen die besten Möglichkeiten. Allerdings ist die Gesellschaft hinterher, das muss man ganz klar sagen. Der Iran wiederum hat eigentlich die meisten gebildeten jungen Frauen, aber das Regime ist ein echtes Hindernis. Und die saudischen Frauen … man weiß es nicht. Das ist noch so ein bisschen ein Geheimnis: Was machen sie denn wirklich? Bis jetzt war sehr vieles im Verborgenen. Es gab so subversive Literaturproduktion, es gab Videos, die Frauen gemacht haben, selbst Tanzvideos. Es gibt witzige Frauen, freche Frauen, es gibt Wissenschaftlerinnen, auch Historikerinnen, die die übliche Doktrin komplett auf den Kopf stellen. Aber bis jetzt können sie sich noch nicht zeigen. Man wird sehen, ob sich das in der nahen Zukunft ändert, ob dieses Reformprogramm weitergeht oder irgendwo stagniert oder sogar wieder zurückfällt.

hr-iNFO: Es gibt ja in der Debatte um Frauenrechte in der islamischen Welt immer den Vorwurf des Eurozentrismus. Also: Dass wir da mit einer gewissen deutschen, westlichen Arroganz darauf blicken und eben erwarten, dass in den Ländern alles so laufen sollte, wie bei uns. Wie stehen sie zu diesem Vorwurf des Eurozentrismus?

Schröter: Der Eurozentrismus wird meistens angeführt, um eine rechtliche Gleichbehandlung zu legitimieren. Mit dem Argument, das sei eben kulturell so gewollt, auch von den Frauen so gewollt. Ich halte das für problematisch. Selbst wenn es natürlich Frauen gibt, die auch zustimmen zu ihrer eigenen Diskriminierung oder zu ihrer eigenen Beschränkung. Ich bin da im Prinzip Universalistin und ich sage: Wir haben eigentlich ganz, ganz hervorragende Maßstäbe und diese Maßstäbe sind die Menschenrechte und die Frauenrechte. Eine iranische Frau möchte nicht weniger gebildet sein als eine Deutsche. Bildung ist kein westlicher Wert, das ist vollkommener Unfug. Was die Kopftücher betrifft oder die Kleidung von Frauen - das soll selbstverständlich jeder einzelnen Frau überlassen werden.

"Der Orient war nicht immer abgehängt"

hr-iNFO: Länder wie der Iran waren vor einigen Jahren deutlich moderner, es gab sogar teilweise staatlich angeordnete Entschleierungen – und dann kam ein Roll-Back. Wie erklären Sie das?

Schröter: Man kann nicht davon ausgehen, dass Länder homogen sind. Sondern in allen Ländern gibt es unterschiedliche Gruppen und diese unterschiedlichen Gruppen wollen Unterschiedliches. In Ländern wie dem Iran oder der Türkei, wo es Zwangsentschleierungen gab, hat sich eine säkulare Gruppe durchgesetzt. Keine demokratische Gruppe, muss man auch sagen! Eine säkulare Gruppe, die Frauenrechte wichtig fand. Sie hat dabei alle anderen unterdrückt. Also ein autoritärer Staat ist immer problematisch, weil er natürlich einen Teil der Bevölkerung seine Rechte vorenthält, weil er in der Regel mit äußerster Gewalt agiert und das war im Iran definitiv der Fall. Dann gab es eine große Bewegung, um diesem Regime ein Ende zu machen. Im Iran haben sich konservative Hardliner durchgesetzt, aber das heißt nicht, dass die gesamte iranische Gesellschaft damit einverstanden war.

Man muss ja auch im Hinterkopf haben, es ist nicht so, dass die westliche Welt immer ganz weit vorne war und der Orient immer abgehängt war. Denken Sie an die Bundesrepublik - noch vor wenigen Jahrzehnten konnte ein Ehemann seiner Frau die Berufstätigkeit verbieten und konnte ihr Konto sperren oder plündern. Vergewaltigung in der Ehe ist erst ganz kurz strafbar (seit 1997, Anmerkung der Redaktion). Wir haben in einigen islamischen Ländern schon länger Rechte gehabt, die in anderen europäischen Ländern erst später erteilt worden sind. Also von daher würde ich immer sagen: Es ist kein europäischer Weg, sich für Frauenrechte starkzumachen. Sondern es ist ein Weg von Aktivisten und Aktivistinnen, die eben die Gleichheit und Gleichberechtigung der Geschlechter im Sinn haben und die gibt es überall in der Welt. Es ist nur ein Problem, wenn Rechte mit Gewalt durchgesetzt werden. Dann haben die möglicherweise nicht sehr lange Bestand.

hr-iNFO: Welches der drei Länder – Marokko, Saudi-Arabien und Iran – hat denn Ihrer Meinung nach das das größte Potenzial, wirklich die Rechte der Frauen zu stärken?

Schröter: Das hängt von so vielen Dingen ab. Setzt sich Prinz Salman durch? Meint er das wirklich ernst? Dann könnte Saudi-Arabien sich ganz schnell entwickeln. Schaffen es die jungen Leute im Iran, diese Mullahs kalt zu stellen? Dann wird da auch wahnsinnig viel passieren. Und in Marokko, da weiß man eben, dass alles mehr oder weniger eingetütet ist. Da ist es eigentlich eher eine Frage, wie schnell oder langsam geht die Entwicklung? Das Einzige, was dem wirklich noch in die Quere kommen könnte, wäre, dass ein Teil der Islamisten dann doch mal wieder Oberwasser bekommt. Dann könnte es auch in die andere Richtung gehen. In Marokko würde ich sagen ist die Entwicklung absehbarer, in Saudi-Arabien und im Iran ist sie sehr, sehr ungewiss.

Sendung: hr-iNFO Politik, 27.07.2018, 21:35 Uhr

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