Orang Utans

Sie sind die einzigen Menschenaffen Asiens und gehören zu unseren nächsten Verwandten: Orang Utans. Bald könnte es sie nicht mehr geben, Palmöl-Plantagen zerstören ihren Lebensraum. Unsere Korrespondentin war im Regenwald und auf Plantagen in Indonesien unterwegs.

Der Ruf zur Fütterung hallt durch den Wald von Borneo. Plötzlich rauschen sie durch die Baumwipfel heran, arbeiten sich vor bis zur Futterplattform: rothaarig, riesig, behände, Arm über Arm über Fuß über Spagat über Fuß, so springen sie und schwingen sie von Baum zu Baum, in großer Höhe, waghalsig und doch sicher –  Orang Utans, die großen Menschenaffen.

"Ich liebe es, den Orang Utans zu folgen. Aber es ist traurig, ihren Kampf um ihr Territorium zu sehen. Illegale Abholzer und Wilderer bedrohen sie, auch hier im Nationalpark", sagt Roso, Ranger im Nationalpark Tanjung Puting, in Kalimantan, dem indonesischen Teil der Insel Borneo. Der Park liegt eine halbe Tagesreise per Boot den Fluss hinab. Dort, wo früher ein riesiges Waldgebiet war, ist das Gebiet jetzt von vielen Palmöl-Plantagen durchlöchert und umzingelt. Vor 47 Jahren kam die Forscherin Birute Galdikas hier an, mit einem Kanu im tropischen Sturzregen, und studiert seitdem Orang Utans. Doch sie erforscht die Menschenaffen nicht nur, sie schützt auch ihren gefährdeten Lebensraum.

Mehr Bewusstsein unter den Landsleuten schaffen

"Für mich ist sie eine Heldin, sie beschützt diesen Nationalpark", erzählt Isy. Der 45-Jährige stammt aus dieser Gegend Kalimantans. Er hat lange für Birute Galdikas und ihre Orang Utan Stiftung gearbeitet. Ohne die Menschenaffen gebe es keinen Ökotourismus, sagt er. Sogar die Forstpolizei bekomme die illegale Abholzung und Wilderei nicht alleine in den Griff. "Sie hat viele Menschen angestellt, die dafür kämpfen, das in den Griff zu bekommen. Ihr eigenes Leben ist ihr nicht wichtig. Galdikas ist die Quelle und die Wurzel dieses Waldes, seiner Existenz", sagt Isy.

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Deswegen will auch er mehr Bewusstsein unter seinen Landsleuten dafür schaffen, wie wichtig der Wald ist, damit sie nicht das Holz illegal abholzen. Denn die verbotene Jagd nach Tropenhölzern und die Rodung geschützter Flächen für Palmöl-Plantagen gefährden den Lebensraum der Orang Utans. Als Isy einmal den Wald patrouillierte habe und nach illegalen Abholzern absuchte, sei er von ihnen bedroht worden. "Wenn du nicht innerhalb von drei Tagen hier abhaust, dann töten wir dich", hätten sie zu ihm gesagt. "Aber wir sind dageblieben, haben uns nicht vertreiben lassen und den Wald weiter beschützt", erzählt Isy weiter.

"Sie können nirgendwo mehr leben"

In eben diesem Wald geht die Orang Utan Fütterung weiter. Die meisten Weibchen, die sich durch die Baumkronen auf den Weg zum Essen machen, tragen ein Kind mit sich herum - oder eher umgekehrt: Das Kind hält sich fest, egal, wie gewagt ein Sprung ist, ob es vom Bauch auf den Rücken wechseln muss. Bis zum sechsten oder siebten Lebensjahr bleibt es an seiner Mutter haften. Es macht ein paar Übungssprünge allein, ein paar unbegleitete Schritte zur nächsten Banane, trainiert jede kleine Handlung – bis der Menschenaffe mit den roten Haaren alleine überleben kann.

So sollte es im Idealfall sein. Aber das Ideal ist längst zerstört, erzählt Manohara Odelia, Tierschützerin und Jungpolitikerin. "Die Orang Utans können nirgendwo mehr leben, also gehen sie früher oder später in die bewohnten Gebiete, in die Palmöl-Plantange, weil sie nichts mehr zu essen haben. Oder sie fressen das, was die Dorfbewohner anbauen", erzählt Manohara. Die Menschenaffen würden zur Landplage und die Bewohner würden sie so schnell wie möglich loswerden wollen, sagt sie. "Meistens töten sie die Mütter und nehmen die Kinder, um sie in den illegalen Tierhandel zu verkaufen oder nach Übersee", so Manohara.

Wo Regenwald war, ist jetzt eine Mondlandschaft

Hunderttausend Orang Utans sind seit dem Jahr 2000 in Indonesien gestorben. Die Hälfte der Population. Manohara beschreibt den Anblick der Orang Utan Waisen, die von Tierschutzorganisationen gerettet wurden: In Auffangstationen müssen sie jetzt lernen zu klettern, selbst Nahrung zu suchen, alles, was ihnen sonst ihre Mütter beibrächten – aber vor allem brauchen sie Nähe. "Die ganzen Waisen sitzen in einem Käfig, sie rufen kläglich danach, festgehalten zu werden", erzählt Manohara.

Aber die Menschen dürfen nicht einschreiten, wenn die Kleinen sich jemals an ein Leben in der Wildnis gewöhnen sollen. Doch auch in der Auswilderung gibt es ein Problem: Es gibt zu wenig geschützte Flächen und es werden immer weniger. Isy, der Waldschützer, steht hinter einem Dorf am Fluss vor einem großen Feld mit dunkelbrauner, schwerer Erde. "Was wir sehen? Nichts! Hier war Regenwald. Das ist noch nicht lange her, sechs bis zwölf Monate; jetzt ist es eine Mondlandschaft. Das Land gehört den Dorfbewohnern", sagt er. Deprimiert steht er vor der Leere, ein Hund mit Krätze strolcht über das Feld.

"Es gibt kein nachhaltiges Palmöl"

Die Dorfbewohner bauen jetzt für eine Palmölfirma Ölpalmen an und vom Ertrag bekommen sie 30 Prozent – ihre Sehnsucht nach einem sicheren Einkommen ist verständlich, andere Verdienstmöglichkeiten gibt es wenig und der Bedarf an Palmöl wächst weltweit weiter. Shampoo, Nussnougatcreme, Kekse, Tütensuppe und seit einigen Jahren auch noch so genannter Biosprit: Überall ist Palmöl enthalten. Mehr als die Hälfte davon kommt aus Indonesien. Um weniger schädliche Methoden für den Anbau zu fördern, wurde vor 15 Jahren der Runde Tisch für nachhaltiges Palmöl gegründet. Dort sind aber vor allem Vertreter der Palmöl-Industrie repräsentiert, wie Fajar von der Orang Utan Stiftung kritisiert.

"Das nachhaltige Palmöl ist Unfug, es gibt kein nachhaltiges Palmöl. All unsere Arbeit verlangsamt das Aussterben der Orang Utans nur, sie hält es nicht auf", so Fajar. Er hat vor kurzem eine neue Rodung gesehen, eine neue Plantage wird gerade angelegt. In dem Wasserlauf, der das Feld umgibt, hat er einen toten Orang Utan gefunden. Laut Flurkarte liegt hier geschütztes Waldgebiet – aber eine Palmöl-Plantage schließt sich an die andere an, ein trister Anblick.

Wenig Hoffnung für die Menschenaffen

"Wir sind 88 und 75 Jahre alt", erzählen zwei Arbeiter auf der Plantage, "wir verdienen oft nicht genug, um uns etwas zu essen zu kaufen." Der Besitzer steht auf der Liste der 50 reichsten Männer Indonesiens. "Der Preis von Palmöl sinkt so stark, dass wir bald nicht mehr ernten wollen", sagt die Frau, "der Besitzer will uns Arbeiter nicht mehr bezahlen." Finden sie es denn nicht traurig, dass der Regenwald also beinah umsonst geopfert wird? "Nein, es gibt doch immer noch genug Wald."

Im Jahr 1900 war die riesige Insel Borneo noch vollständig bewaldet. Heute nicht mal mehr zur Hälfte. Und es gibt schon zig Anträge, um auch den Rest in Plantagen umzuwandeln. Fajar von der Orang Utan Stiftung meint: "Es ist traurig, aber ganz ehrlich: Ich habe nicht mehr viel Hoffnung für die Orang Utans."

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