Beatmung Intensivstation

Es ist so eine Sache mit dem Virus. Viele Menschen haben nach einer Infektion nur ganz milde Symptome oder merken sogar überhaupt nichts. Bei anderen schlägt das Virus dagegen richtig zu. Und: Inzwischen gibt es immer mehr Studien, die zeigen, dass SARS-CoV dem Körper vielfach zusetzt: Herz, Hirn, Niere, Blutgerinnung.

Dass der Hauptübertragungsweg für SARS-CoV-2 über Mund, Rachen oder Nase läuft, und zwar vor allem, indem kleine Flüssigkeitspartikel aufgenommen werden, die Virus enthalten und die von anderen Infizierten beim Atmen, Husten, Sprechen und Niesen ausgestoßen worden sind, das ist allgemein bekannt. Weil das Virus bei den Atemwegen zuerst angreift, sind nach wie vor Husten, Schnupfen und dazu Fieber und der Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns die häufigsten Symptome.

Doch das Virus kann noch mehr Organe angreifen: Viren dringen in Körperzellen ein, um sich vermehren zu können. SARS-CoV-2 nutzt zum Eindringen das Ace-2-Protein, das sich außen auf vielen unserer Zellen befindet. Dieses Ace-2-Protein haben Lungenzellen, aber eben auch die Zellen von Herz, Niere, Magen-Darm-Trakt und ebenfalls die Zellen der Blutgefäße. Das ist ein Grund, weshalb das neue Coronavirus im ganzen Körper Beschwerden verursachen kann. Der andere Grund ist, dass es zu einer überschießenden Reaktion des Immunsystems kommen kann, Entzündungen sind die möglichen Folgen. Mit Auswirkungen bis in das Gehirn.

Nicht nur für alte Menschen gefährlich

Ist das Herz betroffen, kann eine Herzmuskelentzündung die Folge sein. Forscher aus Frankfurt haben für eine Studie 100 Patienten untersucht, die wegen Covid-19 behandelt worden sind. Der Altersdurchschnitt bei der Studie lag bei 49 Jahren, es handelte sich also nicht nur um sehr alte Menschen. Diese 100 Patienten wurden untersucht, nachdem die akute Krankheitsphase vorbei war. Bei 60 Prozent der Patienten wurde dabei eine Herzmuskelentzündung festgestellt, insgesamt hatten 78 Prozent der Patienten Schäden am Herzen – und das, obwohl zwei Drittel, also der überwiegende Teil der Patienten, ursprünglich keinen schweren Verlauf hatten. Auch andere Studien bestätigen, dass Covid-19 das Herz in dieser Weise schädigen kann.

Darüber hinaus kann eine Corona-Infektion offenbar auch zu einer verstärkten Blutgerinnung führen. Ein leitender Arzt des Klinikums Darmstadt berichtet zum Beispiel, dass bei Menschen mit Covid-19, die an die Blutwäsche mussten, die Dialyse-Maschine von den Blutverklumpungen verstopft wurde. Einige Studien berichten, dass sich bei bis zu 40 Prozent aller Covid-19-Patienten, die auf der Intensivstation lagen, also einen schweren Verlauf hatten, Thrombosen entwickelt haben.

Hirnschädigung möglich

Beunruhigend sind zudem Berichte über neurologische Schäden und Probleme mit dem Gehirn. Der Verlust von Geruchs- und Geschmackssinn zählt bereits als ein neurologisches Symptom. Es kann aber noch schlimmer kommen: Laut einer Studie von britischen Wissenschaftlern, die im Juli im Fachmagazin "Brain" veröffentlicht worden ist, kann SARS-CoV-2 zudem schwerwiegende Schäden am Hirn und am zentralen Nervensystem auslösen, die Psychosen, Lähmungen und Schlaganfälle verursachen. Auch wenn diese Studie mit 43 Fallbeispielen nicht sehr groß ausfiel, klingt das besorgniserregend.

Und auch eigentlich genesene Corona-Patienten berichten von neurologischen Problemen: etwa, dass sie mental nicht voll da sind, "matschig im Kopf". Sie leiden unter Müdigkeit und mangelnder Konzentrationsfähigkeit, Symptome, die auch noch lange bleiben, wenn die Erkrankung eigentlich schon vorbei sein sollte. Auch Menschen, bei denen es zunächst so aussah, als wären sie gar nicht so schwer betroffen, berichten das. Dieses Phänomen wird im Englischen "Covid-Longtail" genannt, also der lange Rattenschwanz von Corona.

Corona-Rattenschwanz

Neben dieser Erschöpfung berichten die Patienten auch davon, dass sie nicht gut Luft bekommen und es zum Beispiel kaum die Treppe hoch schaffen. Es kann offenbar auch vorkommen, dass jemand immer wieder Fieber hat, obwohl gar kein Virus mehr nachweisbar ist. Gelenkschmerzen können als länger anhaltendes Symptom ebenfalls vorkommen.

Um diese Folgen zu untersuchen, sind mehrere Langzeitstudien angelaufen. In Deutschland zum Beispiel in Schleswig-Holstein und in Stuttgart. Denn bisher gibt es noch nicht viele Daten dazu, wie häufig das Phänomen "Covid-Longtail" auftritt.

Sendung: hr-iNFO, Aktualität, 12.8.20, 6-9 Uhr

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