Gibraltar

Es gab viel Applaus für das Last-Minute-Brexit-Abkommen. Aber ein wichtiger Punkt fehlt: Gibraltar an der Südspitze Spaniens ist nicht Teil des Deals zwischen Brüssel und London. Gerade die Bewohner der spanischen Seite hoffen nun auf ein Zusatzabkommen in letzter Minute.

Juan José Uceda nennt sie das "Nadelöhr": Die Grenze zwischen Gibraltar und Spanien, über die jeden Tag mehr als 15.000 Menschen pendeln. Es sind vor allem Spanier, die in Gibraltar arbeiten. Morgens fahren sie auf die Halbinsel, abends wieder zurück. Juan José hat das vier Jahre lang gemacht. Meistens musste er nur seinen Personalausweis hochhalten und wurde durchgewunken.

Der Übergang ist nicht darauf ausgelegt, eine Grenze zu einem Drittstaat zu sein, erklärt Uceda: "Es gibt nicht einmal genügend Fahrspuren, um einen einigermaßen fließenden Verkehr zu gewährleisten, wenn die Ein- und Ausreisenden dort ihre Pässe stempeln lassen müssen. Dann kommt es zu kilometerlangen Autoschlangen. Es wird Stunden dauern, nach Gibraltar zu seinem Arbeitsplatz zu kommen."

"Schlangen so lang wie in Dover"

Spaniens Außenministerin Arancha Gonzáles Laya warnt: Die Schlangen an der Grenze würden so lang werden, wie wir es in den vergangenen Tagen in Dover gesehen hätten. Rund 200 LKW fahren täglich nach Gibraltar; sie müssten aufwändig kontrolliert werden, sollten sich Spanien, Großbritannien und die Kolonie bis Freitag nicht auf ein Abkommen zum Grenzverkehr einigen. Denn zwischen Gibraltar und Spanien entsteht eine EU-Außengrenze.

Sie könnte die härteste Grenze Großbritanniens werden, so die spanische Außenministerin im Radiosender RNE: "Diese Grenze wäre der einzige Fleck, an dem wir den harten Brexit erleben würden, den wir doch alle stets verhindern wollten, vom ersten Moment an. Wir wollten ihn verhindern, weil wir die Konsequenzen kennen."

Es steht viel auf dem Spiel

Die Verhandlungen würden notfalls bis zur letzten Sekunde laufen, so Gonzáles Laya, bis Donnerstagabend, 23:59 Uhr. Die Ministerin nahm Anfang der Woche auch das Wort "Ultimatum" in den Mund, das stelle man Großbritannien.

Es steht viel auf dem Spiel – für beide Seiten: Ohne Abkommen hätten die Bürger von Gibraltar keinen Zugang mehr zum spanischen Gesundheitssystem, zu Fachärzten dort. Ihre Autos wären auf europäischen Straßen wohl nicht mehr versichert. Und: Gibraltar läge außerhalb des europäischen Luftraums.

96 Prozent gegen Brexit

Der Premierminister der Kolonie gibt sich cool. Fabian Picardo stellte in einem Interview mit dem öffentlich-rechtlichen Fernsehens Gibraltars klar: "Wir sind nicht in die Verhandlungen gegangen und haben gesagt: ‚Bitte bitte, wir brauchen einen Deal.‘ Wenn Du das tust, stehst Du am Ende als Verlierer da. Wir sind gerüstet für ein No-Deal-Szenario mit Spanien. Wir sind uns sicher, dass der Wohlstand Gibraltars nicht gefährdet wäre."

Doch die Bewohner von Gibraltar wissen, was sie am spanischen Nachbarn und der EU haben. Beim Brexit-Referendum 2016 stimmten knapp 96 Prozent von ihnen dafür, dass Großbritannien Teil der Europäischen Union bleibt. Und so gibt auch Premierminister Picardo zu: Gibraltar wolle den Deal und er sei optimistisch, ihn noch zu erreichen.

Vier Jahre Zeit ungenutzt gelassen

So denkt auch Juan José Uceda, der jahrelange Pendler aus Spanien, der sich inzwischen für eine Organisation spanischer Beschäftigter in der britischen Kolonie engagiert: "Es geht einfach um zu viel, um das Ganze scheitern zu lassen. Ob wir durch ein Abkommen besser dastehen als jetzt, werden wir sehen. Dass über all das aber zwei Tage vor dem Brexit noch verhandelt wird, wo doch vier Jahre Zeit waren, verstehe ich nicht. Das besorgt mich auch."

Immerhin, eine Einigung gibt es schon mal: Wer täglich die Grenze zwischen Spanien und Gibraltar überquert, kann noch bis zum 31. Dezember einen speziellen Ausweis bekommen. Der soll sicherstellen, dass es unkompliziert, ohne große Kontrollen, von der einen in die andere Richtung geht. Wer allerdings im neuen Jahr einen Job in Gibraltar beginnt, muss sich – Stand jetzt – auf jede Menge Passstempel einstellen.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 30.12.2020, 9 bis 12 Uhr

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