Eine Spritze liegt an eine Ampulle mit dem Corona-Impfstoff von AstraZeneca gelehnt. (AFP)

Dass Deutschland die Impfung mit AstraZeneca vorerst gestoppt hat, sorgt in Großbritannien für Unverständnis. Der Impfstoff ist nach wie vor eine zentrale Säule der erfolgreichen britischen Impfkampagne. Die Rückkehr zur Normalität scheint nur noch eine Frage von Wochen zu sein.

In Großbritannien denkt man gar nicht daran, auf den Impfstoff von AstraZeneca zu verzichten. Im Gegenteil: Das unter anderem in England mitentwickelte Produkt ist nach wie vor eine zentrale Säule der erfolgreichen britischen Impfkampagne.

Umso größer war die Irritation im Vereinigten Königreich darüber, dass zahlreiche EU-Länder den Impfstoff vorerst nicht weiter verwenden. Was er davon halte, wurde Boris Johnson von einem Abgeordneten im Unterhaus gefragt. Die Antwort des Premiers - eindeutig: Das Beste, was er dazu sagen könne, ist, dass auch er nun auch endlich seinen Impftermin habe. Der Premier setzt auf AstraZeneca.

 Verwunderung unter Wissenschaftlern

Zahlreiche namhafte Wissenschaftler reiben sich verwundert die Augen, verstehen nicht, warum unter anderem Deutschland AstraZeneca vorerst nicht mehr einsetzen will. Einer von ihnen ist Jeremy Brown, Medizinprofessor und Mitentwickler der britischen Impfkampagne. Die Sorge der Deutschen vor der Thrombose sei übertieben, findet er. Es gebe keinen bewiesenen Zusammenhang zwischen der Vakzine und den vereinzelt auftretenden Hirnthrombosen, die als Grund für vorsorglichen Stopp angeführt werden. Außerdem habe diese Entscheidung schwere Folgen, führt er weiter aus.

Den Einsatz von AstraZeneca zu stoppen, dürfte zu mehr Krankheit und Todesfällen führen, prognostiziert Brown. Diesem Urteil schließt sich auch die deutsche Wissenschaftlerin Beate Kampmann an. Sie leitet die London School of Hygiene and Tropical Medicine und ist eine ausgewiesene Impf-Expertin. Seit Tagen muss sie nun ihren britischen Kollegen erklären, was in ihrem Heimatland gerade vor sich geht: "Die sagen zu mir, sie verstehen überhaupt nicht, was in Deutschland abläuft. Die sind doch sonst immer so gut organisiert."

 "Verhalten wird Menschenleben kosten"

Im Interview mit dem ARD-Studio London äußert sie sich besorgt. Während in Großbritannien die Inzidenz sinkt, könnte sich die Situation Deutschland schon bald erheblich verschlechtern, befürchtet sie. "In Italien haben wir die dritte Welle, die Intensivstationen sind schon wieder voll. Es ist abzusehen, dass sich das in Deutschland auch wieder ausbreiten kann. Ich verstehe einfach nicht, warum die da so hinter der Evidenz hinterherhinken."

Das europäische Impfchaos bestärkt in Großbritannien diejenigen, die froh sind, dass ihr Land die EU mittlerweile verlassen hat. Der Tory-Parlamentarier Anthony Brown vermutet, dass europäische Entscheidungsträger von Politik und nicht von der Wissenschaft getrieben seien. Dieses Verhalten werde in der EU Menschenleben kosten, so Brown weiter.

 Rückkehr zur Normalität in wenigen Wochen

Mittlerweile sind in Großbritannien mehr als 25 Millionen Impfdosen verspritzt worden - schon sehr bald wird die Hälfte aller Erwachsenen mindestens einmal geimpft sein. Anders als in Deutschland scheint die Rückkehr zur Normalität im Vereinigten Königreich nur noch eine Frage von Wochen zu sein.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 18.3.2021, 15 bis 18 Uhr

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