Boris Johnson

Der britische Premier Boris Johnson steht unter Druck. Eine verbotene Gartenparty im Mai 2020 könnte ihn sein Amt kosten. Daher betont er derzeit gerne die Erfolge, die sein Land bei der Bekämpfung der Pandemie erzielen konnte.

Premier Boris Johnson steht innenpolitisch enorm unter Druck. Da ist es für ihn naheliegend, einmal mehr über die Erfolge des Impfprogramms zu sprechen. Dieses Thema ist derzeit sein Rettungsring. "Es ist das Verdienst der Regierung, dass wir in Europa am schnellsten waren mit dem Ausrollen des Impfprogramms, mit am schnellsten weltweit", sagte Johnson am Mittwoch im Unterhaus. Das sei auch der Grund dafür, dass die Wirtschaft des Landes diejenige in Europa sei, "für die es wohl die wenigsten Restriktionen gibt und dass wir die Wirtschaft innerhalb der G7 sind, die am schnellsten wächst."

Erstes endemisches Land in nördlicher Hemisphäre?

Möglicherweise lässt sich diese Positiv-Aufzählung bald noch fortsetzen, denn in Großbritannien wird inzwischen laut über das Ende der Pandemie nachgedacht. Wann es kommt, weiß niemand, aber der Epidemiologe Professor David Heymann hält es für wahrscheinlich, dass Großbritannien das erste Land der nördlichen Hemisphäre sein wird, in dem Corona endemisch wird.

Das würde bedeuten, dass es zwar nach wie vor erhöhte Infektionszahlen gibt, das Niveau aber in etwa gleichbleibt – im Unterschied zu den Wellen der letzten zwei Corona-Jahre, in denen die Infektionszahlen immer wieder exponentiell gestiegen und die Infektionskurven steil nach oben geschossen sind.

Heymann stützt seine Annahme auf die hohe Covid-Immunität in der Bevölkerung. Tatsächlich haben der nationalen Statistikbehörde zufolge 95 Prozent der Briten Antikörper, mehr als 62 Prozent der über Zwölfjährigen sind geboostert. Die Krankenhauseinweisungen steigen aktuell nicht mehr, die Infektionszahlen fallen. Auch wenn diese Entwicklung noch mit Vorsicht zu genießen ist, wird der Ruf nach einer Rückkehr zur Normalität lauter.

"Unnötige Belastungen beenden"

"Ich denke, es wird endemisch", so der konservative Abgeordnete Andrew Bridgen. Deshalb müsse die Regierung jetzt "die unnötigen Belastungen rund um Covid beenden: das Testen, die Quarantäne, den selbst verursachten Schaden, den wir unserer Wirtschaft zufügen. Wir sollten alle Restriktionen aufheben, sodass durch Wirtschaftswachstum wieder Geld in die Staatskasse fließt."

Allerdings schließen sich nicht alle dieser Forderung an. Auch unter den Wissenschaftlern gibt es Vertreter, die hörbar zurückhaltend formulieren. Zu ihnen gehört auch die deutsch-britische Mathematikerin Professor Christina Pagel, die zum unabhängigen Beraterstab der Regierung gehört. Sie warnte in der BBC, für endgültige Entscheidungen sei es noch zu früh.

"Zu früh für endgültige Entscheidungen"

"Wir hatten nun gerade einen Monat mit der schnellsten Ausbreitung von Covid seit Beginn der Pandemie", so Pagel. "Die Leute sind immer eifrig dabei, das Ende der Pandemie zu erklären. Das haben wir im Sommer 2020 gemacht und im Frühling, Sommer und Herbst letzten Jahres, und jetzt tun wir es wieder." Man müsse aufhören zu versuchen, die Pandemie in einen Zeitplan zu pressen. Und darüber nachdenken, wie man sich auf die nächste Variante vorbereiten und lernen könne, mit Covid zu leben.

Ein entsprechendes Konzept fordern auch viele Abgeordnete von der Regierung. Aber Boris Johnson ist im Augenblick schwer beschäftigt – mit der Schadensbegrenzung in eigener Sache.

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