Symbolbild Häusliche Gewalt

Während des ersten Pandemie-Jahrs 2020 stieg die Zahl der Fälle von häuslicher Gewalt deutschlandweit an. Vor allem Frauen und Kinder leiden darunter. Dennoch suchen weniger Menschen in Frauenhäusern Schutz - auch das eine Folge der Pandemie.

Seit 2014 steigen die Fallzahlen von häuslicher Gewalt in Deutschland kontinuierlich, aktuell auf über 10.000 Fälle im vergangenen Jahr alleine in Hessen. 80 Prozent der Opfer sind Frauen - und genau jetzt ist das eingetroffen, wovor Experten gewarnt hatten: Die Pandemie hat die Situation in den Familien weiter verschlimmert. Wie sich das in der Kriminalstatistik 2021 zeigen wird, ist jetzt noch nicht erfassbar.

Was allerdings nicht zu den Zahlen passt: Es gibt keinen größeren Bedarf bei Frauen, in einem Frauenhaus Zuflucht zu finden. Das bestätigt auch Tina Meier vom Frauenhaus Erbach im Odenwaldkreis: "Bei uns zeigte sich der Anstieg besonders drastisch. Es gab 46 Prozent mehr Einsätze bei häuslicher Gewalt als im Vorjahr. Und die Fallzahlen sind immer noch deutlich erhöht, obwohl weder im Frauenhaus noch in der Frauenberatungsstelle mehr Anfragen eingehen."

Das Land in Schockstarre

Die Pandemie spielt dabei eine ganz entscheidende Rolle, sagt Meier: Sie verzerre das Bild, denn die Dunkelziffer sei wohl weitaus höher, so ihre Vermutung. "Die Corona-Pandemie stellt ganz sicher Familien generell vor große Herausforderungen. Das alles führt natürlich schnell zu einer erhöhten Anspannung und Stress", sagt Meier.

Gundula Schmieding vom Frauenhaus in Waldeck Frankenberg macht die gleichen Erfahrungen, wohl wissend, dass innerhalb der Familien gerade jetzt die Auseinandersetzungen zunehmen. "Teilweise gab es gar nicht so viele Anfragen. Gerade am Anfang der Pandemie war es, als wäre das ganze Land in einer Schockstarre und es bimmelte hier kein Telefon", so Schmieding. Eine Erklärung für diese Schockstarre liefert sie auch: "Dass Kinder während des Lockdowns nicht in Schulen und Kindergärten gingen. Das heißt, dass andere gar nicht mitbekamen, was mit den Kindern und Müttern zu Hause geschieht."

Mehr Wut gegenüber Frauen

Die Menschen erreichen und das Schweigen brechen - das spielt gerade jetzt, wo Frauen kaum aus ihrer häuslichen Isolation ausbrechen können, eine umso größere Rolle. Dazu hat Familienministerin Franziska Giffey in Berlin den Jahresbericht des Hilfetelefons vorgestellt, das seit 2013 existiert: Zu Beginn suchten rund 47.000 Menschen so Hilfe und Beratung, 2020 waren es etwas mehr als 80.000. Häusliche Gewalt und die Gewalt in einer Paarbeziehung sind laut Bericht die häufigste Form der Gewalt.

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Diesen Trend beobachtet auch Sara Muth vom Sozialdienst Katholischer Frauen (SKF) in Fulda. Auch hier ist das Frauenhaus nicht stärker frequentiert, die Beratungen am Telefon haben allerdings signifikant zugenommen. "Was wir erleben ist, dass die Einzelfälle heftiger sind, weil die Wut und die Situation zu Hause nochmal heftiger sind als sonst. Es geht um Existenzängste und da entlädt sich nochmal mehr Wut an den Frauen", so die Geschäftsführerin.

Stärkere öffentliche Präsenz macht Hoffnung

Auch Online- beziehungsweise Video-Beratungen bietet der SKF in Fulda an, die von Frauen oft in den kleinen zeitlichen Lücken genutzt werden, in denen sie alleine sind. Das Telefon ist dabei das Mittel der Wahl, so Sara Muth. Seit Beginn der Corona-Krise wird bundesweit verstärkt auf das Hilfetelefon als zentrale Erstanlaufstelle hingewiesen. Durch die immer stärker werdende Präsenz in der Öffentlichkeit hofft man, dass Menschen vermehrt dieses Angebot nutzen, denn der Bedarf steigt Jahr für Jahr.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 11.05.2021, 6 bis 9 Uhr

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