Börsenkurs

Nach dem Milliardenskandal um den insolventen Zahlungsdienstleister Wirecard will die Börse an den Regeln für den DAX schrauben. Eine Befragung unter den Marktteilnehmern lieferte einige interessante Ansätze.

Im Börsensaal ist der deutsche Leitindex Dax immer präsent, an der großen Kurstafel klackert er den ganzen Tag. Vor ein paar Jahren, da schwärmte Börsenchef Theodor Weimer im Börsensaal sogar förmlich vom Leitbarometer: "Du bringst unser Herz zum Klopfen und du bringst uns manchmal um den Verstand, deine Kurven sind geliebt und gefürchtet."

Doch jetzt will die Börse den Leitindex reformieren. Größer, solider und ethischer könnte er werden, wenn es nach ersten Gedankenspielen der Börse geht. Idee Nummer Eins: Statt 30 Mitgliedern könnten es bald 40 sein. "Gut!" sagt Carsten Brzeski von der ING-Bank: "Das erhöht dann auch die Breite und Vielfalt von Unternehmen im Dax, von daher ist das eigentlich nur zu begrüßen.

Der DAX ein Industriemuseum?

Denn immer wieder hatten Börsianer sich über den Dax 30 aufgeregt. Er biete Anlegern bloß ein „Industriemuseum“. Sprich: Zu viel Industrie, zu viel Auto. Zu wenig IT. Zu wenig innovativen Mittelstand.

Aber mit nur 40 Titeln würde das kaum besser, sagt Anlegerschützer Marc Tüngler von der Deutschen Schutzvereiniung für Wertpapierbesitz: "Also wenn man einen großen Schluck aus der Pulle nehmen will und auch breiter die deutsche Wirtschaft abbilden möchte, dann sollte man doch vielleicht noch weiter gehen – nämlich auf die besten 100 Werte. Das ist breit, das ist stabil und da wird die deutsche Wirtschaft nun wirklich mit den Unternehmen drin abgebildet."

DAX soll größer, aber auch solider werden

Doch der Index könnte nicht nur größer werden, er könnte nach dem Milliarden-Bilanzskandal um den Zahlungsdienstleister Wirecard auch solider werden. Denn die Börse will, dass jedes Unternehmen im Aufsichtsrat einen Prüfungsausschuss bildet, der den Bilanzmachern auf die Finger schaut – das ist weitgehend unumstritten.

Aber: Wenn es nach einem weiteren Vorschlag der Börse ginge, dann müssten potenzielle Aufsteiger in den Dax künftig auch profitabel sein – und keine Verluste schreiben. Das klingt zunächst mal gut, sagt Carsten Brzeski von der ING-Bank: "Ja, das ist natürlich eine sehr gute Idee und jeder möchte am liebsten nur extrem profitable Unternehmen in so einem Aktienindex haben. Die große Frage ist: Wenn ein Unternehmen heute noch profitabel ist, ist es das morgen auch?"

Manche Idee greift zu kurz

Und da, sagen Experten, springt die Börse mit ihrem Vorschlag zu kurz: Denn laut ihrer Idee müssten nur neue Unternehmen beim Einlass in den Dax profitabel sein. Danach könnten sie munter Verluste schreiben. Gut gemeint, aber nicht gut gemacht – das sagen viele Börsianer auch zu einem zweiten Vorschlag der Börse. Keine Firmen in den Dax zu lassen, die umstrittene Waffen produzieren oder verkaufen.

Marc Tüngler von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz: "So gut das Kriterium ist, dass man Waffenproduzenten ausschließen will, gleichzeitig kann man es nicht richtig greifen. Weil dann fragt man sich: Was ist mit CO2, was ist mit Wasserverschmutzung, was ist mit Ölunternehmen? Und da ist die Abgrenzung dann sehr schwierig."

Manche munkeln sogar: Wenn nach Zinsskandalen, Abgas- und Korruptionsaffären kein Missetäter mehr im Dax bleiben dürfte, dann wäre das Leitbarometer schnell nur noch ein halber Index.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 5.11.2020, 12 Uhr

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